Ich, du, er, sie, es, sind bedürftig: Von Bedürfnissen, Bedürftigkeit, Fürsorge und einer Laptop-Ente

Der September ist für mich mit der stressigste Monat im Jahr, weil Kita und Schule wieder beginnen, Schulzeugs besorgt werden muss, Elternabende stattfinden und wir alle drei auch noch in diesem Monat Geburtstag haben. Dieses Jahr fand in der Kita zumindest kein Elternabend statt aufgrund der Corona-Pandemie. Den in der Schule konnte ich nicht besuchen, weil er am Geburtstag vom kleinen Kind stattfand. Eigentlich somit heuer sogar zwei Termine weniger als sonst, aber, dafür hatten wir dann Termine am SPZ. Also. Alles wie immer im September: Irgendwie sehr stressig. Jedenfalls kommt mein Bedürfnis nach Ruhe und Entspannung in diesem Monat noch mehr zu kurz als in anderen Monaten.

Ich arbeite jetzt ziemlich genau seit 3 Jahren im Homeoffice und habe seit letztem Winter genügend Aufträge als virtuelle Assistentin, so dass wir davon leben können ohne noch Sozialleistungen beziehen zu müssen. Dennoch haben mich die Jahre mit sehr wenig Geld geprägt. Es hat einige Monate gedauert, nachdem ich genügend Aufträge hatte, bis ich nicht mehr den Wert des Einkaufswagens ausgerechnet habe vor dem Bezahlen an der Kasse. Jetzt im Herbst war das große Kind so viel gewachsen, dass wir seine ganz Garderobe austauschen mussten, weil wirklich nichts mehr gepasst hat. Die Füße waren plötzlich auch gleich zwei Nummern größer. Das habe ich vorher auch noch nie so erlebt und noch vor einem Jahr, wäre es sehr schwierig gewesen für mich, so viel neue Kleidung / Schuhe auf einmal zu kaufen und das auch noch zu Schuljahresbeginn. Heute bin ich dankbar dafür, dass ich es einfach konnte und ich bin dankbar, dass mein Bedürfnis nach etwas mehr finanzieller Sicherheit ein Stück weit gestillt ist. Da ich den überwiegenden Anteil meines Einkommens aber aus selbständiger Arbeit bestreite, ist das mit der finanziellen Sicherheit dennoch irgendwie eine unsichere Sache, die mich zumindest in Gedanken weiterhin beschäftigt, denn, was mache ich, wenn ich ausfalle?

Dankbarkeit ist ein Gefühl, dass mich in den letzten Wochen häufig erfüllt. Hätte ich im Jahr 2015 nicht von dem Projekt von Alexandra Widmer (www.starkundalleinerziehende.de) gehört, wäre mir niemals in den Sinn gekommen einen Blog zu schreiben und ich hätte nie eine Petition und eine Bundestagspetition zur Anerkennung und zur finanziellen Absicherung von privater Care-Arbeit ins Leben gerufen. Als Bloggerin erfülle ich mir das Bedürfnis nach Teilhabe an der Gesellschaft, die mir als alleinerziehende, berufstätige Mutter ohne den Blog fast nicht möglich war und weshalb ich mich häufig einsam fühlte und manchmal auch ohnmächtig. Mit großer Wahrscheinlichkeit wäre ich heute immer noch im Hartz-IV-Bezug, denn erst durch eine Leserin im Blog wurde ich aufmerksam auf die Möglichkeit als virtuelle Assistentin zu arbeiten. Ich habe in diesem Internet, durch den Blog viele Menschen getroffen, die mich unterstützt haben, die mir Mut gemacht haben, die zugehört haben, die meinen Wissensdurst gestillt haben, die mir Hoffnung gegeben und mich inspiriert haben. Damit wurden viele meiner Bedürfnisse gestillt. Das es mir und meinen Kindern heute ganz gut geht, da haben viele Menschen mitgeholfen, oft auch im Stillen ohne groß Aufhebens darum zu machen. Ich denke an Euch alle und ich danke Euch allen. Von Herzen.

Neben der Dankbarkeit die mich im Moment öfters durchflutet, gibt es eine Situation aus meiner Kindheit die mich jetzt häufiger beschäftigt. Ich war in der dritten Klasse und meine Mutter kam nicht mehr wieder von einer Reise. So erzählte das zumindest meine Oma damals. Meine Mutter hatte keinen Unfall oder so und war nicht krank. Sie war einfach weg. Ihr Leben leben. Ohne mich. Meine Oma, die damals auf mich aufpasste, wusste keine bessere Lösung, als mich aus der Nähe von München, wo wir damals wohnten, mit in ihre Heimatstadt nach Oberfranken zu nehmen um mich dort in die Schule zu schicken. Meine Mutter hatte mich zurückgelassen und ich verlor dadurch, sie und alle Freundschaften, die ich geschlossen hatte, verlor mein Umfeld, mein zu Hause. Verlor einfach alles. Dieses einschneidende Lebensereignis hatte ich lange abgespeichert als: Umzug. Ein Umzug ist aber etwas ganz anderes, als zurückgelassen zu werden und alles zu verlieren was ich als Kind hatte. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis ich realisieren konnte, was da passierte. Erst in den letzten Monaten wurde mir richtig bewusst was ich da als 9-Jährige erlebt habe: Eine traumatische Verlusterfahrung die bis heute wirkt.

Bedürfnislos zu sein erschien mir, aus dieser und vieler anderer Erfahrungen heraus, Jahrzehnte lang ein erstrebenswerter Zustand zu sein. Anders ausgedrückt würde ich sagen: Ich hatte ein großes Bedürfnis nach Bedürfnislosigkeit. Denn, wer keine Bedürfnisse hat, hat nichts und so konnte ich wenigstens auch nichts mehr verlieren. Abhängig zu sein war als Kind und Erwachsene schlimm für mich weil meine engsten Bezugspersonen sehr unglücklich umgegangen sind mit meinen Bedürfnissen. Heute bin ich mir bewusster denn je, dass ich abhängig bin und Fürsorge brauche von mir und von anderen und ich kann es aushalten. Ich fühle mich nicht mehr schlecht dabei Bedürfnisse zu haben. Es hat mich viele Jahre Therapie gekostet eigene Bedürfnisse überhaupt wahrzunehmen und es hat nochmals viele Jahre gebraucht, zu kapieren, dass ich meine Bedürfnisse auch leben muss.

Ich weiß also leider sehr gut, was es bedeutet wenn wesentliche Bedürfnisse nicht gestillt werden. Aus diesem Grund ist es mir unheimlich wichtig, auf die Bedürfnisse meiner Kinder einzugehen. Dennoch frage ich mich oft, ob ich die wichtigsten Bedürfnisse meiner Kinder wirklich immer stillen kann? Manche sicher schon. Andere vielleicht nicht? Das ist ein Thema, das mich sehr oft in Gedanken umtreibt.

Wir hatten in dieser Woche unseren letzten Termin am SPZ und hier hatte ich ein Erlebnis, dass mich wütend und glücklich zugleich gemacht hat. Das Kind absolvierte einen Test mit der Psychologin und sie sagte danach, dass er es sehr gut machte und das sie aber auch an einigen Stellen auf ihn eingehen musste und dass aber nicht alle (z. B. Therapeut*innen / Betreuer*innen / Lehrer*innen) so wären wie sie. Ich war auf der einen Seite wahnsinnig froh und dankbar, dass wir auf eine sehr zugewandte Fachfrau getroffen waren und fragte mich auf der anderen Seite, warum das eine Ausnahme sein soll bzw. warum wir das nicht von allen medizinischen / pädagogischen / psychologischen Fachfrauen / Fachmännern erwarten können. Nämlich, dass diese eben auf das Gegenüber so eingehen, wie es benötig wird. Mein Kind ist in machen Situationen herausfordernd. Ja. Er ist aber eben ein Kind und daher sind die Erwachsenen dann dafür zuständig Situationen zu schaffen, die den Bedürfnissen des Kindes entsprechen. Oder anders gesagt, die Fachmenschen müssen sich anpassen an die Anforderungen eines Kindes und nicht umgekehrt. Sicherlich ist vieles was im öffentlichen Care-Bereich nicht gut läuft, nicht alleine die Schuld von einzelnen Fachpersonen, sondern vielmehr ein Fehler im System, dass Care-Bedürfnisse immer hintenanstehen lässt und wirtschaftliche Belange immer Vorrang haben. Das hat zu massiven Einschränkungen in der Daseinsvorsorge geführt und in eine Care-Krise, die vielen Menschen nicht bewusst ist.

Das Beitragsbild habe ich übrigens gewählt, weil das Kind die Ente mit dem Laptop geschenkt bekommen hat von der empathischen Psychologin. Es stellte sie gestern zu seinen anderen zwei Enten und meinte dazu, während er auf die Ente mit dem Laptop zeigte: „Das bist du, die Ente mit der Taucherbrille bin ich und die andere Ente ist T. (Bruder).“ Ich musste lachen, denn als Computer-Ente entspreche ich nicht gerade dem gängigen Mutter-Bild. Passt! Würde ich sagen. Ich will nämlich in keine Schublade.

Wie gehen wir in der Gesellschaft mit Bedürfnissen um? Das scheint mir eine der drängendsten und bisher leider weitgehend ungeklärten Fragen unserer Zeit zu sein. Ich hatte in der Erwachsenenbildung einen Teilnehmer, der erzählte mir von seiner Erwerbsarbeit, die er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausführen konnte. Als ich ihn fragte, warum der langjährige Arbeitgeber auf seine gesundheitlichen Bedürfnisse durch ein Rückenleiden nicht einging und den Arbeitsplatz so umbaute, dass der Mann seine Arbeit wieder mache konnte antwortetet er mir: „Das wäre zu teuer gewesen.“ Wollen wir wirklich eine Gesellschaft sein, die Menschen derart benutzt und sie dann aussortiert, wenn sie den Nutzen für uns verloren haben? Warum setzen wir uns nicht alle viel mehr dafür ein, das auf die grundlegenden menschlichen Bedürfnisse eingegangen wird? Im Bezug auf den langjährigen Mitarbeiter würde ich sagen, er hätte es verdient gehabt, dass man seine veränderten gesundheitlichen Bedürfnisse bei der Arbeitsplatzgestaltung berücksichtigt. Nachdem ich 10 Jahre in der Erwachsenenbildung gearbeitet habe und durch den Blog natürlich auch viele derartige Schicksale anvertraut bekomme, kann ich sagen, dass sind keine Einzelfälle! Und so lange der weiße, gesunde Mann als die Norm der Menschen gilt, obwohl er nur die Hälfte der Menschheit ausmacht, wird das auch so bleiben.

Ich merke immer mehr, dass es in mir brodelt, wie in einem Vulkan, der kurz vor dem Ausbruch steht, wenn es um die Missachtung von grundlegenden menschlichen Bedürfnissen geht und das hat nicht nur, aber auch ganz sicher etwas mit meinem langen und mühevollen, manchmal quälenden Bedürfnis-Entwicklungsweg zu tun. Ein Weg, der vielleicht nie ganz zu Ende gehen wird und der vor allem nicht mit einer Auszeichnung oder einem Diplom endet. Wenn in unserer Gesellschaft von Lebensleistung gesprochen wird, ist dabei meistens nur die Leistung im Rahmen von Erwerbsarbeit gemeint. Allerdings werden wir damit vielen Menschen in unserer Gesellschaft nicht gerecht, denn Leben ist so viel mehr und noch was ganz anderes als nur Erwerbsarbeit und Wirtschaft. Jede Entscheidung die politisch gefällt wird, sollte daher vorher überprüft werden dahingehend was sie für Auswirkungen hat auf die lebensnotwendigen Bedürfnisse von: Kindern, Menschen mit Behinderung, alte Menschen, kranke Menschen, pflegebedürftige Menschen, betreuungsbedürftige Menschen, Eltern, Alleinerziehende, young Carerer, pflegende Angehörige, Frauen (Stichwort: Gender Data Gap), Reinigeungskräfte, Lehrer*innen, Erzieher*innen, Gesundheits- und Krankenpfleger*innen, Hauswirtschafter*innen, Altenpfleger*innen.

Die genannten Personengruppen haben entweder lebensnotwendige Bedürfnisse oder sie sind wichtig dazu, um lebensnotwendige Bedürfnisse zu befriedigen. Die Bedürfnisse der Menschen sollten im Vordergrund stehen in unserem Denken und Handeln und nicht die Erwerbsarbeit und die Wirtschaft. Oder, anders ausgedrückt als Forderung nach Care-Mainstreaming, steht in dem wichtigen Positionspaper von Care.Macht.Mehr folgendes:

„Überall in ökonomischen und sozialpolitischen Planungsprozessen soll Care von Beginn an mitgedacht werden: Care Mainstreaming heißt, dass bei allen politischen Maßnahmen aller Ressorts die Auswirkungen auf Menschen, die Care-Verantwortung tragen, die Care-Tätigkeiten leisten oder die Care benötigen, als verpflichtende Dimension bei Entscheidungen berücksichtigt werden. Es braucht dafür eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung darüber, wie wir Care gemeinsam organisieren wollen, in der die Stimmen aller Beteiligten gehört werden.“

P.S.: Wenn Ihr meine Arbeit zur Anerkennung und zum sichtbar machen der privaten Care-Arbeit unterstützt freue ich mich sehr. Hier geht es zu PayPal: https://paypal.me/ClaireFunke

PPS.: Lesenswerte Beiträge zum Thema Care und Care-Arbeit und sonstigen mit wichtigen Themen:

  • Die Pfleta ist noch ein Zukunftsszenario, aus dem Beitrag: „Für Kinder gibt es einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz und landauf, landab werden neue Kitas eröffnet. Was beim Nachwuchs selbstverständlich ist, gewähren wir den alten, hilfebedürftigen Menschen in unserer Gesellschaft nicht. Zwar besteht ein gesetzlicher Versorgungsauftrag. In der Praxis gibt es aber kaum Möglichkeiten, einen pflegebedürftigen Menschen tagsüber zuverlässig betreuen zu lassen. Bleiben nur die Angehörigen, die sich kümmern.“
  • Unbedingt lesenswert zum Thema CareArbeit von Ina Praetorius: „Nur schon dieser Gedanke lasse Gott unerträglich klein erscheinen, meinte einer. Haushalten, so fragten wir zurück, sei also zu trivial für ein Göttliches, das laut christlicher Tradition vor ungefähr 2000 Jahren als schreiendes scheißendes Baby im Stall zu Bethlehem zur Welt gekommen ist? Traut ihr Pfaffen euch nicht zuzugeben, dass ihr alle von dieser Art des Tätigseins abhängig seid, um, rundum versorgt und wohlgenährt, mit euren kantigen Herrgottspredigten das Geld verdienen zu können, das euch das Recht zu geben scheint, euch „Ernährer“ eurer Familien zu nennen?“
  • Care-Arbeit: Aus der Krise in die Utopie – ein Text von Teresa Bücker:„Eine nachhaltige Organisation unserer Gesellschaft muss also dabei anfangen, die Care-Arbeit nicht nur als Teil der Wirtschaft zu sehen, sondern sie als konstituierend für ein funktionierendes Land zu verstehen. Die Abwertung, die Care-Arbeit als privates Problem und minderwertige Arbeit auffasst, muss abgelöst ­werden von der Anerkennung als herausfordernde und unverzichtbare Arbeit.“
  • Care-Arbeit: Auf dem Rücken von Migrantinnen – ein Beitrag von Mateja Meded: „Außerdem habe ich begriffen: „Frauen wie meine Mutter und meine Großmutter werden unsichtbar gemacht, obwohl sie in bestimmten Bereichen Expertinnen sind.“
  • Wichtiges Positionspapier von Care.Macht.Mehr. zum Thema Carearbeit: „Die finanzielle Absicherung von privater Carearbeit von Eltern und pflegenden Angehörigen ist einer von vielen wichtigen Punkten bei den Forderungen: „Das Care-Zeit-Budget sollte daher über den gesamten Lebensverlauf hinweg selbstbestimmt und flexibel für unterschiedliche Care-Aufgaben genutzt werden können. Und es muss, da es um gesellschaftlich relevante Tätigkeiten geht und die Erwerbsgesellschaft auf diese angewiesen ist, auch mit einem Lohnersatzanspruch und sozialer Sicherung einhergehen. Ein solches “Optionszeitenmodell” zielt darauf, berufliche Unterbrechungen oder Arbeitszeitreduzierungen für Care-Aufgaben für alle Menschen zu einer neuen Normalität zu machen. Wenn diese selbstverständlich werden, tragen nicht mehr vor allem Frauen die Risiken für Care-bedingte berufliche Auszeiten.“

2 Gedanken zu “Ich, du, er, sie, es, sind bedürftig: Von Bedürfnissen, Bedürftigkeit, Fürsorge und einer Laptop-Ente

  1. Sarah (mutter-und-sohn.blog) schreibt:

    Toller Beitrag! Ich werde ihn teilen. Finde, er soll noch viel mehr Leser/innen finden. Was du übrigens über den plötzlichen Verlust deiner Mutter schreibst, berührt mich tief. Deine Offenheit empfinde ich als wertvoll, danke!😊 Viele Grüße, Sarah (mutter-und-sohn.blog)

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  2. Judith schreibt:

    Danke für diesen inspirierenden Text! Ich habe nur eine Anmerkung – ich verstehe gut, was gemeint ist mit dem gesunden, weißen Mann. Nur – er macht nicht die Hälfte der Weltbevölkerung aus. Allerdings weiß ich auch nicht wie viel Prozent es sind, weniger als die Hälfte und trotzdem bestimmen sie so häufig das Denken und die Normen. Schön wäre wirklich, wenn politisches Handeln von anderen Dingen geleitet wäre.

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