Wut, Tränen, Schmerzen und die Utopie von einem guten Leben

Die letzten zwei Wochen waren mal wieder über die Maßen kräftezehrend: Ich war krank erwerbstätig. Als ich vor 14 Tagen einen Zwerchfellkrampf hatte, hatte ich erst einmal keine Ahnung davon, dass das mit Übelkeit, Kreislaufproblemen, Krämpfen und großem Unwohlsein einher gehen kann. Ich war gesundheitlich sehr angeschlagen.

Da wir uns kurz vor den Weihnachtsferien befinden, war es mir aber finanziell nicht möglich, jetzt vor den Ferien auch noch ohne Einkommen zu sein aufgrund von Krankheit. In diesem Jahr sind Kita und Schule drei Wochen zu, wovon ich sowieso nur höchstens zwei Wochen nicht erwerbstätig sein kann. Aus diesem Grund war ich also mal wieder krank erwerbstätig (wie vor eineinhalb Jahren) und habe es diesmal abgrundtief gehasst. Denn. Was ist das für ein Leben, in dem ich nie schwach sein kann? In dem ich immer funktionieren muss? Nachdem sich mein Hass gelegt hatte, konnte ich diese absurde Situation dann betrauern. Es gab einen Tag, da saß ich im Homeoffce vor dem Computer und habe geheult. Schmerzen und Wut ergossen sich in Tränen und einem Tweet:

Es ist völlig unrealistisch, dass ein Mensch immer stark ist. Aber von mir als alleinerziehender, berufstätiger Mutter wird es verlangt. Nicht direkt. Natürlich nicht. Aber indirekt, weil die gesellschaftlichen Strukturen so sehr auf Erwerbsarbeit und Wirtschaftswachstum aufgebaut sind und Bedürfnisse eigentlich nur eine Daseinsberechtigung haben, wenn du dir deren Befriedigung finanziell leisten kannst.

Ich habe es geschafft mich und meine Kinder aus der gröbsten finanziellen Not zu befreien in dem ich den größten Teil meines Einkommens als selbständige virtuelle Assistentin generiere. Und auch da ist mir bewusst, dass ich Glück habe, denn ich arbeite nicht, wie manche Selbständige in dem Bereich für 10,00 Euro oder 12,00 Euro die Stunde (ich habe solche Angebote schon erhalten – da entsteht ein neuer prekärer Arbeitsmarkt!). Aber da endet die Erfolgsgeschichte dann auch schon. Zumindest in finanzieller Hinsicht, denn ich kann es mir nicht leisten länger krank zu sein und das geht eigentlich nicht und so möchte ich auch nicht leben. Das Ganze macht mir auch Angst und ich frage mich, was kommt noch? Mir ist in den letzten Wochen klar geworden, dass wir zwar nicht mehr am 20. des Monats fast kein Geld mehr haben, weil die Sozialleistungen nicht weiter reichen. Mein Einkommen reicht jetzt bis zum letzten des Monats, aber eben auch nicht darüber hinaus und auch nicht zum krank sein.

Ich habe so Sehnsucht nach dem Meer und hatte im Sommer etwas gemacht, was ich noch nie getan habe seit ich Kinder habe: Preise für Ferienwohnungen an der Ostsee googeln. Schnell war klar, dass das auch mit meinem jetzigen Einkommen unerschwinglich für uns ist. Denn als Selbständige verdiene ich im Urlaub kein Geld und müsste dann auch noch viel Geld im Urlaub ausgeben nur für die Ferienwohnung. Das ist einfach nicht möglich. Und ehrlich gesagt, habe ich das schnell wieder verdrängt, denn es nützt ja nichts. Aber als ich krank im Homeoffice saß, kam das natürlich auch wieder mit hoch. Während sich viele Menschen im Moment bedauern, weil sie ihren Jahresurlaub nicht machen können wegen der Corona-Pandemie, konnte ich das mit meinen Kindern noch nie. Auch ohne Pandemie. Und ich kann nicht krank sein. Also, können kann ich es schon, aber ich darf es nicht. Rein vom Einkommen her kann ich es mir nicht leisten. Ich frage mich, was noch kommen mag und da Gesundheit ein fragiles Gut ist, habe ich Angst davor, dass ich einmal so sehr krank sein könnte, dass ich eben wirklich nicht mehr erwerbstätig sein kann. Das würde für uns sofort wieder den Gang zum Jobcenter nach sich ziehen, denn ich kann auch mit meinem relativ guten Stundenlohn als virtuelle Assistentin keine großen Rücklagen bilden. Diese Erkenntnis ist ernüchternd und erschütternd für mich.

Während in dieser Woche die Krämpfe und das Unwohlsein bei mir langsam abgenommen haben, fand im Bundeskanzleramt der Autogipfel statt.

Als dann am nächsten Tag im Radio berichtet wurde, dass die Automobilindustrie wieder mit drei Milliarden Euro unterstützt werden soll, habe ich wirklich noch einmal mehr den Glauben an unsere Politik verloren und in mir entbrannte wieder: Wut.

Während von uns Bürgern erwartet wird, dass wir für schlechte Zeiten vorsorgen, wird die Automobilindustrie finanziell an die Hand genommen. Während Pflegepersonal bis zum Umfallen unter schwersten Bedingungen (teilweise sogar Corona-positiv-getestet!) und zu einem Hungerlohn arbeitetet, während also Schulen weder mit Luftfiltern, noch mit pandemietauglichen Lernkonzepten ausgestattet sind, während Kindergärten versuchen ihre Arbeit weiterhin zu erledigen unter schwierigen pandemiebedingten Herausforderungen und Eltern, Alleinerziehende und pflegende Angehörige nicht mehr nur an der Vereinbarkeit von Familie / Pflege und Beruf zu scheitern drohen, sondern auch am Bestreiten ihres Lebensunterhalt, während die Gastronomie und der Kulturbereich teilweise den Bach runter gehen, weil es für viele Menschen einfach nicht möglich ist, so viele Wochen ohne Einnahmen / Einkommen zu sein, während also wirklich viele Menschen kräftemäßig und finanziell zu kämpfen haben, wird die Automobilindustrie unterstützt, die in guten Zeiten wirklich hätten Geld auf die Seite legen können für schwierigere Zeiten wie diese. Ich empfinde das als eine perverse Entwicklung.

In der taz erschien ein Beitrag über die Verteilungswirkung des Konjunkturpakets vom Sommer (aufgrund der Corona-Pandemie) und das Ergebnis ist für mich nicht überraschend und dennoch höchst ärgerlich:

„73 Prozent des Gesamtvolumens, nämlich 121 Milliarden Euro, entfielen auf Branchen und Bereiche, in denen mehrheitlich Männer vertreten sind, sagte Wiesner. Nur 4,25 Prozent dagegen gingen an Branchen, in denen mehrheitlich Frauen arbeiteten.

Die Förderung von Infrastruktur und Investitionen in den Bereichen Nachhaltigkeit und Innovation sowie die Förderung von Bildung und Gesundheit käme vor allem Männern zugute, denn die Unterstützungen beträfen nur bauliche Investitionen; es gebe keine direkte Förderung von Beschäftigung in Bildung, Erziehung und Gesundheit, so Wiesner.“

Anders ausgedrückt hat das, was den Care-Bereich betrifft, Uta Meier-Gräwe (emeritierte Professorin für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwissenschaft am Institut für Wirtschaftslehre des Haushalts und Verbrauchsforschung der Justus-Liebig-Universität Gießen), sie schrieb in einem sehr vielschichtigen unbedingt lesenswerten Beitrag zum Thema Care-Arbeit vor wenigen Wochen:

„Der Bereich der Reproduktion sei gerade heute einem barbarischen Ressourcenentzug ausgesetzt, der nicht mehr nur die privaten Haushalte und die darin gratis verrichtete Care-Arbeit, sondern eben auch die bezahlten Care-Berufe betrifft, die massiven Sparzwängen und einer erheblichen Arbeits- und Leistungsverdichtung ausgesetzt sind.“

Ein sehr vielversprechender Ansatz um derart eindimensionales politisches Handeln zu vermeiden wäre der des vorsorgenden Wirtschaften. Ich lese im Moment das Buch „Vorsorgendes Wirtschaften“ (Auf dem Weg zu einer Ökonomie des guten Lebens, erschienen im Kleine Verlag und publiziert vom Netzwerk Vorsorgendes Wirtschaften) und da steht etwas außerordentlich wichtiges auf Seite 59:

„Der verantwortliche Umgang mit Asymmetrie und Abhängigkeiten ist nicht nur kennzeichnend für Sorgesituationen, er ist zugleich auch ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal zu Tauschsituationen, wie sie in der Erwerbswirtschaft dominieren.“

Ich frage mich, wie mein und unser aller Leben aussehen würde, wenn es im öffentlichen (Bildung, Erziehung, Pflege, Reinigung, Hauswirtschaft) und privaten Care-Bereich (Kinder, pflege- und betreuungsbedürftige Menschen, Eltern, Alleinerziehende, pflegende Angehörige, young Carer) einen verantwortlichen Umgang geben würde mit Asymmetrien und Abhängigkeiten? Da sich vorsorgendes Wirtschaften anders als die Mainstream-Ökonomie, eben nicht nur mit Gewinnmaximierung beschäftigt, sondern Wirtschaft hier verstanden wird als Einheit von Erwerbs- und Versorgungswirtschaft, ist das für mich eine lebenswerte Utopie, die hoffentlich irgendwann Realität wird. Das gibt mir Zuversicht und Kraft zum weiter machen. Irgendwie.

Nun bin ich froh, dass es mir gesundheitlich wieder besser geht, dafür melden sich andere Sorgen, wie die kaputte Kühlschranktür und das Drehkreuz in meinem Eckschrank in der Küche, dass zusammengebrochen ist. Eine neue Küche, wäre schon lange notwendig, war aber finanziell auch nie möglich in den letzten Jahren. Das Auto, dass eigentlich im September erst repariert wurde, macht auch schon wieder Geräusche, wie ein alternder, röhrender Hirsch. Während ich also zumindest nicht mehr mit Übelkeit und Bauchkrämpfen erwerbstätig sein muss, warten die nächsten Probleme, zusätzlich zu den Herausforderungen der Corona-Pandemie. Eigentlich ist mein größer Wunsch im Moment: Ausruhen und keine Sorgen mehr haben. Ob das gelingt? Ich bin nicht so sicher. Der einzige Lichtblick in dieser schwierigen Zeit sind die lustigen Momente mit meinen Kindern und mit meinen Leser*innen auf Twitter und die Utopie vom guten Leben für alle, die ich hoffentlich auch noch in der Realität erleben werde. Ganz bestimmt jedoch werden ich immer wieder darüber schreiben. Sicher!

P.S.: Wenn Ihr meine Arbeit zur Anerkennung und zum sichtbar machen der privaten Care-Arbeit unterstützt freue ich mich sehr. Hier geht es zu PayPal: https://paypal.me/ClaireFunke

Bild von Marc Hatot auf Pixabay

Ein Gedanke zu “Wut, Tränen, Schmerzen und die Utopie von einem guten Leben

  1. Francis Bee schreibt:

    „Zwerchfellkrampf (Phrenospasmus) ist ein Unwillkürliches Zusammenziehen der Zwerchfellmuskulatur. So lange der Krampf andauert, kann keine Atemluft in die Lungen einströmen. Eine harmlose Form des Zwerchfellkrampfs ist der Schluckauf.“ … übel.

    Ja, ich kratze auch auf dem Zahnfleisch. Nichts geht mehr, kein Geld kommt rein und Verkäufe sind (fast) bei Null.

    Krank-werden ist ohnehin nicht erlaubt (ich meine so krank, dass man nicht mehr arbeiten gehen kann) und wenn, dann bitte bald sterben.
    Das ist meine Erfahrung innerhalb von einem Jahr Pflege und selbst dabei krankgeschrieben zu sein.
    Die Gutachterin meint aber, dass ich 3-6 Stunden arbeiten könnte.
    Davon habe ich leider NICHTS, denn mehr Geld als jeztzt als ALG-II-Bezieherin bekäme ich nicht, weil ich dann erstmal die an mich ausgezahlten Beträge „abzahle“. Am Ende würde ich bei Eintritt in die Altersrente 10,8 % für die Schwerbehinderung abgezogen und auch nicht mehr ausgezahlt bekommen, als ich derzeit bekomme. Das habe ich mir 3x (1x DRV, 1x privater Rentenberater) ausrechnen lassen.
    Faktisch wollen DIE mich kaputt machen, damit ich möglichst schnell abkratze.

    Meine Mutter hat es geschafft … sie hat sich nach einem chaotischen Pflegeheimjahr in eine hoffentlich bessere Welt aufgemacht.
    Mein Stiefvater arbeitet da noch dran … er dämmert mit Demenz im Pflegeheim vor sich hin. Jetzt wollen DIE ihn loswerden und der gesetzliche Betreuer macht da auch noch mit.
    Umglaublich !!! diese Abschiebetaktik.

    Schade, dass das mit dem Drehkreuz jetzt passiert ist, denn ich hatte eins aus der Kücke meiner Mutter. Das ist jetzt … keine Ahnung wo.

    Trotz der vielen Sorgen beneide ich Dich. Du hast noch eine Familie, Deine Kinder.
    Ich bin jetzt zwangserwachsen. Das finde ich richtig doof.

    LG Francis

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