Sorgerecht abgeben? Geht nicht!

Mein kleiner Sohn (4 Jahre alt)  hat seinen Vater seit Juni 2015 nicht mehr gesehen. Warum das so ist, weiß ich nicht. Es ist halt so und ich habe aufgegeben auf eine andere Situation zu hoffen. Da wir jedoch ein gemeinsames Sorgerecht haben, muss ich für Arztbesuche oder Operationen die Einverständnis vom Vater einholen. Das ist für mich wahnsinnig umständlich. Wenn es regelmäßigen Kontakt geben würde, wäre das auch noch kompliziert, aber eben einfacher und wir würden dann ja auch immer miteinander reden über unser gemeinsames Kind. Geteilte Verantwortung ist halbe Verantwortung? Leider kann ich davon nur träumen. 

Als der Kleine im März 2018 operiert wurde gab es einen Fragebogen, den der Vater und ich im Vorhinein ausfüllen sollten. Es ging dabei darum herauszufinden, welche Erkrankungen in unseren Familien vorhanden sind, die evtl. Einfluss auf den Verlauf der Operation haben könnten. Ich habe meinen Fragebogen ausgefüllt und dem Papa habe ich diesen per E-Mail zugesendet, weil wir ihn ja nicht sehen. Leider bekam ich den Fragebogen nicht zurück geschickt. Das sind die Situationen, in denen sich Ohnmacht und Wut breit macht bei mir. Ich frage mich dann, ob es wirklich meine Aufgabe ist, dem Vater die Verantwortung hinterher zu tragen? Jedenfalls, habe ich daraufhin mehrmals angerufen, weil der Arzt auf die Antworten gewartet hat für die OP-Vorbereitung. Es hat aber niemand abgenommen und Rückruf bekam ich auch keinen. Dann habe ich mein Glück über WhatsApp versucht und zumindest die Auskunft bekommen, dass es keine Blutungsneigung im väterlichen Teil der Familie gibt. Der Fragebogen blieb unbeantwortet, was mich unheimlich wütend gemacht hat. Ich meine, es geht doch um die Gesundheit von unserem Kind.

Als wir dann im September einen Termin im Sozialpädiatrischen Zentrum hatten forderte auch diese Einrichtung eine schriftliche Einverständniserklärung des Vaters vom Kleinen, aufgrund des gemeinsamen Sorgerechts. Ich musste mich also wieder darum kümmern, dass ich die schriftliche Einverständnis bekomme.

Da alles eher kompliziert gemacht wird, wenn beide das Sorgerecht haben, ohne dass man auch einen Anspruch darauf hat, dass sich der Vater wirklich kümmert um das gemeinsame Kind, habe ich den Papa vom Kleinen gebeten, dass Sorgerecht ganz abzugeben. Grundsätzlich würde ich mir natürlich einen aktiven Vater wünschen, der Verantwortung übernimmt, aber, da gibt es in unserem Fall keine Bereitschaft. Leider.

Am 14.11.18 um 8.30 Uhr war es dann so weit. Nachdem der Papa vom Kleinen tatsächlich einen Antrag bei Gericht gestellt hat um das Sorgerecht abzugeben, fand letzte Woche am Mittwoch diesbezüglich die Anhörung statt.

In der schriftlichen Ladung vom Gericht hat mich ein Satz fragend zurückgelassen:

Hinweis gemäß § 28 FamFG

Dem Antragsteller wird angeraten, den Antrag im Termin zurückzunehmen. Der Antragsgegnerin wird angeraten, einen gleichlautenden Antrag im Termin zu stellen.

In der Anhörung habe ich dann von der Richterin erfahren, dass man als Eltern sein Sorgerecht nicht abgeben kann. Wenn eine Kindeswohlgefährdung vorliegt, kann einem das Sorgerecht entzogen werden, aber abgeben kann man sein Sorgerecht als Eltern nicht. Fast hätte ich hysterisch gelacht bei Gericht. Man kann vor dem Gesetz seine Verantwortung für ein Kind im Form des Sorgerechts nicht abgeben! Das geht nicht. Aber was sehr wohl geht, ohne das es irgendjemanden interessiert ist, dass man sich nicht um sein Kind kümmert. Das geht!

Jedenfalls hatte die Richterin eine Lösung für das Problem. Ich habe dann den Antrag gestellt in der Anhörung, dass ich das alleinige Sorgerecht übertragen bekomme und der Kindsvater hat dem Ganzen im Gericht zugestimmt. Ende gut, alles gut? Nein!

Nachdem der Gerichtstermin vorbei war, bin ich nicht, wie in einem Hollywoodfilm, siegreich mit meinen Freundinnen Sekt trinken gegangen. Nein. Ich habe mich aber tatsächlich in ein Kaffee gesetzt und eine Tasse Cappuccino getrunken um zu mir zu kommen. Dabei habe ich Getwittert, denn auf diese Weise konnte ich mir Trost holen und die Tränen sind dann auch geflossen. Mir war in dem Moment egal, was die Gäste am Nebentisch von mir denken. Eine liebe Twitter-Freundin hat auch verstanden, warum ich so traurig war und mir nicht zum feiern zu Mute war. Das der Vater das Sorgerecht auf mich alleine übertragen hat, macht es organisatorisch leichter für mich. Ja. Und ich weiß auch, dass es Mütter / Väter gibt, die sich das wünschen würden. Aber. Auf der anderen Seite bedeutet es auch ein Stück Endgültigkeit. Der Vater wird für seinen Sohn nicht da sein. Nie. So wie es im Moment aussieht. Das macht mich traurig und wütend. Mein kleiner Sohn wünscht sich Kontakt zu seinem Vater. Nicht so sehr, weil er ihn kennt und Sehnsucht hat, sondern weil die meisten Kinder eben einen präsenten Vater haben und er nicht. Das treibt ihn um, dass merke ich an seinen Fragen:  

„Mama, wann kommt mein Papa zu mir?“

oder

„Mama, wann holt mein Papa mich ab?“

Am meisten macht mich dabei traurig, dass damit, dass sich der Vater nicht um den Kleinen kümmert, auch eine (nicht ausgesprochene) Selbstwertbotschaft verbunden ist, nämlich:

„Du bist mir nicht wichtig.“

Ich finde das ganz schlimm. Als Mutter kann ich dem Kleinen natürlich zeigen, dass er mir wichtig ist. Ich kann es aber nicht für den Vater tun. Für diesen bleibt unser Sohn unwichtig und das ist für mich unfassbar, unglaublich, unsagbar traurig. Ich will das meinem kleinen Sohn nicht zumuten und dennoch habe ich keine andere Wahl, als auch das hinzunehmen und das Beste daraus zu machen. Wenn mich dann der Kleine fragt, warum ihn sein Papa nicht holt, sage ich ihm, dass ich den Grund dafür nicht kenne. Das entspricht der Wahrheit und ich verstricke mich damit nicht in Vermutungen / Wertungen, mit denen ich die Angelegenheit verschlimmern würde für den Kleinen. Dennoch bleibt die unausgesprochene Selbstwertbotschaft bestehen von der Seite des Vaters: „Du bist mir nicht wichtig.“

Mein Kleiner spricht oft über den Tod. Warum weiß ich nicht und es gibt auch aktuell keinen Todesfall  in der Familie, der das erklären würde.  Auffallend dabei ist, dass Kleiner in dem Zusammenhang immer betont, dass er mich nicht verlieren möchte. Da gab es auch schon häufig Tränen aus heiterem Himmel. Ich frage mich, ob dieser kleine Mensch spürt, dass er eben nur mich hat und daher natürlich die Angst groß ist, dass ich nicht mehr da sein könnte? In seiner Phantasie gibt es seit kurzem nun eine „Beleb-Hexe.“ Er hat mir erklärt, dass sie dazu da ist, mich wieder lebendig zu machen, wenn ich  gestorben bin. 

Was bei mir im Bewusstsein bleibt ist, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der es völlig in Ordnung ist, wenn getrennte Elternteile sich nicht um ihre Kinder kümmern. Das Familiengericht sagt in solchen Fällen, dass man Mütter / Väter nicht zum Umgang mit ihrem Kind zwingen kann. Allerdings, finde ich, haben Eltern kein Recht das Leben von ihren Kindern so zu beschweren.

P.S.: Wenn Ihr meine Arbeit zur Anerkennung und zum sichtbar machen der privaten Care-Arbeit finanziell unterstützt freue ich mich sehr. Hier geht es zu PayPal: https://paypal.me/ClaireFunke. Vielen Dank dafür. Außerdem suche ich Aufträge als virtuelle Assistentin (Infos unter http://www.clairefunke.de). Das Schreiben von Texten zu verschiedenen Themen gehört auch noch zu meinem Repertoire (z. B. Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Care-Arbeit, Medizin, Arbeitsmarkt, Essen und Trinken). Extremalleinerziehend würde ich am liebsten im Homeoffice arbeiten, gerne auch festangestellt. Freiberuflich geht aber auch. Andere Arbeitsvariationen sind möglich. Schließlich bin ich flexibel. Meistens. Anfragen nehme ich gerne an unter: info@mamastreikt.de

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10 Gedanken zu “Sorgerecht abgeben? Geht nicht!

  1. Ann-Thea schreibt:

    Dein Post hat mich sehr traurig gemacht und ich hoffe, dass du und dein kleiner Sohn bald wieder etwas bessere Zeiten erleben werden. Ich habe auch eine kleine Tochter und bin berufstätig. Aber ich bin verheiratet und werde von meinem Mann unterstützt. Trotzdem ist unser Alltag echt stressig und anstrengend. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie du das alles schaffst. Aber ich finde es wirklich toll, wie du dich einsetzt und das neben deiner Arbeit und der Erziehung deines Kindes. Ich bin sehr beeindruckt. Ich wünsche euch beiden alles Gute.

    Gefällt 2 Personen

    • Mama streikt schreibt:

      Liebe Charlotte,

      ganz lieben Dank Dir. Es wird schon werden. Irgendwie. Leider kann ich in der Situation nicht anders denken. Und, was schlimm ist, ich bekomme noch viel traurigere Zuschriften. Es gibt Dinge, wenn es ums Sorgerecht geht, die übersteigen meine bisherigen Vorstellungen.

      Lieben Dank für den Drücker, dass tut mir immer gut. Ich wünsche Euch ein schönes Wochenende. Herzlichst, Claire

      Gefällt 1 Person

  2. zebrafink13 schreibt:

    Mein Vater gehörte auch zu dieser Art Vätern. Seit ich nun selber Kinder hab versteh ich noch weniger was in Vätern die sich so verhalten vorgeht. Sie verpassen so viel und nehmen den Kindern so vieles.
    Aber: dein kleiner Sohn hat dich und dAss ist schon mal toll. Er muss nur irgendwann wissen dass das Verhalten seines Vaters absolut nichts mit ihm persönlich zu tun hat und nicht seine Schuld ist.
    Alles liebe für euch

    Gefällt 2 Personen

  3. einweghinaus schreibt:

    „und wir würden dann ja auch immer miteinander reden über unser gemeinsames Kind. “ Hahaha. Nein. Ich habe regelmäßig Kontakt rsp das Kind. Reden tun wir trotzdem nicht, einfach ist es auch nicht, das alleinige SR kriege ich so natürlich auch nicht.
    Und zur endgültigkeit: ich weiss nicht ob dir das jemand gesagt hat: er kann seine Meinung jederzeit ändern und kriegt dann mir nichts dir nichts sein SR zurück. Einfach dass du den Gedanken schon Mal gehört hast.

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  4. Daniel schreibt:

    Wünsche Dir und dem Kleinen von Herzen alles Gute! Mit so einer starken Mutter wie Dir habe ich keine Zweifel, dass es Deinem Sohn gut geht.

    Wollte einen Gedanken loswerden: Ich denke es ist richtig, dass man das Sorgerecht nicht abgeben, sondern nur übertragen kann. So kann es nicht einfach verschwinden. Es gibt immer irgendjemanden, der Verantwortung trägt. Das finde ich gut für das Kind und die Personen, die mit dem Kind zu tun haben.

    Das ändert nichts daran, wie schwierig und traurig es ist, wenn jemand diese Verantwortung nicht wahrnimmt.

    Gefällt 1 Person

  5. have a nice day schreibt:

    Wenn sich jemand einfach nicht um sein Kind kümmern will, dann ist das halt so aber dann soll es dem- oder denjenigen, die seine Aufgabe übernehmen, nicht auch noch das Leben schwer machen können. Ich kenne das selbst aus der Perspektive als Kind und aus der Perspektive als Mutter. Ich würde als Kind von meinen Eltern gleich nach der Geburt bei den Großeltern geparkt und nach der Scheidung dort gelassen (Gott sei Dank) und meine beiden Mäuse haben auch nicht viel Papa gesehen. Ich persönlich bin froh um das alleinige Sorgerecht, da es mir dieses Bürokratiemonster des gemeinsamen aber einsam ausgeübten Sorgerechts erspart und ich erinnere mich mit Verdruss an die willkürlichen Verbote der eigentlichen Erziehungsberechtigten, an die meine Großeltern sich trotzdem halten mussten, obwohl die „Berechtigten“ sich einen Scheiß um ihre Sorgepflicht scherten. Was du auf jeden Fall tun solltest ist deinem Sohn vermitteln, dass es nicht seine Schuld ist, dass Papa keinen Bock und kein Verantwortungsbewusstsein hat, denn Kinder neigen immer dazu die Schuld dafür bei sich selbst zu suchen und das ist der letzte richtige Ort dafür.

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