Von 100 auf 0 in Lichtgeschwindigkeit: „Ich war ein Pflegefall“ – Geschichte einer Familienmeisterleistung (CESG Nr. 3)

Mein drittes Interview im Rahmen des Projekt „Care eine Stimme geben“ habe ich mit Claudia Hirrle (44, Sozialpädagogin, Coach mit eigener Praxis) geführt. Sie ist verheiratet und Mutter von 2 Kindern (9 und 14 Jahre alt), sowie Pflegemutter (Pflegetochter ist 4 Jahre alt). Als Unterstützerin meiner Petition zum Fürsorgegehalt, kenne ich Claudia schon einige Monate. Es hat mich daher sehr gefreut, dass ich sie durch das Interview näher kennen lernen durfte (Beitragsbild: privat).

Rückblick und Einblick

Im November 2016 hat sich das Leben von Claudia aufgrund einer virusbedingten Entzündung des Gleichgewichtsnervs von jetzt auf gleich um 180 Grad gewendet. Aus der erwerbstätigen Mutter mit eigener Online-Coaching-Praxis wurde ein Pflegefall, denn mit der Erkrankung ging ein starker Dauerdrehschwindel einher.

An dieser Stelle finde ich es sehr wichtig, dass sich alle Leser/innen einmal vorstellen, wie es ist, wenn einem schwindelig ist. Der Gang und die Bewegungen werden unkoordiniert und es wird einem übel, was auch zu Erbrechen führen kann. Kurz gesagt, man kann sich überhaupt nicht mehr wie gewohnt in all seinen Bewegungen koordinieren. Dieser „Dauerschwindelzustand“ war bei Claudia so schlimm, dass sie in den ersten 3 Monaten der Erkrankung ein Pflegefall war und Hilfe von ihrem Ehemann benötigte bei den täglichen Dingen des Lebens wie z. B. Waschen, Anziehen, Laufen (hierfür brauchte sie einen Rollator). Die 44-jährige konnte also weder sich selbst versorgen, noch ihrer Fürsorgearbeit in der Familie wie gewohnt nachkommen. Der Tag von Claudias Mann begann nun damit, dass er zuerst seine Frau versorgte und danach die drei Kinder, um nach getaner Fürsorgearbeit selbst auf die (Erwerbs)Arbeit zu gehen.

Aufgrund der Schwere der Erkrankung hatte die Familie eine Haushaltshilfe (4 Stunden pro Tag) genehmigt bekommen von der Krankenkasse, für insgesamt 6 Monate. Da die 3 Kinder nachmittags versorgt werden mussten und der Mann von Claudia ganztags arbeitete, kam die Haushaltshilfe erst, als die Kinder zu Hause waren. Am Vormittag war die 44-Jährige daher alleine zu Hause, nachdem die restliche Familie in der Früh das Haus verlassen hatte. Dies hat mich sehr berührt im Gespräch. Die Vorstellung, so gehandicapt ganz alleine zu sein empfinde ich als äußerst unangenehm. Claudia blieb jedoch nichts anderes übrig. Das Familieneinkommen musste nun alleine durch den Ehemann gesichert werden, daher war es finanziell absolut wichtig, dass er ganztags arbeiten ging. Obwohl das Ehepaar in guter Nachbarschaft lebt, war es in diesem Fall nicht möglich z. B. am Vormittag Hilfe zu bekommen, da alle Nachbarn erwerbstätig sind und damit keine Zeit haben, sich um andere zu kümmern.

Familiäre Komplikationen

Erschwerend kam zu der gesundheitlichen Situation von Claudia hinzu, dass der Gesundheitszustand ihres Schwiegervaters zeitgleich immer schlechter wurde. Dieser hatte vor 3 Jahren einen Schlaganfall erlitten und aufgrund der darauffolgenden arteriellen Demenz, die sich rasant verschlechterte, wurde es nun zusätzlich notwendig, dass sich Claudias Ehemann vermehrt um seinen 80-jährigen Vater kümmern musste. Das wesentlich erhöhte Maß an Familienarbeit lag nun auf den Schultern einer Person, dem Mann von Claudia, zusätzlich zu seiner Vollzeiterwerbsarbeit als Sozialpädagoge.

Hier und Jetzt

Claudia fängt in diesen Wochen wieder an, in ihrer Onlinecoachingpraxis zu arbeiten. Aufgrund des langen krankheitsbedingten Ausfalls von über einem Jahr, muss sie nun wieder von vorne anfangen mit dem Aufbau ihrer Praxis.

Gesundheitlich ist die 44-Jährige noch nicht wieder ganz hergestellt. Die körperlich anstrengenden Hausarbeiten übernimmt daher eine privat bezahlte Haushaltskraft, da es von der Krankenkasse hierfür keine Unterstützung mehr gibt. Des Weiteren kann Claudia wegen dem immer noch zeitweise vorhandenen Schwindel bzw. der Gleichgewichtsirritationen, noch nicht wieder Auto / Rad fahren. Alle Arbeiten, die nicht zu Fuß erledigt werden können (z. B. Einkaufen, Arzttermine mit den Kindern etc.) übernimmt daher weiterhin ihr Ehemann.

Neben dem Aufbau ihrer Onlinecoachingpraxis kümmert sich Claudia auch wieder um die drei Kinder und um den pflegebedürftigen Schwiegervater. Zurzeit ist sie hier mit der Frage beschäftigt, welche Unterbringung für den 80-Jährigen in Frage kommt. Zur Auswahl steht eine 24-Stunden-Pflege von einem Dienstleister der polnische Pflegekräfte vermittelt, sowie die Unterbringung in einem Pflegeheim. Hierzu muss viel recherchiert werden, wobei Claudia schon herausgefunden hat, dass die Kosten für eine Heimunterbringung wesentlich höher wären, als die Kosten für die 24-Stunden-Pflege von den polnischen Pflegekräften. Die nächste Schwierigkeit bei der Heimunterbringung ist die, dass nicht jede Einrichtung eine beschützende Station hat für demente Patienten, somit sinken die Auswahlmöglichkeiten bei den Pflegeheimen. Claudia schätzt (aufgrund meiner Nachfrage), dass sie in den letzten Wochen ca. 3 Stunden am Tag damit beschäftigt ist, sich um die Pflege ihres Schwiegervaters zu kümmern. Dies tut sie auch von Herzen gerne, weil es ihren Werten entspricht. Jedoch wird dieser Teil der familiären Sorgearbeit gesellschaftlich noch weniger, wahrgenommen, wie die Kindererziehung.

Die Erkrankung hat die Familie stärker und bewusster gemacht. Claudia konnte für sich einen Weg finden, Familie und Beruf noch besser zu vereinbaren. Die Kinder waren trotz der erschwerten Situation zu keiner Zeit alleine mit ihren Ängsten und Sorgen. Sie konnten gerade durch die Krise erfahren, dass auch hier Unterstützung möglich und wichtig ist.

Finanzielle Aspekte

Die ganze Pflege, die in den letzten Monaten notwendig war für sie selbst und den Schwiegervater wäre um einiges leichter zu bewältigen gewesen, wenn die Familie nicht auch noch finanzielle Sorgen gehabt hätte. Die Praxisräume von Claudia wurden daher zeitweise untervermietet, damit ihr Lohnausfall und die Krankheitskosten (z. B. Eigenanteil von 10 Euro pro Tag für die hauswirtschaftliche Fachkraft der Krankenkasse für 6 Monate) kompensiert werden konnten. Ein Fürsorgegehalt, dass Care-Arbeit als Arbeit, anerkennt, wäre eine große Hilfe in dieser Situation gewesen.

Danke sagen

Claudia möchte sich mit diesem Interview bedanken bei ihrer Familie, ihrem wunderbaren Ehemann und den drei tollen Kindern: „Es war immer sehr tröstlich zu spüren, dass wir gemeinsam alles schaffen können.“

Zu guter Letzt

Im Gespräch mit Claudia musste ich „Einspruch“ erheben, als sie sagte, dass sie erst wieder mit dem Arbeiten anfängt (gemeint war hier die Tätigkeit als Coach). Claudia war krank und arbeitet nun schon wieder in Vollzeit, weil sie den Part der Fürsorgearbeit in der Familie (Kindererziehung, Mitorganisation der Pflege des Schwiegervaters) wieder zu fast 100% übernommen hat. Sie arbeitet also, unabhängig von der Erwerbstätigkeit als Coach, bereits wieder. Sie leistet Familienarbeit!

Fürsorgearbeit ist Arbeit. Jedoch wird gesellschaftlich nur die Erwerbsarbeit als Arbeit gewertet, was ein großer Fehler ist. Wir brauchen daher einen neuen Arbeitsbegriff, denn Fürsorgearbeit ist neben der Erwerbsarbeit auch Arbeit, die menschlich und gesellschaftlich absolut UNVERZICHTBAR ist. Was geschieht, wenn keiner da ist, der sorgt, erfahren wir, wenn z. B. in der Presse ein Artikel von verwahrlosten Kindern oder vergessenen alten Menschen erscheint. Fürsorgearbeit ist Arbeit und sie kann aufgrund der Bedürfnisse der Menschen nicht zu 100 % den Anforderungen des Erwerbsarbeitsmarkts angepasst werden. Dieses Bewusstsein braucht unbedingt seinen Platz in der Gesellschaft.

In eigener Sache

Für das Interviewprojekt „Care eine Stimme geben“ suche ich weiterhin Eltern und pflegende Angehörige, die mir von ihrem Alltag berichten und den damit verbundenen Schwierigkeiten. Des Weiteren suche ich auch Menschen, die vermehrt auf Fürsorge von anderen angewiesen sind, denn ich möchte gerne beide Seiten beleuchten. Über die Interviews schreibe ich einen Blogartikel, der auf Wunsch auch gerne anonymisiert veröffentlicht werden kann. Meldet Euch einfach per Mail unter info@mamastreikt.de. „Care eine Stimme geben“ braucht auch dringend finanzielle Unterstützung, dies läuft über Steady.

 

 

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6 Gedanken zu “Von 100 auf 0 in Lichtgeschwindigkeit: „Ich war ein Pflegefall“ – Geschichte einer Familienmeisterleistung (CESG Nr. 3)

  1. Mayte schreibt:

    Ich bin in der Situation: alleinerziehend mit schwerbehinderter Tochter, alleine in der Stadt, mit einem Vater, der einen ständig vor Gericht zieht, Rechte einfordert aber keine Pflichten übernimmt. Von der Selbständigkeit ins AlG II. Jobcenter fordert trotz 50 Pflegestunden/ Woche zu Bewerbungen auf, Ämter machen mir das Leben auch nicht einfacher. Obwohl ich kaum Schlaf bekomme muss ich funktionieren und bekomme 316€ Pflegegeld und habr hetzt Angst, dass das Jobcenter das auch noch einzieht….

    Gefällt 1 Person

    • Mama streikt schreibt:

      Liebe Mayte,

      herzlichen Dank für Deinen Kommentar. Es tut mir sehr leid, dass Du so eingespannt bist. Alleinerziehend mit einem schwerbehinderten Kind ich nochmals schwerer. Ich dachte eigentlich, dass Pflegegeld nicht auf Hartz-4 als Einkommen angerechnet wird. Das ist mein letzter Stand. Hat sich da etwas geändert? Das Du kaum Schlaf bekommst, ist wirklich nicht gut. Ich hoffe sehr, dass es dafür und für alle Deine Sorgen eine Lösung geben wird.

      Alles Gute und liebe Grüße, Claire

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