Versteckte Armut, Zweckoptimismus und die Frage: „Sparst Du schon?“

Vor 3 Wochen hat mich der Große (11) gefragt, ob ich schon spare. Es ging in dem Gespräch um unsere kaputte Geschirrspülmaschine. Ich spüle seit über einem Jahr wieder mit der Hand, weil die Reparatur für die 11 Jahre alte Spülmaschine zu teuer kommen würde und wir uns ein neues Gerät nicht leisten können. Solche Gespräche mit meinen Kindern machen mir schmerzlich bewusst, wie unsicher unser Leben ist. Grundsätzlich ist es nicht schlimm, mit der Hand zu spülen. Nein. Aber. Als allein-erziehende Mutter wäre es eine große Erleichterung, wenn ich diese Hilfe wieder hätte. Leider kann ich sie mir nicht (mehr) leisten und das macht mir große Sorgen. Es geht hier auch nicht um Luxus, sondern darum, einen komplett ausgestatteten, funk-tionstüchtigen Hausstand zu haben. Zweckoptimismus ist ein ständiger Begleiter in meinem Leben. Aber in diesem Fall versagt auch er, denn den positiven Nebeneffekt vom Spülen, den Tante Tilly in den 1980er Jahren angepriesen hat, kann ich nach über 12 Monaten Spüleinsatz, nicht bestätigen. Die Hände werden nicht gepflegt beim Spülen, sondern total krumpfelig, wie Kleiner (4) findet und das ist blöd. Mindestens.

Wenn es nur um die Spülmaschine ginge, könnte ich das auch noch gut hinnehmen. Aber es zwackt mittlerweile an allen Ecken und Enden. Mein Auto (13 Jahre alt) macht seit einigen Monaten komische Geräusche. Manche Menschen geben ja viel Geld dafür aus, dass ihr Auto besonders laut röhrt. Ich bin eher von der bescheidenen Autofahrersorte und hätte einfach nur gerne, dass es zuverlässig fährt. Ohne Geräusche. Bitte. Danke. Unser Auto fährt aber im Moment nur mit merkwürdigen Geräuschen und da ich auch gar nicht so genau wissen will, welchen Grund sie haben, fahre ich einfach weiter. Leider muss ich im März zum TÜV. Da wartet also schon wieder das nächste Problem, denn den TÜV kann ich nicht ignorieren. Leider. Wenigstens habe ich im März, die letzte große Reparaturrechnung für das Auto abbezahlt. Ha! Zweckoptimismus! Leider hat die Autowerkstatt, bei der ich größere Rechnungen immer ohne Probleme in Raten zahlen konnte mittlerweile geschlossen. Blöd. Wieder eine Möglichkeit weniger, die mir das Leben etwas erleichtert hat. Wie weiter?

Am Wochenende hat mir ein Mann auf Twitter geschrieben, dass es ganz einfach ist für schlechte Zeiten vorzusorgen. Der ultimative Heilsbringer hieß hier Sparen. Ha! Aus der Diskussion bin ich tatsächlich ganz schnell ausgestiegen, denn meine Energie wird an anderer Stelle dringender benötigt. Möglicherweisen können Männer auch eher sparen als Frauen, aufgrund des Gender-Pay-Gap (geschlechtsspezifischer Lohnunterschied) von 23%. In einer aktuellen  Oxfam-Studie heißt es jedenfalls:  „Im weltweiten Durchschnitt besitzen demnach Männer 50 Prozent mehr Vermögen als Frauen.“

Da ich im Mai 10 Jahre alleinerziehend und prekär beschäftigt bin, hat dies dazu geführt, dass ich nie große finanzielle Rücklagen bilden konnte. Im Angestelltenverhältnis in der Erwachsenenbildung (Bildung = bezahlte Care-Arbeit), war mein Gehalt rund ein Drittel niedriger als vorher im Hotelfach. Wir haben daher meistens von der Hand in den Mund gelebt. Ich hatte in den Jahren vor der Geburt des Kleinen, nie mehr als 200,00 bis 300,00 Euro auf dem Spar-buch. Immerhin. Mit dem zweiten Kind und den fortwährenden prekären Arbeitsverhältnissen hat sich die Situation verschärft und wir haben gar kein Geld mehr auf dem Sparbuch. Also auch der Notgroschen entfällt mittlerweile. Leider. Von außen sieht man mir und meinen Kindern die schwierige finanzielle Situation (noch) nicht an. Ich würde daher von versteckter Armut sprechen. Unser Leben ist ohne Sicherheit und das ist, allem Zweckoptimismus zum Trotz, oft schwer auszuhalten.

Es ist gut, dass ich durch meinen 450-Euro-Job als virtuelle Assistentin zumindest nicht mehr im Hartz-IV-Bezug bin. Da Kindesunterhalt und Kindergeld als Einkommen angerechnet werden, war ich mit dem Minijob und dem Einkommen aus selbständiger Tätigkeit schnell wieder raus aus dem Hartz-IV-Bezug. Was nun aber wieder zur Folge hat, dass ich meine Krankenversicherungsbeiträge von knapp 200,00 Euro selbst bezahlen muss. Ich bin also dennoch auf Sozialleistungen angewiesen und jetzt im Wohngeldbezug. Gut? Nein. Die finanzielle Situation hat sich nicht entspannt. Ich müsste noch mehr Aufträge generieren als virtuelle Assistentin auf selbständiger Basis, zusätzlich zu den bestehenden Projekten und dem 450-Euro-Job. Im Herbst 2018 sah es eigentlich ganz gut aus mit neuen Aufträgen. Dann haben sich aber 2 Anfragen doch nicht so ergeben, wie es geplant war und daher hat mich die Frage vom Großen ob ich schon für die neue Spülmaschine spare, kalt erwischt. Sie hat mir wieder einmal vor Augen geführt, was ich meistens erfolgreich verdränge: Unser Leben gleicht einem Seiltanz, ohne Sicherheitsnetz und ohne ein sichtbar nahendes Ende. Quasi Unsicherheit in Endlosschleife. Tja nun.

Ich denke, dass das, was ich als virtuelle Assistentin im Moment erlebe, normal ist für den Beginn einer Selbständigkeit. Immerhin hatte ich schon wesentlich mehr Gespräche mit potentiellen Auftraggebern, als ich jemals hatte wenn ich Bewerbungen geschrieben habe für eine Festanstellung. Ha! Da ist er wieder! Willkommen Zweckoptimismus.

Was anderes bleibt mir auch eigentlich gar nicht übrig, als immer wieder, das „positive“ an einer unangenehmen Situation zu suchen. Nachdem das mit den gepflegten Händen beim Spülen à la Tante Tilly nicht klappt, nehme ich im Bezug auf die kaputte Spülmaschine, halt den Stromverbrauch, der geringer ist, wenn ich mit der Hand spüle. Bin gespannt auf die Stromrechnung, den Zähler habe ich schon abgelesen. Unabhängig davon glaube ich, dass der Zweckoptimismus sowas ist wie Selbstwirksamkeit, die man dann doch noch irgendwie erlangt in einer unangenehmen Situation. Ob bald mal eine Ende naht mit den Unsicherheiten in unserem Leben? Keiner weiß es. Ich mache weiter. Was sonst?

P.S.: Wenn Ihr meine Arbeit zur Anerkennung und zum sichtbar machen der privaten Care-Arbeit finanziell unterstützt freue ich mich sehr. Hier geht es zu PayPal: https://paypal.me/ClaireFunke.

Beitragsbild: Pixabay von Olichel

Werbeanzeigen

7 Gedanken zu “Versteckte Armut, Zweckoptimismus und die Frage: „Sparst Du schon?“

  1. Beata schreibt:

    Aaalso….
    ich empfinde Dein ewiges Gejammer so langsam als sehr unangenehm und werde Dir nicht weiter folgen.
    Übrigens – Handschuhe beim Spülen tragen, hat schon meine Großmutter gemacht. Sie hatte immer weiche Hände
    Beata

    Liken

    • Mama streikt schreibt:

      Liebe Beata,

      ich vertrage aufgrund meiner Neurodermitis keine Gummihandschuhe, auch keine, die mit Baumwolle beschichtet sind. Abgesehen davon, ist es gut, dass jeder frei entscheiden kann, was er liest oder eben nicht.

      Claire

      Liken

    • have a nice day schreibt:

      Was Du „Gejammer“ nennst, ist nur das ehrliche Aufzeigen, wie es in vielen deutschen Haushalten Alleinerziehender zugeht. Das als Gejammer zu bezeichnen finde ich ziemlich respektlos, braucht es doch tatsächlich viel Mut, das so ungeschönt offen zu legen. Nicht jeder hat eine hilfsbereite Familie im Rücken sondern muss das tatsächlich alles irgendwie alleine wuppen. Und nein, es ist nicht einfach und es ist kein geregelter, gut bezahlter 8-Stunden-Job. Es gibt keinen Urlaub, keine Auszeiten und nicht mal Bettruhe im Krankheitsfall. Die meisten Arbeitgeber wollen einen nichtmal einstellen, denn wenn die Kinder krank werden, sind Mütter für deren Pflege auch noch freizustellen. Absolut nicht zumutbar für den AG. Wer hier also nur aus Langeweile liest um mal zu gucken, wie denn die Minderbemittelten so leben, der sollte sich zurückhalten mit solchen Äußerungen. Freu dich, wenn deine Situation besser ist aber das gibt dir nicht das Recht abfällig auf andere hinabzublicken.

      Gefällt 1 Person

  2. Francis Bee schreibt:

    Ich kann Dich leider auch nicht unterstützen, weil ich in 2 Wochen HARTZ-IV-Bezieherin sein werde … unabhängig davon, ob ich nun krank und nicht arbeitslos und nach 40 Jahren Vollzeit und vollz. Rentenpunkten (aber noch nicht das Alter erreicht habe) bin.
    Ich bastle auch gerade an einem Text, der vollständig sein soll und in Kürze meine neuesten Erlebnisse auf´m Amt wiederspiegeln soll … ein Thema, welches ungeahnt aktuelle Brisanz hat und beinahe täglich im TV (mitten in der Nacht ausgestrahlt) behandelt wird.
    Grässlich, wie mit Menschen umgesprungen wird und Alleinerziehende, wie auch Alte/Kranke-Behinderte allein gelassen werden.

    Gefällt 1 Person

    • Mama streikt schreibt:

      Liebe Francis Bee,

      vielen Dank für Deinen Kommentar. Das menschenunwürdige System von Hartz-IV muss dringend ersetzt werden. Es tut mir leid, dass Du davon betroffen bist und ich wünsche Dir für diese herausfordernde Zeit alles Gute.

      Herzliche Grüße, Claire

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s