Zeit: Wenn das Selbstverständliche zum Luxus wird

Ich hatte in der letzten Woche eine schlimme eitrige Mandelentzündung. Als ich auf dem Sofa lag, zwischen Erwerbsarbeit und Fürsorgearbeit auf der einen Seite und dem Versuch Auszuruhen um gesund zu werden,  auf der anderen Seite, musste ich daran denken, dass ich einmal als Kind so eine schlimme Mandelentzündung hatte. Ich war damals 6 Wochen krank in den Sommerferien.  Hinzu kam, dass meine Mutter keine Zeit hatte, da sie selbständig war mit einem großen gastronomischen Betrieb mit Galerie, der im Sommer Hochsaison hatte. Krankenbesuche konnte auch keiner machen, denn meine Freundinnen wohnten alle 10-20 Kilometer weit weg. Nachbarskinder kamen auch nicht in Frage zum Zeitvertreib. Wir lebten alleine auf einem Berg, mitten in der Natur. Oder, anders ausgedrückt, stand unser Wohnhaus und das Restaurant mitten in der Pampa. Ich lag also 6 Wochen ziemlich alleine in meinem Zimmer. Zeitarmut kann sehr belastend sein.

Als ich in den ersten Jahren alleinerziehend war, habe ich die ständige Hetze als wahnsinnig anstrengend empfunden. Vor allem am frühen Morgen, meinen damals noch nicht mal 2 Jahre alten Sohn ständig zur Eile drängen zu müssen, weil ich noch 45 Minuten auf die Arbeit fahren musste, empfand ich als ganz fürchterlich. Er war noch so klein und ich hätte diesem Kind so gerne einen ruhigeren Start in den Tag ermöglicht. Erschwerend kam hinzu, dass Großer (bis heute) kein Frühaufsteher ist. Wenn ich im Gegensatz dazu, den Kleinen mit einem Kuss wecke und ihn streichle ist er meistens schon hellwach. Mit dem Großen war das nie so. Er braucht mindestens eine halbe Stunde am Morgen bis er fähig ist aufzustehen und dann ist er immer noch ein halber Schlafwandler. Aber auch mit dem kleinen Kind war es nicht schön täglich um kurz vor 7.00 Uhr aus dem Haus zu rasen, denn es muss alles wie am Schnürchen klappen. Immer. So war das bis September 2017, als mein letzter befristeter Arbeitsvertrag ausgelaufen ist. Die Zeitarmut hat mit den Kindern zu vielen Streitigkeiten am Morgen geführt. Das war unheimlich belastend für uns alle.

Ich bin sehr froh, dass wir heute eine andere Situation haben. Da ich zu Hause erwerbstätig bin, habe ich keine Pendelzeiten mehr und dadurch wesentlich mehr Zeit am Morgen. Natürlich können wir nicht trödeln in der Früh, denn der Große verlässt um 7.25 Uhr das Haus, da die Schule um 7.40 Uhr anfängt. Auch der Kleine muss bis spätestens 8.30 Uhr in der Kita sein. Dennoch geschieht heute alles mit Ruhe, weil ich innerlich meistens gelassen bin. Ich muss ja keine festen Arbeitszeiten mehr einhalten bei der Erwerbsarbeit und ich muss nicht mehr bis zu 45 Minuten (einfach) im Berufsverkehr auf die Arbeit fahren. Nach über einem Jahr Homeoffice, staune ich immer noch darüber, was es ausmacht, etwas mehr Zeit zur Verfügung zu haben. Es gibt mittlerweile nur noch selten Streit bei uns am Morgen.

In der letzten Woche hat die Zeit in der Früh sogar ausgereicht, dem kleinen Kind einmal beim Malen zuzuschauen, während der Große im Bad war. Es waren nicht einmal 10 Minuten, die wir am Tisch saßen, während er mir alles zu seinem Bild erklärt hat. Aber dadurch, dass ich mich voll auf seinen Malprozess, seine Gedanken und seine Phantasie einlassen konnte, kam mir die Zeit viel länger vor. Wir waren quasi kurz abgetaucht in eine Welt, zu der nur wir beide in dem Moment Zugang hatten. Beim Beobachten bin ich immer wieder beeindruckt, was für Phantasie und Handlungsmöglichkeiten Kinder mitbringen. Der Kleine hatte einem Piraten schwarze Augen gemalt (Bild unten). Eigentlich sollten sie Braun werden. Er hat dann die braune Farbe um den schwarzen Punkt gemalt und ich habe angemerkt, dass das jetzt sogar aussieht wie ein richtiges Auge. Im inneren die schwarze Pupille und außen die Iris, in dem Fall in Braun.

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Wann immer das kleine Kind  in den letzten Tagen Augen gemalt hat, fragte er: „Wie war das mit den Kapellen, Mama?“ Und wenn er in den Spiegel schaut ruft er jetzt: „Mama, ich sehe meine Kapelle!“ Mit der Kapelle sind natürlich die Pupillen gemeint, dieses Wort konnte sich Kleiner (noch) nicht merken, aber er hat sich gemerkt, dass die Augen innen drinnen einen schwarzen Punkt haben. Jedenfalls haben wir im Alltag zusammen etwas erlebt, dass so schön war, dass ich Tränen in den Augen hatte. Freudentränen und auch Tränen der Dankbarkeit darüber, dass ich solche Momente mit meinen Kindern erleben kann. Ich hoffe sehr, dass das so bleibt, denn ich habe schon meine eigene Kindheit teilweise verpasst und deshalb will ich die Zeit mit meinen Jungs bewusst erleben mit vielen weiteren intensiven Augenblicken.  

Auch von meinen Leserinnen und Lesern höre ich immer wieder, dass die Zeitarmut belastend ist, wenn es um die Vereinbarkeit von Familie / Pflege und Beruf geht. In einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung, die am 19.02.19 veröffentlicht wurde, mit dem Titel: „Frag sie doch selbst!“, wird u. a.  sichtbar, dass Kinder  Zeitarmut  ebenso als belastend empfinden, z. B. dann, wenn keiner der Erwachsenen Zeit für sie hat. Im Rahmen der Studie wurden 3.450 Mädchen und Jungen zwischen 8 und 14 Jahren befragt zu ihrer Befindlichkeit. Mich hat die Studie unter dem Gesichtspunkt begeistert, weil diesmal nicht Experten über Kinder sprechen, sondern die Kinder selbst zu Wort kamen und sie so die Möglichkeit hatten, ihre persönlichen Bedürfnisse mitzuteilen. Da die private Care-Arbeit genau das zum Ziel hat, nämlich die Erfüllung der grundlegenden menschlichen Bedürfnisse, gibt die Studie Antworten darauf, was genau Kinder von uns brauchen. Zitat von der Internetseite der Bertelsmann-Stiftung zur Studie:

 „Gut fünf Prozent der Achtjährigen finden nicht, dass es in ihrer Familie jemanden gibt, der sich um sie kümmert. Bei den 14-Jährigen sind es sogar rund zehn Prozent. Überraschenderweise beklagen gerade ältere Kinder häufiger die fehlende Zeit ihrer Eltern. Auch mit Blick auf Vertrauenspersonen in der Schule hat ungefähr die Hälfte der älteren Schüler nicht den Eindruck, dass sich ihre Lehrer um sie kümmern oder ihnen bei Problemen helfen. Für unseren Vorstand Jörg Dräger leitet sich daraus ab, dass die Gesellschaft insgesamt mehr für Kinder und Jugendliche da sein muss: Kinder und Jugendliche brauchen erwachsene Vertrauenspersonen, sowohl in Familien als auch in den Schulen.“

Ich kann aus meiner eigenen Kindheit sagen, dass es nicht schön ist, wenn Eltern fast nie Zeit haben. Als alleinerziehende Mutter empfinde ich es als schlimm, wenn wir uns durch den Tag, die Wochen, die Monate, die Jahre  hetzten, vor allem auch deshalb, weil die Zeit mit meinen Jungs endlich ist. Irgendwann sind sie groß. Eine Lösung für die Zeitarmut bei Eltern und pflegenden Angehörigen könnte sein, dass diese nur noch 25 Stunden pro Woche erwerbstätig sind, bei vollem Lohnausgleich. Für alleinerziehende Mütter und Väter, bei denen sich der andere Elternteil gar nicht kümmert um das Kind, sollte dann nur eine 20 Stunden-Woche bei der Erwerbsarbeit vorgesehen sein. Dann sind kleine Auszeiten im Alltag möglich, um wieder Kraft zu schöpfen für die Erwerbsarbeit und für die private Care-Arbeit, oder um dem Kind einfach mal entspannt beim Malen zuzuschauen.

 

P.S.: Wenn Ihr meine Arbeit zur Anerkennung und zum sichtbar machen der privaten Care-Arbeit finanziell unterstützt freue ich mich sehr. Hier geht es zu PayPal: https://paypal.me/ClaireFunke.

Beitragsbild: Pixabay von Monar

 

 

 

 

 

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12 Gedanken zu “Zeit: Wenn das Selbstverständliche zum Luxus wird

  1. Dresden Mutti schreibt:

    Mein Mann arbeitet nur 20 Stunden und ich sehe, dass einem das nochmal einen ganz anderen Puffer gibt. Den Kindern kommt es insofern auch zugute, dass sie morgens erst um 9 Uhr im Kindergarten sein müssen und dadurch dass er den Morgen übernimmt, kann ich trotz 40 Stunden-Woche immer schon 15 Uhr Feierabend machen und habe die Nachmittage mit den Kindern <3. Allerdings haben wir so auch einfach weniger Geld und ich hoffe, er findet auch bald eine Vollzeitstelle.

    Für Alleinerziehende ist das aber einfach nochmal eine ganz andere Belastung. Ich bin ganz bei dir, dass eigentlich nur eine 20-30 Stunden-Woche eine "gesunden" Familie dienlich sein kann. Für Alleinerziehende sowieso, aber durchaus auch für andere Familien insbesondere mit kleinen Kindern.

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    • Mama streikt schreibt:

      Liebe Dresden Mutti,

      herzlichen Dank für Deinen Kommentar. Ja, leider scheitert das mit dem weniger erwerbstätig sein heute immer mehr am Geld und gerade in Großstädten sind die Lebenshaltungskosten natürlich um einiges höher als auf dem Land.

      Herzliche Grüße, Claire

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      • Dresden Mutti schreibt:

        Teilweise liegt es natürlich auch an den eigenen Ansprüchen – gerade wenn man zu zweit ist wie wir, könnte es ja klappen, dass nicht beide voll arbeiten müssen. Das machen wir ja aktuell auch (dafür haben wir kein Auto usw.). Nun steht gerade die Schulwahl an und wir würden unsere Kinder gern auf der Waldorfschule anmelden – das kostet dann natürlich Schulgebühren. Also: letztlich haben wir halt auch einfach hohe Ansprüche.

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  2. waldfeeundbergzwerg schreibt:

    Ich arbeite keine 5 Minuten von meiner Wohnung weg, aber ich muss zu bestimmten Zeiten im Büro sein. Immer öfter merke ich, dass mich diese Zeitcorsett einengt. Wir arbeiten beide Vollzeit, mein Mann selbständig und ich festangestellt. Mein Ziel ist irgendwann nicht mehr Vollzeit arbeiten zu müssen und mehr Zeit für das Kind zu haben. Bei einer kürzeren Arbeitszeit, ist auch der Haushalt leichter zu schaffen. Da wir in einer Gegend leben, wo einen die Miete bald die Hälfte vom Einkommen aufbraucht, müssen fast immer Beide arbeiten. Klar ist hier eine der Wirtschaftsstärkeren Gegenden, aber dafür sind die Nebenkosten auch nicht günstig. Es muss sich noch viel tun in der Gesellschaft.

    Gefällt 2 Personen

    • Mama streikt schreibt:

      Liebe Waldfeeundbergzwerg,

      vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich finde dieses Zeitcorsett über viele Jahre „tragen zu müssen“ macht mürbe. Das die Lebenshaltungskosten in Großstädten oder Ballungszentren so viel höher sind bzw. immer höher werden ist ein großes Problem. Ich habe auch überlegt in eine Großstadt zu ziehen für die Erwerbsarbeit, aber mit nur einem Gehalt ist es da noch schwieriger, als mit einem kleinen Gehalt auf dem Land. Es gibt noch viel zu tun, so sehe ich das auch. Ich hoffe es wird für Dich möglich sein, so wie Du es Dir wünscht, weniger erwerbstätig zu sein.

      Herzliche Grüße

      Claire

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  3. Sunnybee schreibt:

    Liebe Claire,
    ein sehr wichtiges Thema! Ich lese deine Artikel immer wieder mit großem Interesse und bin froh, dass du so konkrete und dringliche Themen aufgreifst, wie hier die Zeitnot aufgrund starrer Arbeitszeiten. Obwohl ich als Lehrerin einen an sich familienfreundlichen Beruf ausübe, merke ich, wie viel entspannter ich meinem Sohn gegenüber bin, wenn ich mal nicht arbeiten muss. Auch deswegen sollte Fürsorgearbeit auch finanziell honoriert werden. Kinder sollen nicht funktionieren müssen, damit wir Mütter – und Väter – wiederum bei der Erwerbsarbeit funktionieren!… Und wenn wir NEIN dazu sagen und weniger arbeiten, darf uns daraus in unseren Berufen kein Nachteil erwachsen. Aus eigener Erfahrung weiß ich: soweit ist es – trotz offiziell gleicher Chancen in Teilzeit – auch im öffentlichen Dienst noch lange nicht. Herzlichen Gruß, Sarah🙂

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    • Mama streikt schreibt:

      Liebe Sarah,

      vielen Dank für Deinen Kommentar und danke für diesen Satz: „Kinder sollen nicht funktionieren müssen…..“, er spricht mir so sehr aus der Seele. Ja, und natürlich sollen wir als Eltern auch nicht immer nur funktionieren müssen. Als Erwachsene haben wir vielleicht noch bewusste innere Strategien um damit umzugehen, aber auf die Dauer? Jedoch gerade Kinder haben diese bewussten Strategien noch nicht und das ist ja auch ein Grund, warum sie auf unsere Fürsorge angewiesen sind. Es gibt noch viel zu tun und je länger ich mich mit dem Thema Carearbeit beschäftige, desto mehr Handlungsbedarf sehe ich.

      Ganz herzliche Grüße, Claire

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  4. E.v. Kirchbauer schreibt:

    was würde der Staat machen, wenn die Frauen streiken und keinen Nachwuchs mehr in die Welt setzt? Ein Elternteil soll es möglich sein, zu Hause zu bleiben um die Kinder groß zu ziehen.Welche Fortbildungsmöglichkeiten hat ein Kind in KITA und Kindergarten? Viel zu große Gruppen mit Gleichaltrigen-warum nicht mit Geschwister, Nachbarkinder…aufwachsen und voneinander lernen?
    MFG

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    • Mama streikt schreibt:

      Liebe Frau Kirchbauer,

      ich möchte mit meinem Engagement Wahlfreiheit erreichen für Männer und Frauen, was die private Care-Arbeit betrifft. Jeder soll selbst entscheiden können, ob er sein Kind in die Kita gibt oder nicht, ohne davon Nachteile zu haben. Im Moment ist es so, dass nur Erwerbsarbeit als Arbeit gewertet wird und es vielen Eltern nicht mehr möglich ist, frei zu entscheiden, wie viel ein Kind fremdbetreut wird. Das geht an den Bedürfnissen von Eltern und vor allem an den Bedürfnissen von Kindern vorbei.

      Viele Grüße

      Claire Funke

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