Erziehung, Beziehung und die Frage: Mütter sind Menschen oder Menschen sind Mütter?

Viele Jahre meines „Mutter-Sein“ habe ich gehadert mit mir, weil ich während meiner Gestalttherapie-Ausbildung so viel über Beziehung gelernt habe und dies, gefühlt für mich, nicht immer gut umsetzen konnte, in der Beziehung zu meinen Kindern. Meine eigenen Ansprüche an mich, waren sehr hoch.  

Die Gestalttherapie orientiert sich an der Beziehungsphilosophie von Martin Buber (Philosoph, 1878-1965), der die heilsame Lebensdimension der Ich-Du-Begegnung beschrieben hat. Sie steht im Gegensatz zur sachlich gebrauchenden und beherrschenden Beziehungsform, Ich-Es. In einer Ich-Es-Beziehung werden Menschen als Objekte wahrgenommen, die zu funktionieren haben, auf eine ganz bestimmte Art und Weise. Eine Ich-Du-Beziehung dagegen findet auf Augenhöhe statt. Es geht hier unter anderem um Begegnung, Dialog, Perspektivenübernahme und Ganzheit.

Im beruflichen Kontext, vor allem bei meiner beratenden Tätigkeit mit gesundheitlich beeinträchtigten, langzeitarbeitslosen Menschen, konnte ich diese von Martin Buber beschriebene Ich-Du-Beziehung, ganz gut leben. Meistens. Zu Hause mit meinen Jungs war das jedoch schwieriger für mich. Das hat mich verstört. Ich habe lange nicht verstanden, was den Unterschied ausmacht. Warum ich also in schwierigen Lebenssituationen oft besser mit fremden Menschen und deren Emotionen umgehen konnte. Das ging natürlich viel mit Selbstvorwürfen einher. Heute, nach vielen Jahren Beziehungserfahrung mit meinen Söhnen ist mir bewusst, was den Unterschied ausmacht. In schwierigen emotionalen Situationen mit fremden Menschen bin ich selbst nicht involviert mit meinen Gefühlen und Bedürfnissen. Wenn es jedoch bei uns zu Hause Streit gibt, bin ich mit meinen Emotionen Teil der Situation und reagiere nicht immer richtig.

Ich möchte, dass es meinen zwei Jungs gut geht und dafür ist es notwendig, dass ich auf sie eingehe und sie möglichst gar nicht als Objekt sehe, dass z. B. immer leise zu sein hat, sich immer gut benehmen können muss, nie wütend sein darf – also immer so zu funktionieren hat, wie ich und damit die Erwachsenenwelt es gerade benötigt. Das ist ein wesentliches Merkmal einer Objekt-Beziehung, dass nur die Maßstäbe der anderen gelten und die eigenen Befindlichkeiten und Bedürfnisse nicht mit einfließen.

Nun bin ich seit Ende September 11 Jahre Mutter und davon 9 Jahre alleinerziehend. In den letzten Monaten konnte ich beobachten, dass ich mit emotional aufwühlenden Situationen, anders umgehen kann. Es gelingt mir jetzt häufiger, die Situation von außen zu betrachten. Quasi die Perspektive eines Außenstehenden einzunehmen, der gefühlsmäßig nicht so involviert ist. Das war ein langer Übungsprozess, der wahrscheinlich nie abgeschlossen sein wird. Für mich persönlich bedeutet „Kinder zu erziehen“, Beziehung zu gestalten. Die zwischen uns.  

Neben dem Wissen aus meiner Gestalttherapie-Ausbildung hat maßgeblich zur der verbesserten Situation beigetragen, dass ich seit 3,5 Jahren regelmäßig zu einem Psychologen in die Erziehungsberatungsstelle gehe. Für mich sind diese Gespräche wichtig, wenn ich ratlos bin, denn die „rundum-sorglos-Kindererziehungs-Ausstattung“ wurde bei mir vergessen. 

Ich kann also selbst viel dazu beitragen, damit ich für meine Jungs eine Mutter bin, für die, die Beziehung zu ihren Kindern im Vordergrund steht und nicht nur das Funktionieren der Kinder. Dennoch merke ich, trotz aller Bemühungen, dass sich Stress (z. B. durch Überlastung, Existenzängste usw.) einfach negativ auf mein Erziehungs- und damit Beziehungsverhalten, meinen Söhnen gegenüber auswirkt. Leider. Es ist also vieles machbar und dennoch bleibt die Erkenntnis:

 Mütter  sind  Menschen. Mit eigenen Bedürfnissen.

Oder wäre es besser zu sagen:

Menschen sind Mütter. Mit eigenen Bedürfnissen.

Einer der hilfreichsten Gedanken, den mir der Psychologe mitgegeben hat ist daher, dass ich das mit meinen Söhnen gut mache, auch wenn ich es nicht immer richtig mache.

Ich habe diesen Text geschrieben, aufgrund des Film „Elternschule“, der Empörung bei vielen Eltern in den sozialen Netzwerken hervorgerufen hat. Die Medien haben diesen Film, für mich unverständlich, durchweg positiv bewertet. Es gab aber auch wichtige Gegenstimmen, wie die, von dem Kinderarzt Herbert Renz-Polster. Von Ihm wurde ein Gastbeitrag im Tagesspiegel veröffentlicht am 18.10.18. Ein wichtiges Zitat aus dem Beitrag von Hr. Renz-Polster lautet: „Das Dilemma der Psychologie ist offensichtlich: Programme zur Stärkung von Bindung und Beziehung sind kaum erprobt und entwickelt worden. Die Lehrmeinung war immer die: Wenn ein Kind ein „schlechtes“ Verhalten hat, dann musst du sein Verhalten korrigieren. Oder den Eltern beibringen, wie sie das machen sollen. Kein Wunder, dass die psychologische Fachwelt bis heute Schlaftrainigsprogramme empfiehlt, wenn das Schlafen nicht klappt. Was sonst?“ 

Als Mensch und Mutter erschreckt mich dieser Film. Ich dachte, wir sind im Jahr 2018 weiter, was die Erziehung unserer Kinder angeht. Das, was ich in dem Trailer zu „Elternschule“ gesehen habe und das, was ich aus vielen Medienberichten erfahren habe, ist rein auf das funktionieren von Menschen ausgelegt. Kinder und Eltern werden zu Objekten, die mit dem richtigen Verhalten zum funktionieren gebracht werden sollen. Wie Maschinen. 

Ich frage mich ob ein Grund, für die angewendeten Methoden in der Gelsenkirchener Kinderklinik, der ist, weil die Fürsorgearbeit von Eltern und pflegenden Angehörigen bagatellisiert wird. Es handelt sich dabei ja NUR um Erziehen, Pflegen, Kochen, Putzen, Waschen. Das kann jeder. Mit der richtigen Organisation funktioniert das alles eins, zwei, drei, wie am Schnürchen? Nein. So einfach ist es nicht. 

Für mich geht es um Fragen, die wir stellen sollten:

Was brauchen Eltern / pflegende Angehörige um ihre Kinder / ihre zu pflegenden Angehörigen einfühlsam begleiten zu können?

 Was brauchen Kinder und Menschen, die auf Pflege angewiesen sind?

Anders ausgedrückt könnte ich auch sagen, es geht um Bedürfnisse: 

Welche Bedürfnisse haben Eltern, pflegende Angehörige, Kinder und zu pflegende Menschen?

So lange wir Fürsorgearbeit jedoch abwerten und als Privatsache unsichtbar machen, können wir diese Fragen nicht beantworten.

P.S.: In eigener Sache suche ich Aufträge als virtuelle Assistentin (Infos unter http://www.clairefunke.de). Das Schreiben von Texten zu verschiedenen Themen gehört auch noch zu meinem Repertoire (z. B. Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Care-Arbeit, Medizin, Arbeitsmarkt, Essen und Trinken). Extremalleinerziehend würde ich am liebsten im Homeoffice arbeiten, gerne auch festangestellt. Freiberuflich geht aber auch. Andere Arbeitsvariationen sind möglich. Schließlich bin ich flexibel. Meistens. Anfragen nehme ich gerne an unter: info@mamastreikt.de. Neben neuen Aufträgen freue ich mich auch, wenn Ihr meine Arbeit zur Anerkennung der privaten Care-Arbeit finanziell unterstützt. Hier geht es zu PayPal: https://paypal.me/ClaireFunke. Vielen Dank dafür.

 

 

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