Können wir es uns leisten, uns nicht zu kümmern?

Die Erziehung von Kindern und die Pflege von Angehörigen ist Arbeit. Ich werde sicher niemals müde werden das immer wieder zu betonen. Ganz bewusst spreche ich daher im Alltag und auch in meinen Texten im Blog oder in den sozialen Medien von Erwerbsarbeit und Fürsorgearbeit (private Care-Arbeit, Sorgearbeit). Es wäre wichtig, dass wir das alle  in unseren Sprachgebrauch übernehmen. Vor allem auch in den Medien.

Ein Beitrag auf Twitter hat in dieser Woche meinen Puls höherschlagen lassen. Es handelt sich dabei um einen Kurzfilm (6 Min.) vom ZDF aus der Sendung WISO vom 04.02.2019 mit dem Titel: „Ist Ehegattensplitting noch zeitgemäß?“ Vorab möchte ich sagen, dass ich das Ehegattensplitting in der jetzigen Form nicht mehr sinnvoll finde, da es weder an die Erziehung von Kindern, noch an die Pflege von Angehörigen gekoppelt ist. Paare, die Kinder haben und ohne Trauschein zusammenleben, so wie der Vater vom Großen und ich, profitieren nicht vom Ehegattensplitting. Alleinerziehende haben zwar die Möglichkeit Steuerklasse 2 zu beanspruchen, aber die Steuerersparnis ist viel geringer als beim Ehegattensplitting.  Auch diese Personengruppe wird also im Moment benachteiligt, was schwer wiegt, denn sie sind besonders von Armut bedroht. Pflegende Angehörige, die nicht verheiratet sind und Mutter, Vater oder andere Menschen pflegen, werden steuerlich auch nicht entlastet. Für mich wäre daher ein Care-Splitting sinnvoller, das nicht die Ehe, sondern die lebensnotwendige Care-Arbeit in den Vordergrund stellt. Ich stimme in diesem Punkt also mit dem WISO-Beitrag überein, dass das Ehegattensplitting nicht mehr zeitgemäß ist, weil Sorgearbeit eben auch außerhalb der Ehe geleistet wird. Mehrere Sätze in dem Film haben mich dann aber doch die Augen weit aufreißen lassen. Zitat (bei Minute 5.38): „Auch die Wirtschaft würde profitieren, wenn der Anreiz nicht mehr zu arbeiten wegfiele.“

Mit einem einzigen Satz wird hier die im privaten geleistete, lebensnotwendige Care-Arbeit unsichtbar gemacht oder wie sonst soll ich „der Anreiz nicht  zu arbeiten wegfiele“ verstehen? Eltern und pflegende Angehörige arbeiten. Sie leisten Care-Arbeit. Keine Ahnung, wie wir es bezeichnen wollen, wenn wir zu Hause verkackte Klos sauber machen oder verschissene Windeln wechseln oder vollgekotzte Betten neu überziehen. Es ist doch Arbeit! Oder? Genauer gesagt: Sorgearbeit. Von alleine wäscht sich das vollgekotzte Bettzeug jedenfalls noch nicht und es ist höchst problematisch diese Arbeit als „Nicht-Arbeit“ darzustellen. Sprache schafft Realität und das bewusste unterscheiden zwischen privater Care-Arbeit auf der einen Seite und Erwerbsarbeit auf der anderen Seite ist der erste Schritt dahingehend, Fürsorgearbeit sichtbar zu machen. Zumindest sprachlich.

Die Protagonistin in dem WISO-Beitrag berichtet (bei Minute 1.28), dass sie an ihre Karriere nicht mehr anknüpfen konnte, da sie sich 6 Jahre ausschließlich um ihre Kinder gekümmert hat und nicht erwerbstätig war. Das ist sehr schade, denn wer Kinder begleitet oder Angehörige pflegt, gewinnt jede Menge neue Kompetenzen hinzu, z. B. im zwischenmenschlichen Bereich. Es ist vor allem emotionale Arbeit ein Kind in der Trotzphase ruhig zu begleiten. Einem Menschen der an Alzheimer erkrankt ist, immer wieder geduldig zu erklären, dass man der Karl ist und nicht der Robert ist mühsam, aber es ist notwendig, sich genau dafür Zeit zu nehmen. Für all diese zwischenmenschliche (Care)Arbeit brauchen wir Kompetenzen und je länger wir diese (Care)Arbeit tun, desto mehr Kompetenzen gewinnen wir hinzu. Das darf doch nicht einfach unsichtbar gemacht werden! Da sind doch vor allem Unternehmen gefragt, an diesem Punkt umzudenken bzw. die private Fürsorgearbeit anders zu bewerten. Ziemlich sicher ist jedenfalls, dass es eine größere Auswahl an Bewerbern geben würde für eine ausgeschriebene Stelle, wenn Personalverantwortliche die geleistete Sorgearbeit als Kompetenzgewinn werten würden und diese Bewerber ins Auswahlverfahren mit einbeziehen würden. Vielleicht haben wir auch eher einen relativen Fachkräftemangel als einen absoluten, weil die Anforderungen in Stellenausschreibungen zu wenig Abweichung von der Norm zulassen?

Ich möchte nicht dazu aufrufen, dass grundsätzlich ein Partner ausschließlich zu Hause bleiben soll um sich um die Kinder zu kümmern. Als Eltern und pflegende Angehörige sollten wir aber die Wahl haben, wie viel Zeit wird der Erwerbstätigkeit widmen (wollen / können) und wie viel Zeit wir für die private Care-Arbeit benötigen ohne das dies negative Folgen hat wie z. B. Diskriminierung am Arbeitsmarkt (z. B. weniger Karrierechancen durch Teilzeit, Schwierigkeiten beim Widereinstieg in den Beruf) oder finanzielle Einbußen bis hin zur Armut oder gesundheitliche Beeinträchtigungen  (z. B. Burnout durch ständigen Druck bei der Vereinbarkeit).

Möglicherweise müssen wir ganz andere Fragen stellen um neue Antworten zu bekommen, was die Bewertung der privaten Care-Arbeit betrifft? Dazu ist mir ein Satz von Susan Himmelweit  (Ökonomin und Sozialwissenschaftlerin in Großbritannien) eingefallen, den ich in einem Dossier von Susann Worschech gelesen habe (Care Arbeit und Care Ökonomie: Konzepte zu besserem Arbeiten und Leben?): „Can we afford not to care?“ Ins Deutsche übersetzt heißt das dann: „Können wir es uns leisten, uns nicht zu kümmern?“

P.S.: Wenn Ihr meine Arbeit zur Anerkennung und zum sichtbar machen der privaten Care-Arbeit finanziell unterstützt, freue ich mich sehr. Hier geht es zu PayPal:  https://paypal.me/ClaireFunke.

 

 

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9 Gedanken zu “Können wir es uns leisten, uns nicht zu kümmern?

  1. Sunnybee schreibt:

    Jawohl! Du hast wirklich Recht mit dem, was du sagst. Care-Arbeit IST Arbeit und ein absolut notwendiger Teil der Gesellschaft. Aber was kann – außer Apellen – der Weg im Alltag sein, ihr die Wertschätzung zu verschaffen, die sie verdient? Ein „Care-Streik“? Kinder, Alte, Kranke schlicht nicht mehr unentgeltlich pflegen und betreuen? In der Praxis verbietet sich das ja aus ethischen Gründen und der politische Weg ist lang… Ich suche da echt selbst nach Lösungen und es würde mich interessieren, welche Antworten du diesbezüglich schon gefunden hast! Herzlichen Gruß, Sarah/Sunnybee

    Gefällt 1 Person

    • Mama streikt schreibt:

      Liebe Sarah,
      vielen Dank für Deinen Kommentar. Der erste Weg zur Veränderung ist, dass wir uns selbst bewusst sind, dass Care-Arbeit Arbeit ist. Der nächste Schritt zur Veränderung ist, dass wir das auch nach außen tragen. Nicht alle Menschen werden sofort zustimmen, manche nie. Aber wenn wir nicht andere Gedanken in die Welt tragen, wie sollen dann andere Dinge entstehen? Eine Möglichkeit in den Streik zu treten ist zum Beispiel im Rahmen des Frauenstreik am 8.3. eine Überlastungsanzeige zu stellen unter folgendem Link (bis 7.3.): https://frauenstreik.org/wie-streiken/unbezahlte-arbeit-bestreiken/

      Herzliche Grüße und vielen Dank fürs Fragen stellen, Claire

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      • have a nice day schreibt:

        Ich denke jede/r, die/der Care-Arbeit leistet weiß, dass es Arbeit ist. Unbezahlte, ungewürdigte, verschwiegene Arbeit mit unzähligen Überstunden, häufigen Nachtschichten und oft ohne Urlaub. Die Crux an der Sache ist, diese Arbeit soll absichtlich unsichtbar bleiben und darf nicht als geregelte Arbeit gelten, weil sie schon immer als niedere Frauenarbeit und vor allem Frauenpflicht angesehen wurde und somit
        wird sich niemand finden, der Care-Arbeit als richtige Arbeit anerkennen und somit auch angemessen entlohnen (können) will. Wie viele würden entrüstet auf die Barrikaden gehen, wenn Hausfrau und Mutter (also waschen, kochen, putzen, mehr ist das ja in vielen Augen nicht) als ausgeübte Tätigkeit anerkannt würde? Angemessen entlohnt müsste das ein besseres Gehalt ergeben als bei manchem anderen geregelten 8h-Job. Ups! Die bislang einzige Möglichkeit, dass Care-Arbeit als reguläre Arbeit anerkannt wird ist, wenn man sie für Fremde leistet. Sollten wir nun morgens um 6:00 einfach mit der Nachbarin tauschen und für deren Familie die täglichen Arbeiten verrichten und sie für unsere Familie, hätten wir dann einen regulären Job? Mit regulärem Vertrag ja, ohne nein. Ohne wäre es noch nicht mal Schwarzarbeit sondern lediglich Spinnerei.

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  2. Lissi schreibt:

    Eine Änderung könnte eintreten, wenn alle Mütter die Kinder den Vätern überlassen und sie selbst sich um ihre Karriere bemühen-Auch bei der Betreuung älterer Menschen müssten sich die Frauen sehr zurückhalten-Das Grossziehen von Kindern mit Erziehung, Ernährung, Krankheiten,Allergien..wenn das keine Fürsorgearbeit ist! Warum braucht man kleinere Schulklassen aber wiederum werden angeblich Kinder in Krippen und Kindergärten besser gefördert als zu Hause? In all diesen Einrichtungen sind Kinder in fast gleichen Altersgruppen-Habe 4 Kinder grossgezogen-Abstand vonm 1. Kind zum Letzten 11 Jahre-die älteren Kinder haben den Jüngeren auch einiges beigebracht-haben schon früh gelernt mit kleinen Kindern umzugehen-zugleich habe ich mit meinen Kindern ältere Nachbarn versorgt-wo lernen dies Kinder heute?-Ist all das in einer Gesellschaft nicht mehr nötig?

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  3. Sunnybee schreibt:

    Liebe Claire,
    ich habe den Weltfrauentag am 8.3. zum Anlass genommen, selbst noch einmal über das Thema „Care-Arbeit“ zu schreiben. Und vor allem, wie wichtig es ist, dass wir Frauen uns durch Austausch und gemeinsames „Netzwerken“ auch gegenseitig stärken. Wenn du magst, findest du meinen Artikel hier: https://mutter-und-sohn.blog/2019/03/06/frauen-vernetzt-euch-am-8-3-ist-weltfrauentag/.
    Herzlichen Gruß, Sarah

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  4. Lührs, Walter schreibt:

    Scheinbar haben wir uns alle viel zu wenig gekuemmert, oder nie gewusst wohin die Weichen gestellt wurden . Man waehlt dann verlogene Politiker die Finanzhaien oder Lobbies zuspielen oder hatte vielleicht die „Verantwortung“ an CHAOTEN abgegeben die sich zu NICHTS VERPFLICHTET fuehlten !!
    Man muss sonst die Verantwortlchen in die Verantwortung ziehen , oder diese Menschen abschaffen oder nie wieder waehlen !!

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