Ich habe Wut und ich habe Fragen: Gerechtigkeit. Geschlechter. Carearbeit?

Am Freitag war Frauenstreik in der Schweiz und ich habe das mit großem Interesse verfolgt. Mir erschien es so, dass bei den Schweizerinnen über ein Thema besonders viel berichtet wurde in den Medien, nämlich die private Care-Arbeit (Kindererziehung, Pflege von Angehörigen, Kindern, Nachbarn, Freunden usw.). Die Texte, die ich diesbezüglich besonders lesenswert finde, habe ich Euch am Ende dieses Blogpost verlinkt und ich wünsche mir  für den Frauenstreik 2020 in Deutschland auch so viele vielschichtige Beiträge zu diesem lebenswichtigen Thema. Natürlich bringt das Schreiben und Lesen noch keine gesellschaftliche Wende mit sich, was die Fürsorgearbeit betrifft, aber es schafft Bewusstheit, die Veränderungsprozessen immer vorausgeht.

Meine Mutter hat mich in den 1970er Jahren geboren und war, was die Berufstätigkeit als Mutter angeht, ihrer Zeit voraus. Sie wollte Unabhängig sein von ihrem Exehemann, hat auf Betreuungsunterhalt verzichtet (seit 2008 gibt es das nur noch für die ersten drei Lebensjahre des Kindes) und war immer erwerbstätig. Die Kehrseite war, dass ich schon in sehr jungen Jahren viel alleine zu Hause war. Damals nannte man Kinder, die nach der Schule alleine daheim waren, abfällig Schlüsselkinder. Unabhängig von der äußeren, gesellschaftlichen (Ab)Wertung, habe ich das nie als besonders schön empfunden, oft und lange alleine zu Hause zu sein. Ich fühlte mich einsam. Sehr häufig. Eigentlich meine ganze Kindheit hindurch und habe Freundinnen, deren Mamas (Papas wären auch prima gewesen) zu Hause waren und bei allen möglichen Sorgen weitergeholfen haben, immer ein bisschen beneidet. Aufbegehrt habe ich allerdings nicht. Meine innere Strategie als Kind war Anpassung bis aufs äußerste und damit weit über meine Grenzen hinaus. Ja. Kinder haben auch Grenzen!

Obwohl meine Mutter alleinerziehend und ohne Ausbildung war, hatte sie im Gegensatz zu mir heute, keine Probleme eine Erwerbsarbeit zu finden. Bevor sie sich selbständig gemacht hat, war sie angestellt bei einem Automobilzulieferer und hat damals den Chef zu Terminen gefahren. Heute unvorstellbar, dass eine alleinerziehende Mutter so einen Job bekommt, denn wenn das Kind krank ist, kommt der Firmenchef nicht zu seinen Terminen – Oh Gott, Oh Gott! Manchmal, wenn ich nicht anders untergebracht war, bin ich sogar mitgefahren mit dem Chef und meiner Mutter. Ja, damals……

Nun bin ich selbst seit 11 Jahren Mutter und seit 10 Jahren alleinerziehend. Anders als meine Mutter habe ich, keine Erwerbsarbeit gefunden, zu der ich mein Kind problemlos mitbringen konnte, wenn es keine andere Unterbringungsmöglichkeit gab. Ich habe überhaupt Schwierigkeiten Erwerbsarbeit zu finden (trotz Aus- und Weiterbildung) daher habe ich mich nach 10 Jahren in befristeten Anstellungsverhältnissen in der Erwachsenenbildung aus der Not heraus selbständig gemacht im November 2017 und lebe dadurch prekärer als jemals zuvor in meinem Leben. Das macht mich wütend. Ich habe den Eindruck, dass Arbeitgeber streng nach Qualifikation einstellen und soziale Kriterien, wie z. B. dass ich meine Kinder ernähren muss, gar nicht erst in Betracht gezogen werden bei der Auswahl von Mitarbeitern. Das wäre aber wichtig. Denn, ich sage es mal so, wenn sich kein Arbeitgeber dazu hinreißen lässt, mir eine Arbeitsstelle zukommen zu lassen, unter Umständen sogar eben weil ich alleinerziehende Mutter bin, dann sind wir halt arm. Was bei meiner Mutter in den 1070er / 1980er Jahren noch möglich war, dass sie als Ungelernte, Alleinerziehende problemlos einen Job gefunden hat; ist heute wesentlich schwieriger. Vor allem noch einen Job zu finden, der  mit der Kinderbetreuung zu vereinbaren ist, einen ernährt, mit dem frau die Miete bezahlen kann und Rücklagen gebildet werden können. Ich bin wütend, denn ich bin seit 10 Jahren zerrissen zwischen Erwerbsarbeit und Sorgearbeit. Da ich im Moment noch prekärer erwerbstätig bin als vor 2017, weil ich einen 450-Euro-Job habe und mich zusätzlich als selbständige virtuelle Assistentin finanziell über Wasser halte, gehört es mittlerweile zu den täglichen Fragen in meinem Leben, wie es weitergeht. Finanziell. Ich halte mich über Wasser. Irgendwie. Finanziell. Mehr ist das nicht. Meine frühere Tätigkeit in der Erwachsenenbildung war ebenfalls prekär, weil immer befristet, aber wenigstens wusste ich am Ende des Monats, was sicher auf meinem Konto sein wird. Die jetzige Erwerbsarbeit ist prekär, weil der 450-Euro-Job meinen finanziellen Bedarf gar nicht deckt und ich dann noch schauen muss, wie ich als selbständige virtuelle Assistentin an Aufträge komme und daher nie weiß, wieviel Geld wir zur Verfügung haben. Es zerrt an meinen Nerven. Nachdem ich im Mai und Juni ganz gut zu tun hatte, hat mich der TÜV-Termin am vergangenen Mittwoch wieder auf den harten Boden der finanziellen Realität knallen lassen. Durch die Aufträge im Mai und Juni hätte ich ein kleines finanzielles Polster haben können für die Geburtstage meiner Jungs im September, den Schulanfang und die Winterschuhe (ja, auch daran denke ich schon im Juni). Da nun mein 13 Jahre altes Auto nicht mehr durch den TüV gekommen ist, ist die finanzielle Reserve weg für die notwendigen Reparaturen und es sind keine weiteren Aufträge in Sicht, wie in den Monaten Januar bis April. Diese Situation, dass ich mit meinen Söhnen prekärer lebe, als jemals zuvor in meinem Erwachsenenleben, macht mich sowas von wütend. Gerade wenn man Verantwortung für andere trägt ist Sicherheit so wichtig.

Was mich dann noch zusätzlich ärgert, ist die gesellschaftliche Forderung dahingehend, dass Sorgearbeit gleichmäßig zwischen den Geschlechtern aufgeteilt werden soll. Das Wort gleichmäßig stört mich ungemein. Es hört sich für mich immer ein bisschen nach Erbsenzählerei an. Dieses Ansinnen gibt es schon lange, die Verhältnisse sind jedoch dadurch nicht wesentlich besser geworden für Frauen, denn nach wie vor leisten Frauen den überwiegenden Anteil an Care-Arbeit. Heute meistens noch zusätzlich zur Erwerbsarbeit. Daher hat sich der Druck auf Frauen verstärkt. Natürlich sollen Väter  emotionale, organisatorische und sonstige Arbeiten übernehmen. Es ist ja auch ihre Familie. Ihr Leben. Aber die Möglichkeit, dass Sorgearbeit immer ganz gleichmäßig und gerecht unter den Geschlechtern aufgeteilt werden kann, sehe ich nicht. Aus vielen Gründen. Die Ökonomin Mascha Madörin hat errechnet, dass die unbezahlte Care-Arbeit um 80 % mehr wird, sobald ein Kind geboren wird. Sorgearbeit braucht Zeit.

Als der Große auf die Welt kam, habe ich nicht daran gedacht erwerbstätig zu sein. Ich bin überhaupt nicht dazu gekommen. Das Baby hatte nämlich eine Neugeboreneninfektion, lag auf der Intensivstation und hat dann erst einmal 3 Monate jede Nacht durchgeschrien. Da der Vater vom Großen oft viele Wochen am Stück weg war, berufsbedingt, musste ich das schreiende Bündel alleine durch die Nacht tragen. Da war nix mit geschlechtergerechter Aufteilung. Das war absolut fürchterlich. Ich war noch nicht lange Mutter und schon erschöpft. Dafür habe ich mich dann auch noch unendlich geschämt, denn als Mutter kann frau schließlich alles. Sofort. Ha! Das Frauen das Mutter- sein auch erst lernen müssen, wie jede andere neue Tätigkeit auch,  sagt einem natürlich auch vorher keiner. Hilfe gab es in der Situation auch nicht.  Wie genau soll bitte die geschlechtergerechte Aufteilung von Sorgearbeit funktionieren, wenn ein Elternteil sehr viel nicht zu Hause ist? Berufsbedingt. Wie soll das gehen? Da würde noch nicht einmal helfen, wenn die allgemeine Wochenarbeitszeit gesenkt werden würde auf z. B. 30 Stunden (was ich grundsätzlich gut fände). Weg ist weg!

Die Forderung die Sorgearbeit geschlechtergerecht aufzuteilen unterstütze ich im Grunde schon in dem Sinne, dass Mann und Frau Verantwortung übernehmen. Ja. Aber. Es muss auch gleichzeitig klar sein, dass dies gerecht, also gleichmäßig verteilt, aus was für Gründen auch immer, nicht bei allen Paaren / in allen Konstellationen möglich ist. Wie bei uns, weil der Vater vom Großen oft wochenlang beruflich unterwegs war (wenn er da war, hat er natürlich auch getröstet, gekocht, gewickelt usw.).

Private Carearbeit betrifft nicht nur die Kindererziehung, sondern auch die Pflege von Angehörigen und Kindern. Auch das wird mir zu wenig einbezogen in die Gedanken um die Organisation der Fürsorgearbeit. Ich habe daher Fragen. Was sollen meine Söhne einmal machen, wenn ich alt bin und sie mich pflegen wollen? Müssen sie dann auch immer noch Hartz-IV beantragen, wenn meine Pflege nicht mehr mit der Erwerbsarbeit vereinbar ist? Mit wem sollen sie sich meine Pflege teilen? Okay, sie sind zu zweit, könnten es sich untereinander teilen. Geschwistergerecht wäre das dann. Sozusagen. Was aber, wenn einer weit wegzieht, wie bei meiner Mutter und ihrem Bruder, der in Österreich lebt. Die Arbeit mit meiner mittlerweile pflegebedürftigen Oma macht meine Mutter, nicht ihr Bruder, der ist gar nicht vor Ort und denkt auch gar nicht daran von Österreich aus zumindest eine mentale Stütze zu sein. Auch hier habe ich Wut. Aber, zurück zu meinen Söhnen. Mit wem sollen meine Kinder meine Pflege im Alter teilen? Sollten sie dies überhaupt wollen. Mich pflegen. Mit ihrer vielleicht Ehefrau oder ihrem Ehemann? Was, wenn sie beides nicht haben oder diese das nicht wollen? Wie gesagt, ich unterstütze schon die Forderung nach Aufteilung der Sorgearbeit, aber, nicht als einzige Lösungsmöglichkeit, weil es einfach aus was vielen verschiedenen Gründen, nicht immer möglich ist, diese Arbeit genau gerecht zwischen Mann und Frau, Frau und Frau, Mann und Mann, aufzuteilen. Diese Vorstellung ist zu schematisch und auch gar nicht realitätsnah. Wir brauchen bei der Organisation der Sorgearbeit noch andere Werkzeuge, als deren  gerechte Aufteilung. Oder um es mit Mark Twain zu sagen: „Wenn Dein einziges Werkzeug ein Hammer ist, wirst Du jedes Problem als Nagel betrachten.“

Noch etwas stört mich an der Forderung nach geschlechtergerechter Aufteilung der Sorgearbeit, es verführt zu sehr dazu dieses Problem zu individualisieren. Schlimmsten Falls ist Frau oder Mann, je nachdem, selber Schuld an der Situation, weil sie die private Carearbeit nicht gleichmäßig zwischen den Geschlechtern aufgeteilt haben. Das darf nicht sein. Hätte ich mich ständig streiten sollen mit dem Vater vom Großen, weil er wochenlang beruflich unterwegs war und die Fürsorgearbeit dann nicht gerecht aufgeteilt war? Merkwürdige Vorstellung für mich. Es war halt so und ich habe mich den Umständen angepasst und fand dabei auch nichts schlimmes. Im Gegenteil. Ich habe damals diese für mich einmalige und endliche Zeit mit dem (mittlerweile) Großen, phasenweise sehr genossen.

Es geht weiter mit meinen Fragen. Mit wem soll sich die / der Witwe/r die Erziehung teilen oder der / die alleinerziehende Vater / Mutter, wenn der andere Elternteil nicht an der Erziehung teilhaben möchte? Laut geltendem Gesetz, habe ich vom Jugendamt erfahren, als es um den Umgang meiner Söhne mit ihren Vätern ging, kann man einen Vater / Mutter nicht zum Umgang zwingen. Ja, was ist dann? Genau, ich habe Pech gehabt und kann nix geschlechtergerecht aufteilen. Mache alles alleine. Immer. Zumindest heute. Und morgen? Übermorgen?

Ich habe immer noch Care-Fragen. Viele! Wenn minderjährige Kinder- und Jugendliche ihre Eltern pflegen (sog. Young Carer, Anzahl in Deutschland: 480.000), mit wem können sie sich dies teilen? Mit niemanden. Den anscheinend schafft es der andere (gesunde) Elternteil nicht, sich um die Pflege und um die Erwerbsarbeit gleichzeitig zu kümmern, ohne dass die Familie arm dabei wird. Irgendwie verständlich, wenn auch tragisch für manchen young Carer, weil die Bedürfnisse dieser jungen Menschen nicht so im Mittelpunkt stehen, wie das sein sollte. Und, dass ist besonders schlimm, diese Lebensleistung, über die in Gesellschaft und Politik viel die Rede ist,  jedoch meistens nur im Bezug auf die Erwerbsarbeit, wird gar nicht anerkannt. Das sind alles Auswirkungen davon, dass wir uns nicht wirklich tiefgreifend damit beschäftigen, was wir wirklich lebensnotwendig brauchen und wie diese Bedürfnisse dann gestillt werden können, ohne das dabei jemand überlastet wird oder in Armut (Zeit, Geld) leben muss.

Es geht Careotisch (nein, das ist kein Schreibfehler) weiter. Eine Leserin hat mir geschrieben, dass ihr Ehemann sich schon vor langer Zeit getrennt hat, weil er die Situation mit dem behinderten Kind nicht ausgehalten hat. Was hätte die Frau machen sollen? Hätte sie den unfähigen Vater zur Sorgearbeit zwingen sollen? Gesetzlich hätte sie keine Möglichkeit dazu gehabt. Das Paar war jedenfalls getrennt und ist aber verheiratet geblieben, da es dadurch natürlich finanziell besser gestellt war durch das Ehegattensplitting. Der Mann hat versprochen, dass dies auch immer so bleiben wird. Gut ging das viele Jahre. Blöd nur, dass der Mann irgendwann eine neue Frau kennengelernt hat und sich dann doch scheiden lassen wollte. Nun hat die Frau überhaupt keine Absicherung mehr und ein pflegebedürftiges Kind. Soll ich ihr jetzt sagen, dass sie eben selbst Schuld ist, weil sie nicht darauf bestanden hat, dass die Sorgearbeit gerecht aufgeteilt ist? Oder soll ich ihr vorwerfen, dass sie sich zu wenig bemüht hat um die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf? Wer hätte in der Zeit die Pflege für das Kind übernommen? Getan werden hätte diese Arbeit ja unumstritten. So viele Fragen, so wenige Antworten oder immer nur die gleiche Aussage, dass die Sorgearbeit gerecht unter den Geschlechtern aufgeteilt werden soll. Für mich ist das nicht die alleinige Lösung und das ständige Widerholen einer einzigen Lösung, die nicht die Lösung für alle Lebenslagen mit sich bringt, finde ich, je nach Tagesform ermüdend oder ärgerlich. Immer öfter macht es mich auch wütend.

Ein Beitrag in der „Die Wochenzeitung“ im Rahmen des Frauenstreikt in der Schweiz hat mich besonders viel mit dem Kopf nicken lassen beim Lesen. Im Prinzip könnte ich den ganzen Text zitieren, so viel Zustimmung hat er in mir hervorgerufen. Es war daher nicht ganz einfach einen Satz herauszusuchen. Ich habe dann den genommen, der mir und meiner Situation am meisten im Moment entspricht:

„Wer nicht erkennt, dass die eigene Existenz von der Arbeit und Zuwendung vieler Menschen abhängt, versteht auch nicht, dass diese Arbeit Grenzen hat– in der Erschöpfung etwa.“

Ich bin nach 10 Jahren des allein Erziehens und der immerwährenden prekären finanziellen und beruflichen Situation erschöpft. Das ist nicht mein individuelles Versagen. Heute weiß ich das. Dem voraus gingen aber viele Jahre des Zweifel. Ich bin mittlerweile überzeugt davon, dass es Geschlechtergerechtigkeit nur geben kann, wenn die Erwerbsarbeit mit der privaten Care-Arbeit gleichgestellt wird. Wenn beides gesellschaftlich gleich viel Wert ist. Erst dann ist meiner Meinung nach Gerechtigkeit erreicht. Dazu gehört dann auch, dass die Sorgearbeit nicht mehr in Armut führt, weil sie nämlich finanziell abgesichert wird z. B. mit einem Fürsorgegehalt.

P.S.: Ich freue mich, wenn Ihr meine Arbeit zum Sichtbarmachen der privaten Care-Arbeit auch finanziell unterstützt. Hier geht es zu PayPal: https://paypal.me/ClaireFunke. Herzlichen Dank!

Weitere interessante Beiträge zum Thema Care-Arbeit im Rahmen des schweizerischen Frauenstreik:

 

Beitragsbild von Etienne L. auf Pixabay

9 Gedanken zu “Ich habe Wut und ich habe Fragen: Gerechtigkeit. Geschlechter. Carearbeit?

  1. Sunnybee schreibt:

    Liebe Claire,
    nachdem ich deinen Text gelesen habe kommt mir die Frage: Hast du vielleicht Lust, bei meiner aktuellen Blogparade mitzumachen? „Was brauchen Familien wirklich?“ (Hier mein Aufruf, mit einem eigenen, ziemlich kämpferischen Text: https://mutter-und-sohn.blog/2019/05/18/was-brauchen-familien-wirklich-aufruf-zur-blogparade-bis-15-6-2019/)

    Du hast sicher Wichtiges zu sagen, das viele Leser/innen finden sollte – vielleicht hast du ja Lust – und sogar Kapazitäten – dazu?! Würde mich auf jeden Fall freuen!
    Lieben Gruß, Sarah/Sunnybee

    Gefällt 1 Person

  2. Dresden Mutti schreibt:

    Die Verteilung der Sorgearbeit auf zwei Schultern allein ist nicht die Lösung. Also natürlich macht es einen Unterschied, ob nach meinem 8 Stundentag noch 4 oder 2 Stunden Carearbeit erledigt werden müssen. Trotzdem ist es sehr anstrengend und belastend. Familien würden sehr von einer 30 Stunden-Woche profitieren. Du zählst noch weitere sehr gute Punkte auf, die bei der Diskussion auch mitbedacht werden sollen.

    Nur ein Gedanke stört mich etwas: „Es war halt so und ich habe mich den Umständen angepasst und fand dabei auch nichts schlimmes. Im Gegenteil. Ich habe damals diese für mich einmalige und endliche Zeit mit dem (mittlerweile) Großen, phasenweise sehr genossen.“ – Das Genießen kann ich gut nachvollziehen, aber die berufliche Zukunft sollten junge Frauen nicht ganz hinten an stellen, denke ich.

    Gefällt 1 Person

    • Mama streikt schreibt:

      Liebe Dresden Mutti,

      vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich hatte damit gerechnet, dass sich irgendjemand an dem Satz stört. Allerdings muss man dann vielleicht genau sehen, auf was für einen Zeitraum ich mich beziehe. Ich bin nach 11 Monaten wieder erwerbstätig gewesen. Interessant, dass dieser Satz gleich so interpretiert wird, dass ich mich nicht um meine berufliche Zukunft gekümmert habe. Habe ich immer und musste ich auch immer und zwar nicht nur wegen der Selbstverwirklichung, sondern weil das Geld notwendig war. Aber. Was wäre gewesen, wenn ich nur der Fürsorgearbeit hätte nachgehen wollen? Dann ist das Arbeit, genauso, wie Erwerbsarbeit und sollte auch so gewertet werden. Frauen sollen nicht mehr festgelegt werden auf die Arbeit im häuslichen Bereich. Nein. Frauen und Männer müssen die Wahl haben und das haben sie nur, wenn Sorgearbeit der Erwerbsarbeit gleichgestellt wird. Da müssen wir hin.

      Herzliche Grüße, Claire

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      • Dresden Mutti schreibt:

        Hallo Claire, vielen Dank für deine Ergänzung, die den Satz besser erklärt. Ich denke bei dieser Thematik in zwei Richtungen: erstens finde ich durchaus, das Sorgearbeit entlohnt werden sollte, weil sie unsere Gesellschaft stärkt und sehr wichtig ist. Auf der anderen Seite ist es aber aktuell so, dass sie nicht entlohnt wird. Von daher MUSS man/frau sich aktuell um die berufliche Zukunft kümmern, um finanziell unabhängig sein zu können, was ich sehr wichtig finde. Viele Grüße, Nadine

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  3. Elisabeth schreibt:

    Der Wegfall des von Dir beschriebenen/eingeforderten sozialen Verantwortungsgefühls seitens der Arbeitgeber lässt sich gut seit den 90er Jahren beobachten, damals zog auch der hässliche Begriff des „Humankapitals“ in den Betrieben ein. Und wer den Menschen nicht als Menschen, sondern als Produktionsfaktor betrachtet, wird natürlich auch versuchen, soviel Profit wie möglich aus diesem herauszuschlagen – also die Kosten für den Einsatz dieses „Produktionsfaktors“ so weit wie möglich zu senken. Dabei bleibt dann manchmal/häufiger/oft nicht nur Artikel 1 unseres Grundgesetzes auf der Strecke. Manchmal habe ich das Gefühl, dass Sozialpolitik seit dem Wegfall der Mauer und der durch sie getrennten Wirtschaftssysteme ein verpönter Begriff ist und in eine Schublade mit dem von den ehemaligen kommunistischen Parteien als Sozialismus betitelten Agieren gesteckt wird.

    Der Begriff Arbeit wird nur für den Teilbereich der Produktionsarbeit (Erwerbsarbeit) angewendet. Denn neben der Care- oder auch RE-Produktionsarbeit gibt es ja auch noch die gesellschaftlich relevante Arbeit, sprich: die Ehrenämter im Verein, Schule, Kirche, Kommunalpolitik,…. Auch hier läßt sich beobachten, wie die Anzahl der Ehrenamtlichen seit den 90ern kontinuierlich sinkt. Mit allen gesellschaftlichen Auswirkungen daraus!

    Über diese ganze Thematik haben wir schon vor 20 Jahren an der Uni diskutiert und Lösungsansätze gesucht. Seit ich selbst Mutter (im 15. Lehrjahr) bin (nach viiiiiielen Jahren reiner Erwerbsarbeit) wird mir mit jedem Lebenstag meiner Kinder deutlicher, dass es nicht nur darum geht, Carearbeit mit Erwerbsarbeit mindestens gleichzustellen, sondern dass wir auch aufhören müssen, unseren Kindern mit der Durchökonomisierung ALLER Lebensbereiche die freie Entfaltung als Mensch zu versagen. Mir blutet regelmäßig das Herz, wenn ich erlebe, dass Kindern bereits im Kindergarten eine höhere Arbeitszeit zugemutet wird als den Eltern und viele der Kinder sind da ja bereits „alte Hasen“, weil ihre fremdbetreute Zeit manchmal schon vor dem 1. Geburtstag anfing. Welche Signale setzen wir da als Gesellschaft? Und mit WIR ist hier tatsächlich die Gesellschaft als Ganzes gemeint, nicht wir Mütter und Väter! Was macht das mit unserer Mitmenschlichkeit?

    Und diese Arbeitsbelastung hört ja nach dem Kindergarten noch lange nicht auf. In der Grundschule konzentrieren wir uns immer noch darauf, dass die Kinder Lesen, Rechnen und Schreiben lernen. Das die Kinder echt beanspruchende und fordernde soziale Lernen wird in keiner Weise adäquat begleitet. Weder am Vormittag – in welcher Schule wird eine 24köpfige Klasse so wie es tatsächlich erforderlich wäre von 2-3 Lehrer*innen begleitet – nein, wir packen noch eins obendrauf und verlangen von den Kindern, dass sie sich nach dem sie meist schon völlig erschöpfenden Vormittag nachmittags einer völlig anderen sozialen Konstellation stellen. Statt in Ruhe den Vormittag verdauen zu können und FREI SPIELEN zu dürfen. Zudem entspricht die Qualität der pädagogischen Betreuung im Hort oftmals der (nicht vorhandenen) Höhe der dort gezahlten Gehälter.

    Auch die weiterführende Schule beendet noch lange nicht die dringend benötigte elterliche Carearbeit in Form von DA-Sein, Zuhören und nach einem blöden Tag einfach-mal-in-den-Arm-Nehmen oder im Krankheitsfall versorgt werden, auch wenn das 12. Lebensjahr überschritten ist.

    Als jemand der lange in der Erwachsenenbildung gearbeitet hat und mit den dortigen Qualitätsanforderungen vertraut war, konnte und wollte ich anfangs nicht glauben, was wir unseren Kindern zumuten. Jetzt bin ich einfach nur stinkwütend.

    Dir, Claire zolle ich großen Respekt für das, was Du hier und mit der Unterschriftenaktion schon alles auf die Füsse gestellt hast!!! Es tut mir gut, zu wissen, dass ich mit meinen Gedanken dazu nicht alleine bin. Vielen Dank 🙂

    Gefällt 1 Person

    • Mama streikt schreibt:

      Liebe Elisabeth,

      ganz herzlichen Dank für Deine Gedanken und dafür, dass Du Dir die Zeit genommen hast, sie hier aufzuschreiben.

      Ich habe beim Lesen durchgängig mit dem Kopf genickt und ich glaube, dass die Durchökonomisierung aller Lebensbereiche große Auswirkungen hat auf unsere Mitmenschlichkeit. Ablesen kann man das z. B. an den politischen Entwicklungen. Oder anders ausgedrückt: „Druck erzeugt Gegendruck.“

      Spannend, dass Du das schon vor 20 Jahren, gemeinsam mit anderen, diese Gedanken gedacht hast. Ich bewundere das sehr.

      Ganz herzliche Grüße, Claire

      Liken

  4. Care-Bär schreibt:

    Liebe Claire,
    wenn ich als zweite Schulter meiner eigenen Familie etwas beitragen darf: du hast Recht.

    Selbst wenn ich von unseren persönlichen, paradiesischen Verhältnissen ausgehe, stoße ich an himmelschreiende Ungerechtigkeiten. Bsp. Kind krank: 1. Besuch beim Arzt mit Kind, blauen Zettel mitnehmen, 2. ein Partner bleibt daheim und gibt beim AG den Zettel ab.
    3. Krankenkasse zahlt wie üblich Ersatzlohn.
    Bsp. Mutter krank (1 Kind wird noch daheim betreut):
    1. Frau geht zum Arzt, notfalls mit Kindern, wird krankgeschrieben
    2. je nach Erkrankung Attest oder Krankenhausbescheinigung mitnehmen
    3. am besten auf Vorrat Formulare für Haushaltshilfe bei Krankenkasse beantragen
    4. Wirre Telefonate mit der Krankenkasse führen und Antrag auf Haushaltshilfe (= zweite Schulter) stellen.
    5. Ich diskutier mit dem Arbeitgeber und bekomme unbezahlten Urlaub für die Care-Tage.
    6. Die Krankheit ist schon lang vorbei, da kommt Post von der Krankenkasse, die geleisteten Care Zeiten werden mit ca 6h täglich veranschlagt
    7. Wieder Telefonat mit Krankenkasse zur Klärung
    8. Der Arbeitgeber berechnet Cent genaus den Verdienstausfall und gibt mir das Krankenkassenformular wieder mit.
    9. Beide Partner müssen das Formular unterschreiben
    10. Die Krankenkasse zahlt schließlich einen Anteil, 10% davon werden meiner Frau als Eigenanteil in Rechnung gestellt!

    Da frah ich mich, warum ich mich nicht wegen eines Anflugs einer Erkältung krankschreiben habe lassen, dann hätte ich effektiv mehr Zeit für die Pflege gehabt.

    Nur als Beispiel, wo die Verteilung auf zwei Schultern über die offiziellen Wege nicht richtig funktioniert. Auch typisch, dass Männer auf Dienstreisen etc. nicht gefragt werden, wer sich denn in dieser Zeit um die Kinder kümmert. usw. Ich will damit sagen, dass unterm Strich sich auch Männer endlich emanzipieren müssen und über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nachdenken müssen, sprich flexibler werden, weniger arbeiten… Das Care-Gehalt sollte meiner Meinung nach aber nur für den Haushalt gezahlt werden, in dem die Kinder leben, also meistens auf das Konto der Mama.

    Also viel Erfolg weiterhin und hol dir mehr Papas ins Boot!

    Gefällt 2 Personen

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