Inklusive Beschulung – ein UN-Menschenrecht! (CESG Nr. 4)

Mein viertes Interview im Rahmen des Projekts „Care eine Stimme geben“ habe ich mit Marianne (36, hat zuletzt als wissenschaftliche Mitarbeiterin für eine Inklusionsstudie gearbeitet) geführt. Sie ist verheiratet, Mutter von 2 Kindern (3 und 8 Jahre alt) und bloggt über ihr „inklusives Leben mit Fragilem-X-Syndrom“ auf Fix und Fraxi. Aufgrund ihrer beruflichen Erfahrungen mit Inklusion, sowie der persönlichen Betroffenheit bei Schwierigkeiten mit der Inklusion von ihrem Sohn, hat Marianne die Facebookgruppe „Inklusion als Veränderung des Bildungssystems“ gegründet. Über ihren Blog (Fix und Fraxi, oben verlinkt) und die Facebookseite steht die 36-Jährige für einen Austausch zum Thema Inklusion zur Verfügung.

Fragiles-X-Syndrom

Hierbei handelt es sich um eine genetische Veränderung auf dem X-Chromosom. Diese kognitive Behinderung geht unter anderem mit Intelligenzminderung einher, die, je nach Ausprägung, eine leichte Lernbehinderung sein kann, bis hin zur geistigen Behinderung. Dazwischen ist alles möglich. Je nach Kind können noch andere Symptome dazu kommen wie z. B. Probleme bei der Sprachentwicklung, in der motorischen Entwicklung und in der Interaktion. Nicht selten kommt bei Fragilem-X, Autismus vor und Epilepsie.

Momo (8 Jahre alt), der große Sohn von Marianne, lebt mit dem Fragilen-X-Syndrom sehr gut. Er ist ein fröhlicher Junge, der Musik liebt, Skateboard fährt, gerne Sport macht und ein großes Interesse an Buchstaben und Wörtern hat. Der Familie machen die gesellschaftlichen Ausgrenzungstendenzen mehr Probleme, als die Einschränkungen durch die Behinderung.

Rückblick und Einblick

Inklusive Beschulung ist ein UN-Menschenrecht. Eltern von Kindern mit Behinderung haben dadurch grundsätzlich ein Wahlrecht zwischen der Förderschule und der Sprengelschule (= Regelschule für ein abgegrenztes Einzugsgebiet). Marianne und ihr Ehemann (Berufsschullehrer) haben von dieser Wahlmöglichkeit gebraucht gemacht und entschieden, dass ihr Sohn inklusiv beschult werden soll, d. h. er wurde in eine ganz normale Regelschule eingeschult.

Schule

Bild (privat): Momo bei der Einschulung.

Momo wurde daher vor 2 Jahren in der Grundschule angemeldet, mit dem Hinweis, dass er inklusiv beschult wird, aufgrund des Fragilen-X-Syndrom. Damit sich die Schule ein Bild machen kann von ihrem zukünftigen Schüler und seinen Bedürfnissen hat die Mutter auf den integrativen Kindergarten verwiesen, den ihr Sohn besucht hat. Unerklärlicherweise hat sich die Grundschule im Vorhinein aber überhaupt nicht damit beschäftigt, dass im neuen Schuljahr ein Schüler eingeschult wird, der ein besonderes Lernverhalten zeigt und auf ein individualisiertes Schulsystem angewiesen ist. Kurz gesagt, der Schulstart war schwierig für den Jungen. Zum einen, weil sich die Schule nicht vorbereitet hat und zum anderen, weil die damalige Klassenlehrerin einen großen Widerstand aufgebaut hatte, gegen das inklusive Beschulen von Momo. Dies ging so weit, dass der Schulbegleiter, der, den heute 8-jährigen, im Unterricht unterstützen sollte, vor die Türe geschickt wurde mit der Begründung, dass die Klassenlehrerin den Schulbegleiter nicht benötigt. Nun, die Klassenlehrerin vielleicht nicht. Aber Momo. Denn für ihn war er vorgesehen und die Klassenlehrerin hätte dies auch für ihren Vorteil nutzen können.

Der Widerstand von Seiten der Schule und der Lehrerin gegen das inklusive Beschulen wurde mit der Zeit immer größer. Es wurde den Eltern sogar nahegelegt, ihren Sohn auf eine Förderschule zu schicken. Mit dieser Empfehlung wollte sich Marianne nicht zufriedengeben. Sie hat sich daher an die Beratungsstelle für Inklusion, am Schulamt, gewendet und dafür gekämpft, dass Momo an der Grundschule bleiben kann. Unterstützt wurde dieses Vorgehen vom mobilen Sonderpädagogischen Dienst. Dieser befürwortete die Regelschule als Schulort, da man den Jungen während dem ganzen ersten Schuljahr betreut hatte (eine Sonderpädagogin kam 2 Stunden die Woche zu ihm in die Schule) und dadurch seine Fähigkeiten realistisch einschätzen konnte.

Marianne hatte 3 Nervenzusammenbrüche während dem ersten Schuljahr, wegen dieser schwierigen Schulsituation. Dennoch konnte sie mit ihrer Beharrlichkeit und durch ihr Fachwissen, möglich machen, dass ihr Sohn 5 Wochen vor Ende des ersten Schuljahres, in die Parallelklasse wechseln konnte. Mit der Zustimmung der Schulrätin. Ein großer Erfolg und auch ein wahnsinniger Kraftakt.

Das zweite Schuljahr verlief dann ohne Komplikationen, da die neue Klassenlehrerin das inklusive Beschulen von Momo als positive Herausforderung sehen konnte. Der 8-jährige bekommt seither einen Förderplan, der sich an den Zielen des Regellehrplans orientiert. Für das kommende, dritte Schuljahr, wünschen sich die Eltern wieder eine/n Klassenlehrer/in, die /der sich mit genauso viel Offenheit und Engagement um die Beschulung ihres Sohnes kümmert.

An dieser Stelle finde ich es nochmals wichtig zu betonen, dass bei der Entscheidung, wie ein beeinträchtigtes Kind beschult werden soll, allein der Elternwille zählt und die Grundschule sich danach richten muss. Grundsätzlich ist inklusive Beschulung ein UN-Menschenrecht (nachzulesen in der UN-Behindertenkonvention). Dass die Regelschulen dafür keine Ressourcen zur Verfügung gestellt bekommen ist ein Skandal. Des Weiteren würden ALLE Schüler in einer Regelschulklasse von einer kleineren Gruppe und mehr pädagogischem Personal profitieren.

Hier und Jetzt

Durch die Behinderung von Momo sind an Marianne und ihren Mann sehr hohe Anforderungen gestellt, was die Fürsorgearbeit betrifft. Lebenslang. Vor allem vor der dem Hintergrund, dass die Eltern wollen, dass ihr Sohn ein möglichst normales Leben führt, wird Momo intensiv im Alltag gefördert, neben den Therapien, die er bekommt (z. B. Logopädie, Montessoritherapie). Das Ehepaar hat sich für eine klassische Rollenverteilung entschieden. Marianne übernimmt überwiegend die Familienarbeit und ihr Mann ist erwerbstätig als Berufsschullehrer.

Die Förderung im Alltag von Momo sieht so aus, dass er mit seiner Mutter ca. 1,5 bis 2 Stunden Hausaufgaben macht. Darüber hinaus wird der 8-jährige intensiv angeleitet im Alltag bei den täglichen Dingen des Lebens, damit er später überwiegend selbständig leben kann. Marianne lässt den Jungen möglichst viel im Haushalt mithelfen, was sehr zeitaufwändig ist. Wenn sie Momo beispielsweise zeigt wie es geht, Reis zu kochen, schreibt sie ihm zuerst einen kleinen Ablaufplan. Diesen muss er dann lesen und möglichst richtig verstehen. Das Tun ihres Sohnes begleitet Marianne dann und greift ggf. in sein Handeln ein, wenn er z. B. die Menge von Wasser und Reis vertauscht. Dies dauert insgesamt ca. 5-10 Minuten. Der / die Leser/in kann nun also ermessen, wie viel mehr Zeit nötig ist, wenn ein lernbeeinträchtigtes Kind so bewusst im Alltag gefördert wird.

Da Momo vor 3 Jahren noch eine kleine Schwester, Lulu (3), bekommen hat, müssen die Eltern jetzt die Bedürfnisse von einem Kind mit Beeinträchtigung und einem Kind ohne Behinderung unter einen Hut bringen. Das sich die beiden Geschwister sehr gut verstehen, macht das ganze einfacher.

Selbstfürsorge

Wie hoch die Anforderungen an ihren Alltag mit einem stark lernbeeinträchtigten Kind sind, zeigt ein Satz, den Marianne während dem Interview gesagt hat: „Es war über Jahre so, dass ich an der Integration meines Kindes gebastelt habe.“ Die Eltern hätten es vielleicht einfacher haben können, wenn sie ihren Sohn in die für ihn vorgesehene Behinderteneinrichtung gegeben hätten zur Betreuung. Ganz bewusst haben sich die beiden jedoch dagegen entschieden, denn:

„Momo soll nicht in einer Parallelwelt aufwachsen, sondern mitten unter uns.“

In dieser, von vielen Herausforderungen bestimmten Lebenssituation, muss bewusst für Ausgleich gesorgt werden. Marianne kann für sich neue Kraft tanken, in dem sie ins Fitnessstudio geht. Außerdem fährt die Familie viel weg. Auch das ist eine Abwechslung zum Alltag und damit ein Teil der Selbstfürsorge.

Resümee

Ich muss sagen, dass mich das Schreiben des Texts erschöpft hat. Nicht weil es so schwierig war, sondern weil mir die vielen Anforderungen an die Fürsorgearbeit nochmal mehr bewusst geworden sind, die da vor allem an Marianne, aber natürlich auch an ihren Mann, gestellt sind. Die Fürsorgearbeit, die hier täglich verrichtet wird, sieht keiner. Schlimmer noch ist, dass Fürsorgearbeit grundsätzlich abgewertet wird, obwohl wir alle Fürsorge benötigen. Das die Eltern von Momo nicht seine Behinderung in den Vordergrund stellen, sondern, sein Potential sehen und ihn fördern, ist vorbildlich. Eine Gesellschaft, die den Blick grundsätzlich auf die Ressourcen eines Menschen lenkt und ihn nicht an seinen Defiziten misst, sollte 2018 längst Realität sein. Leider wird unser Alltag immer noch von vermeintlichen Normen bestimmt, in die, alle Menschen, mit und ohne Beeinträchtigung, gepresst werden. Dies jedoch wird niemandem gerecht. Vielfalt? Fehlanzeige.

Dass es so massiven Widerstand geben kann von Seiten einer Schule bei der Inklusion, war mit bis zum Gespräch mit Marianne nicht bekannt. Inklusion ist ein UN-Menschenrecht und da dies anscheinend noch nicht überall in der Gesellschaft angekommen ist, gibt es noch viel zu tun.

In eigener Sache

Für das Interviewprojekt „Care eine Stimme geben“ suche ich weiterhin Eltern und pflegende Angehörige, die mir von ihrem Alltag berichten und den damit verbundenen Schwierigkeiten. Des Weiteren suche ich auch Menschen, die vermehrt auf Fürsorge von anderen angewiesen sind, denn ich möchte gerne beide Seiten beleuchten. Über die Interviews schreibe ich einen Blogartikel, der auf Wunsch auch gerne anonymisiert veröffentlicht werden kann. Meldet Euch einfach per Mail unter info@mamastreikt.de. „Care eine Stimme geben“ braucht auch dringend finanzielle Unterstützung, dies läuft über Steady.

Beitragsbild: Pixabay

 

 

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3 Gedanken zu “Inklusive Beschulung – ein UN-Menschenrecht! (CESG Nr. 4)

  1. fixundfraxi schreibt:

    Hat dies auf Fix und Fraxi rebloggt und kommentierte:
    Arbeit die Frauen leisten wird schlechter entlohnt als die Arbeit die gewöhnlich von Männern geleistet wird – das ist nichts Neues. Weibliche Arbeit ist im gesellschaftlichen Verständnis weniger Wert. Kochen, wachen, putzen und die Erziehung der Kinder sind Tätigkeiten die zum Alltag gehören. Für die meisten sind sie nicht der Rede wert, trotzdem müssen sie erledigt werden sie kosten Zeit und Energie. „Das bisschen Haushalt macht sich eben nicht von allein.“ Politisch angestrebt ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Gleichzeig setzt man auf die Pflege von Angehörigen zu Hause. Wann, wie und vor allem von wem soll das alles kostengünstig geleistet werden? Claire Funke, will diese Arbeit sichtbar machen, private Care-Arbeit (Kindererziehung und Pflege von Angehörigen und Kindern) soll sichtbar werden. Damit will sie erzielen, dass Fürsorgearbeit aufgewertet wird. Denn „weibliche“ Arbeit darf weder heute, noch im Alter in die Armut führen.
    Gerne unterstütze ich dieses Projekt mit einem Interview.
    Denn ein Kind mit Beeinträchtigung oder Behinderung großzuziehen erfordert Hingabe zum Kind. Wenn ich mich nicht mit einem meiner Kinder beschäftige, so kreisen die Gedanken doch ständig darum ob alles für sie gerade richtige ist. Sie passen eben nicht in den gesellschaftlichen Maßanzung und so muss man immer wenn sie wachsen neu überlegen was wie passt.

    Gefällt 1 Person

    • Mama streikt schreibt:

      Liebe Marianne,
      herzlichen Dank fürs rebloggen und für Deine Worte. Ich sehe es ganz genauso. Wir Frauen müssen zusammenhalten und vor allem bei uns selbst anfangen und unsere geleistete Familienarbeit hoch halten. Stolz darauf sein. Ich habe keine beeinträchtigten Kinder und dennoch ist es auch bei mir so, dass bei uns alles in Bewegung ist. Die Kinder verändern sich, die Herausforderungen dabei verändern sich dann für mich auch. Muss und will immer wieder neu darauf eingehen. Das kostet Kraft. Bin im Moment dabei, den Kindern bei zu bringen, wie sie ohne zu Hauen (Großer) und zu Schreien (Kleiner) gut gegenseitig auf ihre Grenzen achten können. Ein Kraftakt, kennst Du vielleicht auch. Es ist so, Kinder erziehen sich nicht alleine und alte Menschen haben auch ein Recht darauf, dass sie betreut werden ohne das dies dann für einen Angehörigen bedeutet arm zu sein, wenn er diese Pflege übernimmt. Es gibt noch viel zu tun.

      Liebe Grüße und vielen Dank für Dein Vertrauen, Claire

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