Ihre Ausführungen, Frau Schulze. Meine Rückantwort.

In meinem Blogbeitrag vom 27.02.18 „Ihre Rede, Frau Schulze. Meine Antwort.“, habe ich auf eine Rede von Katharina Schulze (Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bayerischen Landtag) geantwortet, da ich am Vernetzungstreffen für Alleinerziehende am 20.03.18 nicht teilnehmen kann. München ist schlichtweg zu weit weg (knapp 300 Kilometer). Da ich mich erst selbständig gemacht habe und bis jetzt noch keine Einnahmen hatte, sind die Benzin- und Babysitterkosten, die dies nach sich ziehen würde, einfach zu hoch. Außerdem ist Frühling, meine Kinder brauchen beide neue Schuhe und Ostern steht auch vor der Tür. Keine gute Zeit für eine Alleinerziehende noch extra anderweitig Geld auszugeben. In diesem Zusammenhang möchte ich anmerken, dass es super wäre, wenn man zukünftig das Internet nutzten könnte und zu solchen Treffen sozusagen virtuell Zugang hätte.

Ich finde es sehr erfreulich, dass sich Katharina Schulze die Mühe gemacht hat, mir auf meinen Blogpost öffentlich zu antworten am 07.03.2018 in „Ihre Antwort. Meine Ausführungen.“ Aufgrund der Wichtigkeit des Themas habe ich nun von meiner Seite wieder einen Blogbeitrag zu den Ausführungen geschrieben.

Liebe Katharina Schulze,

herzlichen Dank für Ihre Antwort auf meinen Blogpost „Ihre Rede, Frau Schulze. Meine Antwort.“ Sie zeigt, dass Sie es mit dem Austausch mit uns Alleinerziehenden ernst meinen und das finde ich sehr gut und vor allem auch wichtig.

In Ihren Ausführungen zum Thema Betreuungsangebote schreiben Sie:

„Gerne führe ich meine Forderung, es muss in Bayern Betreuungsangebote bis mindestens 20 Uhr geben genauer aus (Von 22 Uhr habe ich übrigens bisher nicht gesprochen, 24h-Kitas mit Übernachtungsmöglichkeiten finde ich ebenfalls sehr sinnvoll). Flexibilität ist der Schlüssel, weil jede Familie andere Bedürfnisse hat.“

In Ihrer Rede haben Sie als Beispiel die Polizistin und die Krankenschwester herangezogen, daher kam ich auf Öffnungszeiten bis 22.00 Uhr, denn die Spätschicht in der Pflege dauert so lange. Dieser Berufsgruppe würde also eine Kita-Öffnung bis 20.00 Uhr schon einmal gar nicht helfen. Wir wären daher bei einer Betreuung bis mindestens 22.00 Uhr, wobei gesetzlich vorgeschriebene Pausen und Wegezeiten mit hinzugerechnet werden müssen. Das heißt, je nachdem wo die / der Alleinerziehende/r arbeitet wären wir bei Öffnungszeiten der Kita bis mindestens 22.30 Uhr bzw. 23.00 Uhr.

Ich möchte hier nochmals ganz dringlich darauf hinweisen, dass es nur bei Kindergartenkindern möglich ist, diese Vormittags zu Hause zu lassen und so Familienzeit zu ermöglichen (Sie sprechen genau dieses Beispiel an). Diese Vorgehensweise scheidet bei Schulindern aus! Des Weiteren gebe ich zu bedenken, dass im Kindergarten die sog. „pädagogische Kernzeit“ am Vormittag ist. Das heißt konkret, dass der Bildungsplan der Kita am Vormittag umgesetzt wird. In den Einrichtungen, die meine Söhne besucht haben, bzw. der Kleine noch besucht, kann man deshalb auch nicht nur den Nachmittag buchen, da die pädagogische Kernzeit eben vor dem Mittagessen stattfindet und somit alle Kinder am Vormittag anwesend sein sollen.

Ich finde es sehr gut das Sie selbst gemerkt haben, dass Sie mit Ihrer Forderung zur Erweiterung der Betreuungszeiten auf Widerstand stoßen. Auf der Facebook-Seite des Grünen Sofa (Zentrum für Alleinerziehende e.V. in Erlangen – die übrigens dringend neue Räume suchen im Zentrum von Erlangen!) fragen Sie nach den Gründen dafür:

Frau Schulze Kann mir das nochmal jemand erklären

Bitte, nehmen Sie diesen Widerstand ernst. Das Sie ihn wahrnehmen und ansprechen ist äußerst wichtig. Ein „trotz Widerstand weiter so“ wäre hier jedoch der Weg in die verkehrte Richtung.

Im Bezug auf den Arbeitsmarkt würde es Alleinerziehenden sicher mehr helfen, wenn sie ähnlich wie Menschen mit Behinderung, bevorzugt eingestellt werden würden. Dies wäre dann wenigstens die logische Konsequenz auf die Änderung im Unterhaltsrecht von 2008, in dem auf die Pflicht der eigenen Erwerbstätigkeit verwiesen wird für den betreuenden Elternteil. Hierzu habe ich 2016 einen Gastbeitrag verfasst, der auf Familiy unplugged veröffentlicht wurde mit dem Titel: „Alleinerziehende werden bei gleicher Eignung bevorzugt eingestellt“.

Christine Finke schreibt hierzu in ihrem Buch „Allein, alleiner, alleinerziehend“ auf Seite 64 folgendes:

„Ich wäre auch dafür, Alleinerziehende bei Bewerbungen bevorzugt einzustellen.“

Weiterhin merken Sie an in Ihren Ausführungen an mich:

„Was ich damit sagen möchte: Niemand muss sein Kind bis 20 Uhr in die Betreuungseinrichtung geben! Aber falls es nötig ist, muss es Angebote dafür geben. Dafür muss die Politik sorgen.“

Leider trifft das überhaupt nicht zu, dass „niemand muss“. Alleinerziehende, die im Hartz-4-Bezug sind, können durch längere Kita-Öffnungszeiten aufgrund der sog. Mitwirkungspflicht gegen ihren Willen gezwungen werden eine Schichtarbeit anzunehmen. Wenn einer alleinerziehenden Mutter oder einem alleinerziehenden Vater im Hartz-4-Bezug eine regelmäßige Familienzeit wichtig ist muss sie / er darauf auch ein Recht haben, dies für sich und die Kinder umzusetzen. Das hat nichts mit Faulheit zu tun, denn auch Alleinerziehende haben einen Erziehungsauftrag und deren Kinder ein Recht auf Familie.

Armut bei Alleinerziehenden, hierzu führen Sie aus:

„Das Armutsrisiko senken wir auch, indem wir die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern und bessere familienpolitische Leistungen für Alleinerziehende und ihre Kinder einführen. Stichworte sind hier die Kindergrundsicherung, ein Familienbudget statt Ehegattensplitting, Umgangsmehrbedarf in der Grundsicherung nach dem SGB II, steuerliche Entlastung von Alleinerziehenden durch einen höheren Freibetrag, höhere Unterhaltsvorschussleistungen, usw..“

Ich stimme Ihnen zu, dass eine Kindergrundsicherung und höhere Unterhaltsvorschussleistungen alleinerziehenden Müttern und Vätern finanziell helfen würden. Dies wäre jedoch bei Alleinerziehenden im Hartz-4-Bezug nur der Fall, wenn diese Leistungen nicht mehr auf den Hartz-4-Regelsatz angerechnet werden als Einkommen, wie dies bisher geschieht bei Unterhalt, Unterhaltsvorschuss und auch Kindergeld. Zum jetzigen Zeitpunkt hat ein Kind faktisch nichts davon, wenn z. B. der Vater Unterhalt bezahlt, weil dieser zu 100 % als Einkommen auf Hartz-4 angerechnet wird. Hier spart also das Jobcenter und zwar am Hartz-4-Regelsatz des Kindes.  Das darf nicht sein, daher  müssen diesbezüüglich dringend Änderungen im Detail vorgenommen werden. Armut hat negative Auswirkungen auf Kinder! Dazu gibt es mittlerweile genügend Studien (z. B. von der Bertelsmann-Stiftung).

Das Thema Flexibilität sprechen Sie mehrmals an in Ihrer Ausführung:

„Flexibilität ist der Schlüssel, weil jede Familie andere Bedürfnisse hat.“

„Wir müssen Flexibilität ermöglichen und Müttern und Vätern Stress abnehmen.“

Da Alleinerziehende aufgrund der Kinder schon 24 Stunden „Rufbereitschaft“ haben, ist für mich weitere Flexibilität auf gar keinen Fall der richtige Weg um Entlastung zu schaffen. Das macht gerade dieser Personengruppe noch mehr (Anpassungs)Druck. Jeder Chef kann dann möglicherweise öfters ungeplant sagen: „Der Kindergarten ist bis 20.00 Uhr oder 22.00 Uhr offen, ich brauche sie heute länger.“ Was macht die Mutter / der Vater dann, wenn das Kind z. B. genau an diesem Tag zum Fußball gebracht werden muss, der Fußballplatz, wie bei uns, ziemlich weit weg ist von zu Hause und der Weg dorthin durch ein Waldgebiet führt? Muss dann mein Sohn auf sein Fußballtraining verzichten, weil wir flexibel sein müssen? Kindererziehung ist Arbeit und dafür muss Zeit vorhanden sein. Mit immer größeren Anforderungen an die Flexibilität von Alleinerziehenden und Eltern kann Fürsorgearbeit nicht mehr zuverlässig und verbindlich sein. Da Zeitnot Stress verursacht, der sich gesundheitlich ungünstig auswirkt (bestätigt durch unzählige Studien), wären wir bei der Gesundheit angelangt.

Die Gesundheit, Frau Schulze, ist das höchste Gut. Dies muss auch und vor allem für Alleinerziehende gelten und ist in Ihrer Rede und Ihren Ausführungen an mich, nicht abgebildet. Ich selbst war im Jahr 2015 so weit, dass ich nicht einmal mehr den Wasserkessel unter den Waasserhahn halten konnte, solche Rückenschmerzen hatte ich. Mein Hausarzt hat mir hierfür nur Schmerzmittel verschrieben und meine Bitte um ein Rezept für Krankengymnastik abgelehnt. Ich habe damals natürlich versucht den Arzt zu wechseln, aber dies hat nicht geklappt, da alle, bei denen ich anrief, einen Aufnahmestopp hatten. Somit blieb mir nichts weiter übrig, als wieder mal selbst tätig zu werden. Ich ging regelmäßig schwimmen und wechselte dann nach einem Jahr ins Fintnessstudio, da ich hier nicht das aufwendige Umziehen und Duschen habe. Ich gehe also ins Fintnessstudio für knapp 20 Euro im Monat um danach ungeduscht und verschwitzt meinen Kleinen vom Kindergarten holen (Duschen ist zeitlich nicht drin). Das geht beim Schwimmen nicht, denn ich kann schlecht im Badeanzug mein Kind abholen. Heißt, ich habe mir etwas gesucht, mit dem ich Sport machen kann für meinen Rücken und Zeit sparen kann. Denn, Frau Schulze, Rückenschmerzen kann ich mir nicht leisten. Daher mache ich regelmäßig Sport, aber auch dafür brauche ich die Zeit. Ansonsten heißt es mehr Arztbesuche, mehr Krankheitskosten und auch wieder mehr Kosten für den Staat, weil ich z. B. meine Kinder wegen den starken Rückenschmerzen nicht mehr alleine versorgen kann. Prävention wird ganz groß geschrieben in unserem Gesundheitssystem, dagegen ist nichts einzuwenden, jedoch benötige ich dafür Zeit. Wenn ich Vollzeit arbeiten gehen muss, kann ich keinen Sport mehr machen, denn danach muss ich mich wirklich um meine Kinder kümmern. Wie lange es dann dauert bis ich wieder täglich Rückenschmerzen habe, kann ich nicht genau sagen, dass sie kommen, die Rückenschmerzen, dass kann ich Ihnen jedoch versichern.

Martin Luther King hatte, wie ich, einen Traum. Ich verstehe, dass mein Traum davon, Fürsorgearbeit als Arbeit anzuerkennen, noch zu weit weg ist von den politischen Parteien. Dennoch werde ich mich weiterhin dafür einsetzen, denn das bin ich meinen Kindern und meinen evtl. Enkelkindern schuldig, sowie auch allen Menschen, die meine Arbeit unterstützen, weil sie der gleichen Ansicht sind.

Beste Grüße

Claire Funke

#carearbeitistarbeit #carearbeitmusssichtbarwerden

P.S. In eigener Sache suche ich Aufträge. Ich schreibe Texte  über Familienthemen, Vereinbarkeit, Care-Arbeit, Arbeitsmarkt. Eine kurz vor Schluss abgerochene medizinische Ausbildung, ein soziales Jahr und die Tätigkeit in einer Rehaklinik machen es möglich, dass ich mich auch im medizinischen Bereich auskenne und auch hierüber schreiben kann. Aufgrund meiner 10-jährigen Erfahrung mit beruflichen Veränderungsprozessen in der Erwachsenenbildung, bin ich als Coach ein guter Begleiter.  Da mein Herz für Care schlägt, bin ich Care-Aktivistin mit Leib und Seele und natürlich auch für Projekte in diesem Bereich zu haben. Extremalleinerziehend würde ich gerne von zu Hause aus arbeiten, am liebsten auch festangestellt. Freiberuflich geht aber auch. Andere Arbeitsvariationen sind möglich. Schließlich bin ich flexibel. Meistens. Kontakt: info@mamastreikt.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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5 Gedanken zu “Ihre Ausführungen, Frau Schulze. Meine Rückantwort.

  1. maramarin21 schreibt:

    Für mich ist ein immer stärkeres Wegorganisieren der Kinder auch keine Lösung der aktuellen Probleme von Eltern und Kindern. Kinder und Eltern haben aus meiner Sicht ein Recht auf Zeit miteinander. Man zahlt irrsinnig viel Geld für Kitas, aber Mütter dürfen nicht entscheiden, dass sie sich für einen Teil dieses Geldes lieber selbst liebevoll die ersten Jahre um ihr Kind kümmern wollen. Ich fühle mich als Mutter massiv bevormundet. Wir haben keine Wahlfreiheit. Das einzige Ziel ist es, Mütter in Arbeit zu bringen. Was das für gesundheitliche Kosten auf Seiten der Kinder und der Eltern nach sich zieht, ist ja bekannt. Die Inanspruchnahme von Mutter-Kind-Kuren steigt unaufhörlich und komischerweise müssen immer mehr Kinder therapiert werden. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Man sollte sich mal systematisch mit extremen Schlafstörungen und dem Burnout bei Müttern befassen und den Gründen dafür. Aber das könnte unangenehm werden. Man würde nämlich feststellen, dass man als Mutter eines Babys, Kleinkindes nicht nachts nicht schlafen (weil man ja so lange wie möglich stillen soll) und dann tagsüber in extrem arbeitsverdichteten Jobs arbeiten kann.

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    • Mama streikt schreibt:

      Liebe Mara,
      ich kann alles was Du sagst nur mit ganz vielen dicken Ausrufezeichen bestätigen. Ich bin heute schon sehr müde (gestern bis 23.30 Uhr an dem Beitrag gearbeitet) und habe einfach keine Worte mehr. Ganz lieben Dank für Deine Unterstützung und dafür, dass auch Du das Thema immer wieder aufgreifst. Nur so, wenn wir uns wehren und vor allem die Mißstände benennen, wird sich die Lage ändern. Eines Tages.
      Ganz herzliche Grüße, Claire

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      • maramarin21 schreibt:

        Genau, das darf man bei mir immer sagen. Aber eigentlich musst Du das nicht einmal. Wenn die Kraft nicht da ist, antworte einfach gar nicht. Das wird sonst zu viel, je mehr Reichweit Dein Blog hat. Und diese Reichweite wünsche ich Deinem Blog. Das Verständnis ist immer da. Wir Mütter haben ja eine ungefähre Vorstellung davon, was die anderen so zu tun haben ;-).

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