Die Frage was übrig bleibt. Von mir? Und der Himmel auf Erden.

Irgendwann im Frühsommer bin ich mit einer älteren Dame ins Gespräch gekommen. Wir sehen uns täglich, wenn ich den Kleinen zu Fuß in die Kita bringe. Als meine Gesprächspartnerin hörte, was es alles für Anforderungen an mich in meinem Leben als erwerbstätige, alleinerziehende Mutter gibt, sagte sie empört: „Da bleibt ja nichts von ihnen übrig!“ Das hat mich tief berührt. Ich hätte auf der Stelle meinen Tränen freien lauf lassen können. Mit einem Satz hatte die Frau mein momentanes Leben erfasst.

Im Sommer hatte ich zwei Wochen lang eine großartige, unbeschwerte Zeit. Da ich Anfang August einen neuen Auftrag bekommen hatte, waren unsere Ferien geprägt von der Hoffnung, dass es nun finanziell und damit auch allgemein einfacher wird für mich und meine Kinder. Nachdem ich im Juni und Juli dieses Jahr so schlimm wie noch nie Heuschnupfen hatte, dachte ich im August es ist alles überstanden. Ich konnte das erste Mal in diesem Jahr aufatmen und habe so viel getrödelt wie nie in meinem Leben seit ich Kinder habe (auf Twitter habe ich das unter #TridelTradelTrödel festgehalten).

Die nächste gesundheitliche Krise folgte dann aber leider für mich im September. Ich bekam wieder Heuschnupfen (Spätsommerallergie) und zwar so schlimm, dass ich nur noch raus gegangen bin, wenn es eben nicht anders ging. Das hat mich psychisch umgehauen. Ich liebe es im Spätsommer spazieren zu gehen, das Licht ist dann ganz besonders, es ist nicht mehr so heiß und überhaupt genieße ich diese Zeit normalerweise sehr. In diesem Jahr war ich nur ein einziges Mal im September spazieren, danach hatte ich so große Probleme durch die Pollen, dass ich bis Anfang November keinen ausgiebigen Spaziergang mehr gemacht habe. Ich empfand es sehr belastend, im September und Oktober alle Fenster und Türen geschlossen halten zu müssen obwohl es so schön und warm draußen war. Ich habe mich eingesperrt und vom Leben (draußen) abgeschnitten gefühlt. Und traurig. Dieses Leben besteht Momentan aus so vielen Einschränkungen und 2019 auch aus so vielen existentiellen Ängsten, dass es fast unerträglich war in den letzten Wochen, das eine meiner großen  Kraftquellen, nämlich raus in die Natur zu gehen, weg gefallen ist für mich wegen der Pollenallergie. Es war niederschmetternd. Und wiederholt stelle ich mir die Frage: Was bleibt übrig von mir?

Meine ganze Hoffnung galt dann dem November, denn da fliegen keine Pollen mehr und ich habe mich unendlich gefreut auf den ersten langen Spaziergang, bei dem auch das Titelbild in der letzten Woche entstanden ist. Leider habe ich dann schon im Oktober festgestellt, dass sich meine Hausstauballergie, die ich schon viele Jahre habe, plötzlich so extrem verschlechtert hat, dass mir schon geringe Mengen Staub Probleme bereiten. Es fingen dann Wochen an, in denen ich mir vorkam, als hätte ich einen Putz-Wasch-Zwang, denn bei Hausstauballergie hilft am besten den Staub so gering wie möglich zu halten. Ich habe Betten und Sofa mit Encasings (milbendichte Bezüge) ausgestattet und gefühlt alles gewaschen oder gewischt was mir in die Hände viel. Mein Haushalt ist jetzt picobello, aber erholsam ist das alles nicht. Als ich in einem Ratgeber gelesen habe, dass es am besten ist, wenn jemand anderes Staub saugt oder Staub wischt hätte ich am liebsten geheult. Wer macht es, wenn nicht ich? Niemand. Und wieder die quälende Frage, was bleibt noch übrig. Von mir?

Das Jahr 2019 war voll von gesundheitlichen Krisen und ich habe mich natürlich gefragt in den letzten Wochen, warum das so ist bei mir. Zeitweise habe ich mich von meinem Körper im Stich gelassen gefühlt, was wiederum Existenzängste bei mir auslöst, denn meine Kinder haben nur mich, vor allem der Kleine. Ich darf nicht schlapp machen so lange sie mich brauchen. Allerdings löst diese Sichhtweise nur Verzweiflung bei mir aus. Also habe ich versucht, eine andere Haltung einzunehmen. Das ist gar nicht einfach gewesen. Ich musste und muss viel mit meinen inneren Widerständen umgehen und habe auch ganz alte innere (Leistungs)Strategien das erste Mal bewusst wahrgenommen. Während diesem schwierigen Prozess ist mir aus meiner NLP-Ausbildung die Möglichkeit des Reframings wieder eingefallen. Im NLP gibt es die Haltung, dass jedes Verhalten und jedes Symptom eine positive Absicht hat. Die Antwort auf die Frage, welche positive Absicht mein Körper verfolgt mit den ganzen gesundheitlichen Beschwerden war mir schnell klar. Im Falle von Allergien reagiert der Organismus auf Stoffe überempfindlich, die normalerweise harmlos sind. Refreamed heißt das auf mich bezogen (das muss nicht bei jedem so sein!) meine Grenzen sind im Moment schnell erreicht und deshalb muss ich besonders gut auf sie achten, was aber als berufstätige, alleinerziehende Mutter wieder fast unmöglich ist. Das ist ein Paradox. Ich versuche es dennoch in ganz kleinen Dingen, auf mich einzugehen in dem ich Reize (z. B. To-do´s, eigene Ansprüche, Ansprüche von außen usw.) von mir fernhalte bzw. filtere und wirklich nur das durchlasse, was meine Kraft zulässt bzw. eben absolut notwendig ist. Das Ganze fühlt sich an wie ein Seiltanz. Es ist möglich am anderen Ende anzukommen, allerdings ist es auch möglich in die Unendlichkeit zu stürzen. Wackelige Angelegenheit. Mein Leben. Im Moment.

In diesen Wochen, in denen ich so viel über mich und meine Gesundheit nachgedacht habe und mich oft gefragt habe was übrig bleibt von mir bei all den Anforderungen an mich, ist mir klar geworden, dass die finanziellen Ängste mein größter Krafträuber sind.

Ich war 10 Jahre in immer befristeten Anstellungsverhältnissen erwerbstätig, dass war nicht besonders sicher wegen der Befristung, aber es gab eine zeitweise Sicherheit in Form eines festen Gehalts im Monat, dass immer pünktlich ausbezahlt wurde. Heute, als zum Teil festangestellte Mitarbeiterin mit nur sehr wenigen Stunden und einem Verdienst von nicht einmal 500 Euro im Monat, muss ich zusätzlich dafür sorgen, dass ich als selbständige virtuelle Assistentin genügend Aufträge habe, damit diese kraftraubende Existenzangst endlich aufhört. Allerdings kann ich als Selbständige nie mit einem festen Betrag rechnen und das hat mich in den letzten Wochen unendlich viel Energie gekostet. Als Festangestellte hatte ich viele Jahre kein großes Gehalt, aber ich wusste immer am Ende des Monats, mit was ich sicher rechnen kann. Diese Sicherheit fällt mit der Selbständigkeit natürlich weg. Das belastet mich sehr und ich werde einen Weg finden (müssen?) damit umzugehen. Auf der einen Seite ist es schön für mich, dass das mit den selbständigen Aufträge immer mehr klappt. Hätte ich mich auf Bewerbungen für Festanstellungen beschränkt, wäre ich immer noch im Hartz-IV-Bezug, denn ich hatte dieses Jahr kein einziges Vorstellungsgespräch.Auf der anderen Seite wünsche ich mir dringend mehr Sicherheit.

Dieses berührende Foto habe ich auch letzte Woche gemacht. In den Wassertropfen auf dem Blatt spiegelt sich der blaue Himmel. Der Himmel auf Erden? Wer weiß.

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Schweren Herzens habe ich ein für diesen Herbst geplantes Projekt zum Thema Carearbeit auf Anfang nächsten Jahres verschoben. Meine Kraft hat einfach nicht mehr ausgereicht. Das was ich dafür brauche, nämlich einen Text habe ich aber in der Rohfassung schon fertig und ich habe auch schon von 3 Menschen Feedback dazu bekommen (Danke an Brigitte, Elfriede und Ina).

Ende Oktober habe ich einen weiteren Auftrag angenommen. Ich erwerbsarbeite nun für 3 Firmen, die alle unterschiedliche Anforderungen an mich haben und jongliere mit Aufgaben und Zeiten. Genauigkeit und Aufmerksamkeit sind gefragt. Damit ich und meine Kinder vielleicht doch noch einmal die Möglichkeit haben aus der Situation herauszukommen von Armut bedroht zu sein liegt meine Priorität jetzt am Ende des Jahres auf der Erwerbsarbeit.

Als Aktivistin und Bloggerin könnte ich heulen ob dieser Entscheidung, aber ich muss in erster Linie als Mensch entscheiden und meine Kraft einteilen, damit es gesundheitlich nicht noch weiter bergab geht. Ich habe die Alarmsignale meines Körpers verstanden. Das schmerzt auf der einen Seite. Auf der anderen Seite ist es ein heilender innerer Prozess, diese Entscheidung für mich heute überhaupt treffen zu können. Was bleibt ist die Hoffnung auf ein gesundheitlich und finanziell besseres 2020 und der Wunsch, wieder Kraft zu haben um auf die strukturellen Probleme aufmerksam machen zu können denen Alleinerziehende, Eltern, pflegende Angehörige, pflegende Eltern, pflegende Kinder- und Jugendliche (sog. Young Carer) ausgesetzt sind. Da die private Care-Arbeit überwiegend von Frauen übernommen wird geht es hier auch um Frauenrechte und ich hoffe, dass 2020 viele Politiker über private Fürsorgearbeit sprechen werden (müssen). #Carearbeitmusssichtbarwerden

 

P.S.: Ich freue mich, wenn Ihr meine Arbeit zum sichtbar machen der privaten Care-Arbeit unterstützt. Hier geht es zu PayPal: https://paypal.me/ClaireFunke. Herzlichen Dank!

7 Gedanken zu “Die Frage was übrig bleibt. Von mir? Und der Himmel auf Erden.

    • Mama streikt schreibt:

      Hallo Irena,

      danke für Deinen Kommentar. Ich kenne die Idee des BGE und finde sie grundsätzlich sehr gut. Nur im Bezug auf die private Care-Arbeit frage ich mich wiederum, ob diese dann nicht weiter unsichtbar bleibt. Meiner Meinung nach, müsste es einen Care-Zuschlag zum BGE geben, denn die Zeit, die für Fürsorgearbeit aufgewendet wird, steht nicht für Erwerbsarbeit zur Verfügung und Fürsorgearbeit darf einfach nicht mehr in Armut führen.

      Viele Grüße

      Claire Funke

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  1. Schmidt, Karin schreibt:

    Ich bin immer wieder beeindruckt von der Klarheit mit der Du Deine Situation beschreibst, durchdenkst, weiterdenkst. Lass uns träumen von einer Gesellschaft, die miteinander lebt. Unsere Kinder sollten in Behörden und Parteien und Unternehmen in die Entscheidungsebenen gehen und sozialverträgliche, tragfähige Modelle des Teilens in Gang bringen.
    Das derzeitige Modell in dem nur Erwerbsarbeit und nur Konsum Steuereinnahmen bringt und fast nur Erwerbsarbeit Rentenrechte bringt ist menschen- und umweltschädlich.

    Gefällt 1 Person

    • Mama streikt schreibt:

      Liebe Karin,

      herzlichen Dank für Deinen Kommentar.

      Ich denke wir müssen schon damit anfangen, eine Gesellschaft zu gestallten, die sozialverträglich ist und in der nicht nur Erwerbsarbeit zählt, sondern vor allem die private Fürsorgearbeit als lebensnotwendige Arbeit anerkannt wird. Unsere Kinder machen dann da hoffentlich weiter und führen das fort, was wir in die Wege geleitet haben, eine Gesellschaft, in der menschliche Bedürfnisse im Vordergrund stehen und Menschen nicht mehr in Normen gepresst werden.

      Herzliche Grüße

      Claire

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    • Mama streikt schreibt:

      Danke Dir. Ich habe das mal unterschrieben. Allerdings gibt es noch ein großes Problem. Es gibt Firmen, für eine habe ich gearbeitet, die gar keine Kind-Krank-Tage bezahlt. Das heißt man bekommt ab dem ersten Kind-Krank-Tag nur Lohnfortzahlung in Höhe des Krankengeldsatz (von der Krankenkasse, nicht von der Firma!).

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