Wenn die heimische Gurke zum Luxus wird – Aufruf zur Familien-Demo und zum Netzprotest am 12.05.18 #gegenKinderarmut

Ich fühle mich ein bisschen, als würde ich am Mittwoch, den 02.05.18 um 8.30 Uhr, aufs Schafott geführt werden. An diesem Tag habe ich den ersten Termin im Jobcenter, da mein Existenzgründerzuschuss Ende Mai ausläuft.

Mich belastet diese Situation sehr in den letzten Tagen und das geht auch an meinen Kindern nicht spurlos vorbei. Der Große (10) sagte zu mir unlängst: „Mama, dann schreib halt nicht in den Bewerbungen, dass Du Kinder hast. Vielleicht bekommst Du dann einfacher eine Arbeit.“ Wir hatten vorher davon gesprochen, dass viele Dinge nicht mehr möglich sein werden, wenn wir Hartz-4 beziehen.

Ich erwische mich nun oft dabei, dass ich mich frage, ob ich mir dieses oder jenes in 2 Monaten noch leisten kann. Der Discounter, in dem wir immer einkaufen gehen, hat zum Beispiel Gurken aus „Sonstwo“ und fränkische Gurken. Diese heimischen Gurken schmecken tatsächlich ganz anders bzw. sehr viel besser, als die Gurken aus „Sonstwo“. Schon jetzt denke ich manchmal, das es eigentlich besser wäre, die „Sonstwo-Gurken“, zu kaufen, weil sie viel billiger sind und wir auch heute schon extrem auf unsere Ausgaben achten müssen. Im Hartz-4-Bezug sind dann, wenn überhaupt, nur noch „Sonstwo-Gurken“ drin. Die Gurke, dem Kleinen sein Lieblingsgemüse, wird also unser neues Luxusgut.

Wenn man in solchen Situationen seinen Humor behalten kann, ist das prima. Dennoch laufen mir beim Schreiben die Tränen übers Gesicht, weil ich das Leben so, in Armut, nicht will. Vor allem nicht, für meine Kinder.

Vor zwei Wochen waren wir Eis essen. Nicht direkt in der Eisdiele (zu teuer), sondern Eis zum Mitnehmen. Der Große liebt Eis und hat 3 Kugeln bekommen und der Kleine und ich haben jeweils 2 Kugeln gegessen. Das Ganze hat 8,00 Euro gekostet, was es natürlich auch absolut wert war, weil es sehr gute Qualität ist. Jedoch habe ich mich auch hier gefragt: „Werde ich meinen Kindern in Zukunft noch Eis aus der Eisdiele kaufen können?“

 

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Kleiner beim Eis essen vor 2 Wochen.

 

Ich habe in den letzten 9 Jahren viele hundert Bewerbungen geschrieben in allen möglichen Bereichen und viele hundert Absagen bekommen. Vor allem der Große war immer wieder in den letzten Jahren von Armut bedroht, wegen der immer befristeten Arbeitsverträge und es wäre gelogen, wenn ich sage, dass ich das von ihm fernhalten konnte.

Um auch alle Möglichkeiten auszuschöpfen, habe ich über Blogbeiträge aufmerksam gemacht, dass ich Aufträge suche (oder eine Festanstellung). Nun habe ich meinen eigenen Bewerbungsprozess auch noch zur Chefsache erklärt. In den nächsten Tagen sende ich meine Bewerbungsunterlagen direkt an Hubertus Heil (Bundesarbeitsminister, SPD), nachdem ich ihn ja schon über meinen letzten Blogbeitrag aufgefordert habe, die Vorgehensweise zu stoppen, dass Kindergeld, Kindesunterhalt und Unterhaltsvorschuss auf Hartz-4 als Einkommen angerechnet wird, da dies Kinderarmut verschlimmert. Reaktion darauf , kam bis jetzt keine von ihm, obwohl er auf Twitter mehrmals von Lesern/innen auf den Beitrag hingewiesen wurde. Mal sehen, ob der Bundesarbeitsminister eine Lösung hat. Wie es im Jobcenter war und ob Hubertus Heil auf meine Bewerbung geantwortet hat, erfahrt Ihr natürlich hier im Blog.

Unsere ganze Situation mache ich öffentlich, weil ich zeigen möchte, dass man sehr schnell dahin kommen kann, Hartz-4 beziehen zu müssen. Mein Arbeitsvertrag ist am 02.10.17 ausgelaufen, ich bin also nicht langzeitarbeitslos in dem Sinne, dass ich schon jahrelang zu Hause sitze. Selbst wenn ich einige Zeit erwerbslos gewesen wäre, hätte ich genug Arbeit gehabt, alleinerziehend, mit 2 Kindern. Natürlich keine Erwerbsarbeit, aber eben Fürsorgearbeit, die sich nicht von alleine macht und auf die meine Kinder angewiesen sind. Dieser Blogpost erscheint daher bewusst am 01.05.2018, dem Tag der Arbeit, der auch gleichzeitig der Tag der unsichtbaren Arbeit ist. Fürsorgearbeit ist Privatsache und daher weitgehend unsichtbar. Auf diesen Umstand möchte ich hinweisen, damit Fürsorgearbeit / Care-Arbeit sichtbar wird.  #carearbeitmusssichtbarwerden

Am 12.05.18 findet in Berlin die Familiendemo #gegenKinderarmut statt unter dem Motto „Es reicht für uns alle“. Das Interesse der Medien ist groß und einige Politiker/innen haben ihr Kommen zugesagt. Unser Engagement #gegenKinderarmut jedoch lebt alleine davon, dass Ihr alle teilnehmt. Bitte kommt zur Demo mit anschließender Kundgebung.  Fürsorgearbeit (Kindererziehung, Pflege von Angehörigen) muss abgesichert werden, sie darf nicht in die Armut führen, dafür stehe ich, mit der Petition zum Fürsorgegehalt und mit meiner Teilnahme an der Demo. Obwohl ich eher schüchtern bin, was man anhand meiner Blogartikel vielleicht nicht glauben mag, werde ich nach der Demo, auf der anschließenden Kundgebung, etwas sagen zum Thema Fürsorgearbeit. Das ich mich das trauen werde, erstaunt mich immer noch. Herzklopfen bis zum Hals, inklusive. Natürlich werden noch andere tolle Aktivistinnen sprechen, wie z. B. Christine Finke (Mama arbeitet).

Alle, die nicht kommen können zur Familien-Demo in Berlin (oder die zusätzlich tätig werden wollen), bitte ich ganz sehr beim Protest im Netz mitzumachen am 12.05.18. Jeder kann etwas beitragen, z. B. in dem Ihr ein Selfie postet mit #gegenKinderarmut, wie das hier von mir. Bitte ergänzt dann Euer Bild auf Facebook oder Twitter unbedingt noch mit den Hashtags #gegenKinderarmut (und zusätzlich wenn Ihr wollt  #muttertagswunsch, #carearbeitmusssichtbarwerden, #gemeinsamlaut), somit ist es relativ einfach nachzuvollziehen wie viele Menschen „quasi im Netz“ an der Demo teilgenommen haben und es erhöht die Aufmerksamkeit für das Thema Kinderarmut.

 

 

Selfie für den 12.05.18 #gegenKinderarmut #muttertagswunsch #carearbeitmusssichtbarwerden

Selfie für den Protest im Netz zusätzlich zur Familien-Demo in Berlin am 12.05.18 #gegenKinderarmut

 

 

Alle auf die Straße und ins Netz – JETZT – #gegenKinderarmut

Infos zur Familien-Demo am 12.05.18 findet Ihr auf  der Facebookseite:

https://web.facebook.com/infoesreichtfuerunsalle/?ref=br_rs

Demobild ganz aktuell ohne #

 

P.S.: In eigener Sache suche ich Aufträge. Nach 10-jähriger Berufstätigkeit in der Erwachsenenbildung bin ich ein erfahrener Begleiter bei beruflichen Veränderungsprozessen (Menü, siehe unter: Beratungen). Des Weiteren übernehme ich gerne Projekte als Care-Aktivistin. Das Schreiben von Texten zu verschiedenen Themen gehört auch noch zu meinem Repertoire (z. B. Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Care-Arbeit, Medizin, Arbeitsmarkt). Extremalleinerziehend würde ich am liebsten im Homeoffice arbeiten, gerne auch festangestellt. Freiberuflich geht aber auch. Andere Arbeitsvariationen sind möglich. Schließlich bin ich flexibel. Meistens. Anfragen nehme ich gerne an unter: info@mamastreikt.de.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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7 Gedanken zu “Wenn die heimische Gurke zum Luxus wird – Aufruf zur Familien-Demo und zum Netzprotest am 12.05.18 #gegenKinderarmut

  1. Judith schreibt:

    Ich kann vieles was Du schreibst nachvollziehen, weil es mir ähnlich geht – ich habe zwar einen Job, aber der ist befristet und so denke ich immer mal wieder daran, was passiert, wenn es keinen Folgevertrag gibt und daran, ob es nicht besser wäre, etwas zu machen, was ich nicht so toll finde, wo es aber einen unbefristeten Vertrag gibt…
    Besonders wichtig finde ich aber Deinen Fokus auf die Sorgearbeit, die meistens und überwiegend von Frauen geleistet wird und die totgeschwiegen und abgewiegelt wird. Es wird so selten zur Kenntnis genommen, dass die Arbeit ja nicht aufhört, wenn ich die Bürotür schließe, sondern dass dann mein zweiter, unbezahlter, unplanbarer und sich nie an offizielle Zeiten haltender Job anfängt. Ich will mich darüber eigentlich nicht beklagen, denn ich mache es gerne, ich würde mir nur wünschen, dass es auch gesehen wird. Und, ja, vielleicht sogar wertgeschätzt. Naja, und dass ich mir nicht immer darüber Gedanken machen müsste, ob das Geld auch reicht…

    Gefällt 1 Person

    • Mama streikt schreibt:

      Liebe Judith,
      vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich denke, es ist wichtig, dass wir die Fürsorgearbeit selbst wertschätzen und das nach außen tragen. Unsere Kinder oder pflegebedürftige Angehörige sind zwingend auf unsere Fürsorge angewiesen. Natürlich kann man ein Kind fremd betreuen lassen. Aber das hat Grenzen. Kinder brauchen eben auch eine Familie und das rückt immer weiter aus dem gesellschaftlichen Fokus. Deshalb sind solche Kommentare von Dir so wichtig.
      Viele herzliche Grüße, Claire Funke

      Gefällt mir

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