Die Wahl zwischen Pest und Cholera in Zeiten der Corona-Krise

Nachdem mein letztes befristetes Arbeitsverhältnis in der Erwachsenenbildung ausgelaufen war im September 2017, bin ich selbstständig als virtuelle Assistentin. In der Zwischenzeit habe ich aufstockendes Hartz-IV bezogen und später dann Wohngeld, denn als Selbständige hatte ich nicht von Anfang an genügend Aufträge. Mittlerweile benötigen wir seit November 2019  keine Sozialleistungen mehr und das sollte mich Stolz machen. Zumindest ein bisschen. Aber eigentlich ist es mir an dieser Stelle des Text eher zum Heulen. Tränen laufen.

Rückblick

Wie schwierig es ist mit einem 5-jährigen und  einem 12-jährigen Kind vollzeitnah im Homeoffice zu arbeiten, habe ich in den Weihnachtsferien erlebt. Ich hatte nicht die ganzen Ferien frei, aufgrund von mangelnden finanziellen Rücklagen und Selbständigkeit bedeutet eben, bei Urlaub oder Krankheit, keine Einnahmen zu haben. Jedenfalls war es so nervenaufreibend in den Weihnachtsferien mit den Kindern zu Hause erwerbstätig zu sein, dass ich mir vorgenommen hatte die Zeiten, in denen die Kita geschlossen ist, auf alle Fälle nicht mehr zu arbeiten. Das war der Plan. Ende Dezember 2019. Ha! Deshalb habe ich allen meinen Auftraggebern Anfang 2020 die Schließzeiten der Kita als Urlaubszeiten mitgeteilt, nicht einmal wissend, ob ich dafür das Geld habe, aber ich hatte an Weihnachten gemerkt, dass ich einfach keine Kraft für diese Doppelbelastung habe.

Im Februar war das kleine Kind sehr oft krank. Zuerst Magen-Darm an einem Wochenende, an dem ich nachts um 1.30 Uhr das ganze Bett auseinandernehmen musste, weil die Kotze durch die Besucherritze (das kleine Kind schläft noch bei mir, weil es kein eigenes Zimmer hat) bis auf den Fußboden gelaufen war. Gleich eine Woche später musste ich den Kleinen dann wieder aus der Kita holen, weil er Fieber hatte. Das war an einem Freitag um 10.00 Uhr und ich war noch nicht fertig mit der Erwerbsarbeit im Homeoffice. Ich steckte das kleine Kind ins Bett, machte ihm ein Hörspiel an und ging zurück an den zum Schreibtisch umfunktionierten Esstisch. Das Kind wimmerte. Ich war erwerbstätig. Das Kind wimmerte. Ich ging hin, versuchte es zu beruhigen. Versuchte weiter erwerbstätig zu sein. Das Kind wimmerte. Ich ging hin, versuchte zu beruhigen. Versuchte weiter erwerbstätig zu sein. Etwas zerbrach in mir. Denn. Wann wenn nicht jetzt hatte mein Kind meine ganze Aufmerksamkeit verdient? Wann? Wenn nicht jetzt? Verdammt nochmal! Ich hasse dieses Leben zeitweise, weil es so krisenhaft ist. Und ich habe mich zu diesem Zeitpunkt in eine Festanstellung zurückgewünscht, denn, dann hätte ich mich durch die bezahlten Kind-Krank-Tage einfach nur um mein krankes Kind kümmern können.

Wir haben den Freitag mit Fieber und Homeoffice dann irgendwie überstanden. Meine Mutter kam am Nachmittag vorbei, weil ich noch einkaufen musste und das fiebernde Kind konnte ich nicht alleine lassen und ich hätte es auch nicht mit dem großen Kind alleine lassen wollen. Am Samstag fieberte der Kleine weiter und ich legte mich zum ihm ins Bett. Ich musste ja nicht erwerbstätig sein und dieser kleine, kranke Mensch fragte mich, weil er anscheinend meine Zerrissenheit am Vortag gespürt hatte: „Mama, musst du nicht arbeiten?“ Diese Aussage machte mein Herz schwer. So schwer. Tränen liefen. Wann? Wenn nicht jetzt sollte dieses Kind alle Aufmerksamkeit bekommen? Wann wenn nicht jetzt? Wenn es krank ist?

Doppelbelastung oder Armut? – Pest oder Cholera?

Dieses Leben als Selbständige und auch gleichzeitig noch alleinerziehende Mutter von 2 Kinder verlangt mir auch in normalen Zeiten alles ab an Kraft. Nachdem ich im Jahr 2019, 20 Bewerbungen geschrieben hatte für Festanstellungen und kein einziges Vorstellungsgespräch zu Stande kam, sollte ich Stolz sein darauf, dass wir durch meine Selbständigkeit ohne Sozialleistungen leben können. Aber. Er verlangt mir eben auch  alles ab an Kraft. Dieser Weg. Und er verlangt natürlich auch meinen Kindern viel ab. Ich bin also nicht Stolz, sondern eher Zerrissen und ich sehe den Preis, den meine Kinder und ich zahlen und das ist, dass ich an der Zeitarmut und der Doppelbelastung schwer zu tragen habe. In Armut zu leben und wieder von Sozialleistungen abhängig zu sein, daran hätte ich auch schwer zu tragen. Das ganze fühlt sich an, als hätte ich die Wahl zwischen Pest (Zeitarmut, Doppelbelastung, Erschöpfung) und Cholera (Armut). Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich mir eine Festanstellung in Teilzeit wünschen im sozialen Bereich, von der wir leben können.

Corona-Krise: Care-Arbeit, Homeoffice und eben KEINE Ferien

Nachdem das kleine Kind seine Krankheitsphase Ende Februar überstanden hatte und wieder in die Kita ging, folgte ziemlich schnell danach am 13.03.20 die Entscheidung über Kita- und Schulschließungen aufgrund der Corona-Krise. Das, was ich verhindern wollte mit der Entscheidung, nicht erwerbstätig zu sein wenn die Kita geschlossen ist, weil ich schon wusste, dass das für mich fast nicht zu schaffen ist, muss ich jetzt dennoch aufgrund der aktuellen Lage. Ich finde die Maßnahme auch richtig und wichtig um die Erkrankungswelle zu verlangsamen. Aber. Mich ärgert es dennoch täglich, wie selbstverständlich auf die scheinbar unbegrenzt verfügbare Ressource der privaten Care-Arbeit zurückgegriffen wurde mit den Kita- und Schulschließungen. Gabriele Winker (Sozialwissenschaftllerin) hat in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung folgendes dazu gesagt:

„Wer allerdings trotzdem kaum Unterstützung erfährt, sind diejenigen Menschen, die sich als Sorgearbeitende zu Hause, in ihrer Familie um andere Menschen kümmern. Im Gegenteil. Bis auf Beschäftigte in systemrelevanten Bereichen müssen derzeit Eltern, insbesondere Mütter, im Home-Office ihrem Beruf nachgehen und dazu noch individuell eine Ganztagesbetreuung ihrer Kinder durchführen. Sie sollen also auch noch eine gute Lehrerin, Hauswirtschafterin und Trösterin sein. So fühlen sich Mütter noch mehr alleingelassen als dies in normalen Zeiten der Fall ist.“

Fürsorgearbeit ist lebensnotwendig und sie braucht Zeit, dass wird in diesen Wochen durch die Corona-Krise ganz klar sichtbar. Wird sich daran noch jemand erinnern, wenn die Krise vorbei ist? Wird es Lösungen geben? Die Bundestagspetition zum Thema Care-Arbeit hatte jedenfalls viele Unterstützer*innen (Tausend Dank an Euch!)  und leider war jedoch die Beteiligung an der Petition stark zurückgegangen durch die Corona-Krise. Wir haben das Quorum nicht erreicht. Das bedrückt mich. Ist aber nicht zu ändern. Zuminest nicht im Moment.

Unendliche Erschöpfung

Ich war nun zwei Wochen erwerbstätig im Homeoffice, mit beiden Kindern zu Hause und ich bin total erschöpft. Viel mehr als sonst. Diese Gleichzeitigkeit von Kinderbetreuung und Erwerbsarbeit ist Schwerstarbeit. So empfinde ich das.  Nachdem mir in der ersten Woche eher die Streitigkeiten mit dem Großen zugesetzt hatten wegen der vielen Schularbeiten für den Wochenplan, waren es in der zweiten Woche dann eher die Auseinandersetzungen mit dem kleinen Kind, die mir schwer zu schaffen gemachtn haben und ihm wahrscheinlich auch. Von seinem, ihm vertrauten Kita-Leben ist durch das social Distancing nichts übrig geblieben.

Während der Große nun problemlos (dafür bin ich sehr dankbar) seinen Wochenplan für die Schule abarbeitet am Telefon mit seinen Schulfreunden und ich erwerbstätig bin, wie immer, hat der Kleine keinerlei Kontakt mehr zu seiner Kita-Welt. Ich verstehe sehr gut, dass das für ihn schwierig ist. Da ich aber im Homeoffce vollzeitnah erwerbstätig bin, kann ich mich eben nicht viel mit ihm beschäftigen. Ich muss die Aufgaben für meine Auftraggeber abarbeiten und habe mal wieder die Wahl zwischen Pest (Zeitarmut, Doppelbelastung) und Cholera (Armut, wenn ich die Kinderbetreuung den Aufträgen vorziehen würde). Alle Hilfsmaßnahmen im Rhamen der Corona-Krise, von denen ich bis jetzt gelesen habe treffen auf mich und meine Situation nicht zu. Ich habe im Moment immer noch Einnahmen, obwohl diese wirklich unter schwersten Bedingungen generiert werden und außerdem bin ich selbständig. Die Lohnfortzahlung für Eltern, die keine Kinderbetreuung haben, gilt nur für festangestellte Mitarbeiter. Und ganz ehrlich, jetzt alles aufzugeben, also meinen Auftraggebern zu sagen, dass ich mich erst einmal um meine Kindern kümmern muss und ich damit alles verliere, was ich mir unter schwierigsten Bedingungen aufgebaut habe, dass vermag ich nicht. Es würde mich total hoffnungslos machen. Also muss ich mal wieder durchhalten. Irgendwie!

Eine weitere Angst treibt mich um in diesen Tagen. Was mache ich, wenn die Väter der Kinder vielleicht keinen Unterhalt mehr bezahlen können durch die Corona-Krise und ich damit noch ein Problem mehr habe?

Platzmangel ist belastend

Eigentlich wollte ich in diesem Jahr Geld sparen für einen Umzug und auch am liebsten noch 2020  in eine neue Wohnung ziehen. Das kleine Kind hat kein eigenes Zimmer. Es hat eine Spielecke in der Küche, die auch gleichzeitig mein Arbeitsplatz ist, weil da eben der einzige große Tisch steht, an dem ich erwerbstätig sein kann. Durch die Corona-Krise und #WirbleibenzuHause, wird mir einmal mehr bewusst, wie belastend unsere Situation ist, da wir sehr beengt wohnen auf nicht einmal 60 Quadratmetern. Ich bin total strukturiert und ordentlich, daher hat alles seinen Platz bei uns. Aber es ist eben auch alles vollgestellt mit irgendwas. Wir bräuchten dringend eine größere Wohnung, in der das kleine Kind auch ein Zimmer hat, gerade weil ich im Homeoffice erwerbstätig bin (von einem Arbeitszimmer wage ich gar nicht zu träumen). Einmal mehr frage ich mich, ob wir das noch vor der Einschulung des Kleinen im September 2021 schaffen werden?

Natürlich weiß ich, dass viele Menschen im Moment existentielle Sorgen haben. Meine Krise begann allerdings schon vor 10 Jahren als ich alleinerziehend wurde. Ich habe mich aus allen schwierigen Situationen immer wieder herausgekämpft und in diesen Tagen frage ich mich, ob ich noch Kraft habe. Für weitere Krisen. Es müsste einfacher werden. Mein Leben. Unser Leben. Jetzt!

P.S.: Wenn Ihr meine Arbeit zur Anerkennung und zum sichtbar machen der privaten Care-Arbeit finanziell unterstützt freue ich mich sehr. Hier geht es zu PayPal: https://paypal.me/ClaireFunke

P.P.S.: Zum Weiterlesen: Texte im Zusammenhang mit Care-Arbeit und der Corona-Krise

 

 

 

 

 

 

 

 

3 Gedanken zu “Die Wahl zwischen Pest und Cholera in Zeiten der Corona-Krise

  1. awito schreibt:

    Liebe Claire,

    alle Ehre dafür, dass du auch in dieser schwierigen Zeit der Corona-Krise dich und deine Kinder über Wasser hälst! Wow, Respekt! Wo du die dafür nötigen Kräfte hernimmst…ich finde es immens und finde auch wie du, dass unsere Gesellschaft die alleine Erziehenden und die Erziehenden überhaupt, welches ja meistens die MÜTTER sind (natürlich gebührt den allein erziehenden und sich viel beteiligenden Vätern auch aller Respekt) viel mehr würdigen und auch ENTLOHNEN sollte!
    Ich stelle es mir auch krass vor, gerade mit Home Office noch mit den Kindern zu Hause zu sitzen, immer im Spagat, sich um beide Fronten KÜMMERN ZU MÜSSEN: Ich wünsche dir irgendwie, dass du doch mal in Zukunft eine Festanstellung in Teilzeit bekommst, weil dann eben die RAHMENBEDINGUNGEN, was ja die Lebensbedingungen sind, viel sicherer sind. Und SICHERHEIT ist ein Grundbedürfnis!
    Alles Gute sende ich dir und die Care-Petition ist nur gerade auf Eis gelegt, in normalen Zeiten wird das viel brisanter, ganz viele Mütter stehen auf jeden Fall hinter dir und sehen das mit den zu beseitigenden Ungleichgewichten genauso,
    alles Liebe und viel Kraft weiterhin,
    du bist eine ganz starke Frau
    Antonia

    Gefällt 1 Person

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