Ohne Filter – Wie viel Depression verträgt ein Kinderleben?

In der letzten Woche habe ich einen Text gelesen in der Süddeutschen Zeitung Familie, der mich sehr berührt hat. Die Autorin hat einen Brief an ihre Tochter Magdalena verfasst und ihr darin beschrieben, wie sich ihr Leben mit Depressionen anfühlt. Die Bewusstheit, mit der Barbara Vorsamer, mit ihrer Krankheit umgeht, finde ich großartig. Die Depressionen beeinträchtigen ihr Leben sehr und ich finde sie geht als Mutter unheimlich verantwortungsbewusst mit der Situation um. Ich glaube nicht, dass es für Kinder problematisch sein muss, wenn sie Eltern haben, die auf irgendeine Art und Weise beeinträchtigt (körperlich, geistig, seelisch) sind. Im Gegenteil, Kinder lernen so, dass es viele verschiedene Arten von Leben gibt. Allerdings gehört dazu ganz viel Bewusstheit und auch ein Umfeld, dass verantwortungsvoll mit der Situation umgeht, damit Kinder nicht überfordert werden.

Depressionen. Die der anderen.

Ich bin mit Depressionen aufgewachsen. Es waren nicht meine eigenen, sondern die meiner Mutter und meiner Oma und es gab zu dieser Zeit keinen bewussten Umgang damit und mein Umfeld war eher fragil.

In meinen ersten 11 Lebensjahren habe ich meine Mutter als wenig präsent erlebt und das hatte sicherlich nicht nur, aber eben auch, mit Depressionen zu tun. Da sind bei mir keine Erinnerungen an Kuscheln, Geschichten vorlesen, Probleme besprechen. Nicht eine einzige. In meinem Kopf gibt es eine Szene, von der ich nicht weiß, ob sie genau so stattgefunden hat. Ich sehe den Flur meiner Kindheit, es ist ziemlich dunkel und ich fühle Verzweiflung. Mehr ist da nicht. Aus Erzählungen weiß ich, dass meine Mutter versucht hat, sich das Leben zu nehmen, als ich ca. 6 Jahre alt war. Ob ich sie damals gefunden habe und das Bild deshalb in meinem Kopf ist? Keiner weiß es. Mit dieser Situation hat sich niemand bewusst beschäftigt in unserer Familie. Leider. Denn in mir blieb das Gefühl, bis ins Erwachsenenleben, nicht wichtig zu sein. Natürlich ist es in dem Zusammenhang notwendig zu beachten, in welcher Zeit, vor über 30 Jahren, das passiert ist und wie damals mit Depressionen umgegangen wurde. Außerdem waren meine Mutter und Oma beide alleinerziehend und auch immer irgendwie alleine gelassen. Aber.

Sauber und satt reicht nicht

Ich habe nie Hunger gelitten als Kind und war materiell gut versorgt. Dennoch gibt es da eine Leere in mir, die dadurch entstanden ist, dass ich als Kind auf wenig Resonanz in meinem Umfeld gestoßen bin. Sicherlich auch ein Grund dafür, warum ich extrem angepasst war. Ich wollte unter allen Umständen vermeiden, irgendjemandem Probleme zu bereiten. Selten habe ich das nicht geschafft. Manchmal bin ich als Kind aus heiterem Himmel wütend geworden. Eben dann, wenn ich mich einfach nicht mehr anpassen konnte. Leider ist das, was bei den Erwachsenen in der Erinnerung hängen geblieben ist, nicht meine Anpassungsfähigkeit als Kind, sondern die seltene Wut. Das schmerzt.

Nie! Es gibt Situationen, da sollte das gelten.

Als ich ca. 10 Jahre alt war, fingen die Depressionen bei meiner Oma an. Sie hatte, wie meine Mutter, kein einfaches Leben. Ich verstehe daher, dass viele Dinge so waren, wie sie eben waren. Oft fehlend an Reflexion, Verständnis, Einfühlungsvermögen und vor allem einem verantwortungsvollen Umgang mit den Sorgen, der Erwachsenen. Mit meinem Verstand kann ich das alles nachvollziehen, aber das Gefühl, in Gestalt des inneren Kindes hinkt hinterher. In der depressiven Phase meiner Oma empfand ich ihre unglaubliche Hilflosigkeit erschreckend. Da wurde mir als junges Mädchen ein Menschenleben aufgebürdet mit den Worten: „Wenn Du da bist, geht es mir gut.“ Dieser Satz lastete wie ein Stein auf mir. Nahm mir die Luft zum Atmen. Ihre Androhungen, sich das Leben zu nehmen empfand ich als Überforderung. Heute noch merke ich, wie ich wütend werde, wenn ich darüber nachdenke. Beim Schreiben haue ich die Wörter in die Tasten. Es ist schlimm, wenn es einem Menschen so schlecht geht, dass er nicht mehr leben möchte. Aber Kindern gegenüber darf so etwas niemals geäußert werden. NIE! Das ist einer der seltenen Fälle, in denen NIE gilt.

Ohne Filter

Mein Opa väterlicherseits muss auch depressiv gewesen sein. Er hat sich das Leben genommen, als ich ca. 10 Jahre alt war. Für seine Situation kann ich am meisten Verständnis aufbringen, wahrscheinlich deshalb, weil ich unter seinen Depressionen nicht gelitten habe. Wir hatten nur wenig Kontakt. Auch hier ist wieder erschreckend, wie damit umgegangen wurde in der Familie. Meine Oma hat mir das einfach erzählt. Ohne Gefühl für die Tragweite. Es war so, als hätte sie mir gesagt, dass sie beim Bäcker war. Mir wurden schwierige Situationen von den Erwachsenen immer zugemutet als Kind, ohne das vorher darüber nachgedacht wurde, ob das wirklich altersgemäß und damit verantwortbar ist.

Ich empfinde meine Kindheit so, dass ich dem Leben immer ziemlich schutzlos ausgeliefert war. Da gab es keinen Filter. Das mangelnde Verständnis für mich und die häufig fehlende Empathie von meinen Bezugspersonen hat mir das Gefühl vermittelt nicht wichtig zu sein. Deshalb habe ich mich selbst lange nicht wichtig genommen und mich eigentlich auch selten Selbstwirksam erlebt.

Auswirkungen auf das Hier und Jetzt

Die schmerzhaften Kindheitserlebnisse, diese Verlorenheit, haben dazu geführt, dass ich meine Kinder immer vor allem beschützen wollte. Das hat natürlich nicht geklappt. Ich wollte meine Söhne auch gar nicht so sehr vor den Schicksalsschlägen schützen, denn als ich mit 32 Jahren den Großen bekam, war mir schon bewusst, dass ich das Leben nicht zu 100 % steuern kann. Aber ich wollte meine Söhne unbedingt schützen vor meiner Unzulänglichkeit, was sicher ein Überbleibsel aus meiner Kindheit ist. Ich musste tatsächlich schwierig und schmerzhaft lernen, dass ich als Mutter vor allem ein Mensch bin und dadurch eben auch meine Fehler habe. Wichtig ist, wie ich mit den Fehlern umgehe. Anders als meine Mutter und Oma habe ich hier eine Bewusstheit und ich hoffe, dass ich meine Kinder dadurch in vielen Situationen schützen konnte.

Die Frage nach dem Maß beantworten

Ja, ich habe die Defizite aus meiner Kindheit größtenteils aufgearbeitet während meiner Gestalttherapieausbildung und in der Einzeltherapie. Es war jedoch schwer mir meinen Platz im Leben zu erkämpfen und ich finde so eine Situation sehr ungünstig für Kinder. Wir brauchen dafür, was Kindern zugemutet werden kann, ein Maß in unserer Gesellschaft. Herbert Renz Polster (Kinderarzt) hat in einem Interview folgendes gesagt (zwar als Kommentar zum Film „Elternschule“, aber ich finde das, gilt immer, wenn es um Kinder geht):

„Kinder brauchen Eltern, die sie so selten wie möglich in Not bringen – daraus schöpfen sie das Gefühl von Sicherheit.“

Dafür benötigen Eltern neben der Sensibilität für belastende Situationen, vor allem Hilfs-Strukturen, mit denen Kinder gut aufgehoben sind, wenn Eltern in schwierigen Lebensphasen sind, z. B. durch Krankheit.

Kindererziehung braucht Bewusstheit, Zeit und wenn nötig Hilfsangebote

Meine persönlichen Kindheitserfahrungen sind sicherlich ein Grund, warum ich mich für die Anerkennung der privaten Fürsorgearbeit als Arbeit einsetzte und auch eine Absicherung dergleichen fordere mit der Petition zum Fürsorgegehalt. Kinder zu erziehen ist Arbeit, es braucht Zeit und die Möglichkeit leicht Hilfe zu kommen, wenn diese notwendig ist. Zum Schutz der Erwachsenen vor Überforderung und damit zum Schutz von verletzlichen Kinderseelen.

P.S.: In eigener Sache suche ich Aufträge als virtuelle Assistentin (Infos unter http://www.clairefunke.de). Das Schreiben von Texten zu verschiedenen Themen gehört auch noch zu meinem Repertoire (z. B. Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Care-Arbeit, Medizin, Arbeitsmarkt, Essen und Trinken). Extremalleinerziehend würde ich am liebsten im Homeoffice arbeiten, gerne auch festangestellt. Freiberuflich geht aber auch. Andere Arbeitsvariationen sind möglich. Schließlich bin ich flexibel. Meistens. Anfragen nehme ich gerne an unter: info@mamastreikt.de. Neben neuen Aufträgen freue ich mich auch, wenn Ihr meine Arbeit zur Anerkennung der privaten Care-Arbeit finanziell unterstützt. Hier geht es zu PayPal: https://paypal.me/ClaireFunke. Vielen Dank dafür.

Advertisements

4 Gedanken zu “Ohne Filter – Wie viel Depression verträgt ein Kinderleben?

  1. Francis Bee schreibt:

    Ich hege ja die Vermutung, dass viele „neue“ Krankheiten, schon immer da waren und nur mehr auffallen, weil man auch als Laie mit den Symptomen über den eigenen Tellerrand hinaus konfrontiert wird. Man redet halt drüber – und das ist gut so.
    Doch früher wurde nie über Krankheiten geredet … man hatte zu funktionieren und da passt Krankheit nicht ins Bild.
    Ich glaube auch, dass die Jahrhunderte Menschenverachtender Taten (Kriege, Vergewaltuígung, Vertreibung, Mord) in unseren Genen steckt … fest impliziert und unwiderruflich mehr oder weniger stark zum Vorschein tritt. Dafür braucht es nicht viel: Situationen, Umgebung, Kämpfe usw. … und je nachdem wie gerade die eigene Verfassungslage ist, bricht das eine oder andere aus und bleibt. Ich bin auch der Überzeugung, dass mit den derzeitigen Mitteln nicht viel mehr getan wird, als stumpf, schläfrig und müde zu machen. Wenn man müde ist, dann hat man auch keine Lust sich das Leben zu nehmen oder anderen auf der Nase herumzutanzen.
    Da muss noch viel getan werden, um in Zukunft dieser Krankheit entgegen zutreten. Medikamente mit den derzeitigen Nebenwirkungen sind meiner Meinung nach nicht die Lösung – im Gegenteil: sie lösen keine Probleme, sondern schaffen Neue.
    Reden ist immer ein guter Ansaztz … und ein Ventil kann Sport und Kunst sein. Und natürlich Schreiben. In diesem Sinne …
    vg Francis

    Gefällt 1 Person

  2. Miriam schreibt:

    Danke für Deinen Text. Ich kann das sehr gut nachvollziehen, weil es mir ähnlich ergangen ist und bis heute damit beschäftigt bin. Dass man als Mama vor allem Mensch ist, lerne ich gerade, und ja, es ist schmerzhaft.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s