Ihre Rede, Frau Schulze. Meine Antwort.

Dieser Blogpost ist die Antwort auf die engagierte Rede von Katharina Schulze (Fraktionsvorsitzende der Grünen) vom 30.01.2018 im Bayerischen Landtag. Sie fordert hier vehement, dass alleinerziehende Mütter und Väter mehr unterstützt werden müssen. Dies kann ich nur unterstreichen, jedoch möchte ich zum Inhalt der Rede einiges ergänzen. Da ich am 20.03.2018 nicht in den Bayerischen Landtag zum Vernetzungstreffen „Alleinerziehend. Gemeinsam stark.“ kommen kann, Blogge ich sozusagen meine Antwort zur Rede.

Ihre Forderung

Der Forderung nach flexiblen Betreuungszeiten bis z. B. 20.00 Uhr oder 22.00 Uhr, damit die Krankenschwester oder Polizistin ihrer Erwerbsarbeit in Vollzeit und auch noch im Spätdienst nachgehen kann, kann ich nicht zu 100% entsprechen. Viel mehr muss in das Bewusstsein von Politik und Gesellschaft, dass Fürsorgearbeit (Kindererziehung, Pflege von kranken Kindern, kranken Angehörigen) Arbeit ist, die Zeit braucht und die weder heute, noch im Alter in die Armut führen darf.

Unsere Familiensituation

Ich bin alleinerziehend mit 2 Jungs (3 und 10 Jahre alt) seit 2009. Obwohl die Väter meiner Söhne beide ein Sorgerecht haben, sieht der eine Vater seinen Sohn höchstens 4 Mal im Jahr, da er über 300 Kilometer weit weg gezogen ist von uns. Mein kleiner Sohn hat gar keinen Kontakt zum Papa trotz gemeinsamem Sorgerecht, ohne das ich hierfür jemals Gründe genannt bekommen habe. Aus der gängigen Rechtsprechung weiß ich, dass ein Sorgerecht, keine Sorgepflicht enthält und ich somit keine Chance habe, die Väter mit einzubeziehen in die Erziehungsarbeit. Aufgrund dieser Situation, in der ich extremalleinerziehend bin, könnte ich gar nicht Vollzeit arbeiten gehen ohne das dies negative Auswirkungen auf meine Kinder, sowie meine Gesundheit hätte.

Auswirkung Ihrer Forderung nach flexiblen Betreuungszeiten bis 22.00 Uhr auf unsere Familie

Anhand unserer Familie möchte ich die Auswirkungen beschreiben, die Ihre Forderung nach Kinderbetreuungszeiten bis 22.00 Uhr hätte. Mein Großer (10) geht um 7.20 Uhr aus dem Haus, da die Schule um 7.40 Uhr beginnt. Unterrichtsschluss ist für ihn in der Ganztagsklasse um 15.30 Uhr. Gegen 16.00 Uhr ist er dann bei mir zu Hause und wir besprechen den Schultag oder sonstige Dinge die anliegen (z. B. Elternbriefe, Schulproben, Leseübungen usw.). Dies ist also unser Alltag, der jetzt schon bedeutet, dass ein 10-jähriger 9 Stunden am Tag von zu Hause weg ist. Aufgrund unserer Familiensituation, musste ich mich schon vor Jahren damit abfinden, dass der Große viele Stunden am Tag fremd betreut wird, da ich immer erwerbstätig war bzw. zumindest bis 2.10.17, als wieder einmal ein befristeter Arbeitsvertrag auslief (Merke: Da nützt auch kein Rückkehrrecht von Teilzeit in Vollzeit). Wenn wir nun also theoretisch annehmen, mein Sohn würde nicht nach Hause kommen, sondern in den Kinderhort gehen, weil ich bis 22.00 Uhr arbeiten muss, könnte man sagen, er hätte einen 15 Stunden Tag. Anders ausgedrückt wäre mein Junge von 24 Stunden, die der Tag hat, über die Hälfte des Tages fremd untergebracht, nur damit ich meiner Erwerbsarbeit nachgehen kann. Hinzu kommt, dass er den ersten Teil seines Nachtschlafs im Hort machen würde (20.00 bis 22.00 Uhr), ich ihn dann wecken müsste, um ihn mit nach Hause nehmen zu können. Nach dieser Unterbrechung, könnte er dann zwar zu Hause weiterschlafen, aber finden Sie tatsächlich, dass dies kindgerecht ist und dem Kindewohl dienlich? Wirklich? Müssten wir als Gesellschaft nicht schon viel weiter sein und die Bedürfnisse der Menschen und vor allem die von Kindern ernst nehmen?

Unsere Antwort auf Ihre Forderung nach flexiblen Betreuungszeiten bis 22.00 Uhr

Nein, Frau Schulze, schon beim Aufschreiben dieses (Horror)Szenario merke ich, dass sich in mir Widerstand und Ärger breitmacht. Das ist nicht kindgerecht und entspricht damit auch nicht dem Kindeswohl sowie dem, was ich mir als Mutter vorstelle für uns als Familie. Als ehemalige Hotelfachfrau wäre ich von Ihrer Forderung auch maximal betroffen. Nun könnte man mich, spätestens im Hartz-4-Bezug (Stichwort Mitwirkungspflicht!) bis 22.00 Uhr arbeiten schicken, womöglich auch noch am Wochenende. Denn das bleibt ja nicht aus bei Ihrer Forderung nach flexiblen Betreuungszeiten. Wenn schon vor dem Nachtschlaf meiner Kinder nicht Halt gemacht wird, wird sicherlich auch keine Rücksicht mehr genommen werden auf die Wochenenden. Die haben die Kinder dann auch noch in einer Betreuungseinrichtung zu verbringen.

Gerade die Wochenenden sind die Stunden, an denen meine Kinder einmal frei von Terminen in den Tag leben können, eben auch für sich Freizeit haben ohne Verpflichtungen. Daraus entsteht dann zum Beispiel das, dass mir mein Sohn Briefe schreibt, die er mir vor die Wohnungstüre in einen Stiefel stellt, einfach so. Einer dieser Briefe enthielt den Wunsch: „Ich wünsch Dir ein gutes Leben.“ Ja, dass wünsche ich mir für meine Kinder auch, ein gutes Leben in einer Familie, in der regelmäßig und absehbar ein Familienleben stattfindet.

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Mein Großer möchte im Übrigen nicht bis 22.00 Uhr in den Hort gehen. Ich habe unlängst mit ihm eher zufällig darüber gesprochen, dass es Politiker gibt, die Kinderbetreuungszeiten bis 22.00 Uhr fordern. Mein Sohn hat Präpubertär die Augen weit aufgerissen und sehr bestimmt mitgeteilt, dass er das auf gar keinen Fall möchte. Bei allem, was Sie andenken, Frau Schulze, beziehen Sie bitte die realistische Machbarkeit im Alltag von Eltern und Kindern mit ein. Vor allem bei Einelternfamilien! Auf Ihrer Internetseite haben einige Menschen unter dem Video zu Ihrer Rede sehr konkret ähnliches geschrieben. Nehmen Sie uns ernst!

Bindung und Menschenwürde

Familie ist der Ort, an dem Bindung entsteht. Eine wichtige Lebensgrundlage, die keine Kita auf der Welt ersetzten kann. Eltern haben daher einen Erziehungsauftrag, der ganz viel Beziehungsarbeit bedeutet. Dies ist lebensnotwendig, denn ohne Bindung gibt es keine Autonomie.

Auch alte Menschen, die gepflegt werden, sind auf Beziehung angewiesen, sie wollen nicht nur satt und sauber sein, sondern brauchen auch ein verständnisvolles, einfühlsames Gegenüber in Form eines z. B. pflegenden Angehörigen. Den Beziehungsaspekt von Kindererziehung und Pflege hat die Politik völlig ausgeblendet. Das ist menschenunwürdig.

 Vollzeiterwerbstätigkeit schützt vor Armut NICHT

Vollzeiterwerbstätigkeit mag zwar ein Mittel sein gegen Altersarmut, jedoch ist es nicht immer wirksam. Je näher Erwerbsarbeit an er Hausarbeit ist, desto schlechter wird sie bezahlt und daher fällt die Rente trotz Vollzeiterwerbstätigkeit zu niedrig aus. Da die typischen (haushaltsnahen) Frauenberufe schlechter bezahlt sind als andere Berufe, ist auch hier heute schon Vollzeitarbeit keine Garantie dafür, dass das Geld reicht, vor allem bei Alleinerziehenden. In der aktuellen Brigitte Nr. 6/2018 kommt eine Nanny zu Wort, die Kinder in reichen und ärmeren Familien (dann beauftragt vom Jugendamt) betreut. Sie findet bei einer alleinerziehenden Krankenschwester z. B. folgende Mitteilung an der Kühlschranktüre das Abendessen der Kinder betreffend:

1.       Jedes Kind bekommt maximal eine Stulle.

2.       Zum Nachtisch gibt es Obst oder nichts.

3.       Zu trinken gibt es nur Wasser.

Es ist also ganz klar ersichtlich, dass es ein Märchen ist, dass Vollzeiterwerbstätigkeit vor Armut schützt. Je nach Beruf ist in der Familie dennoch zu wenig Geld da und durch die langen Arbeitszeiten ist dann nicht mal mehr ein Familienleben  möglich.

 Forderung: Familienarbeit muss als Arbeit anerkannt werden und entlohnt werden

In unserer erwerbszentrierten Gesellschaft zählt nur noch die Erwerbsarbeit. Die Familienarbeit wird als Privatsache unsichtbar gemacht. Dies darf nicht sein, denn Kindererziehung, sowie die Pflege von kranken Kindern und kranken Angehörigen ist Arbeit, die Zeit braucht und weder heute, noch im Alter in die Armut führen darf. Fürsorgearbeit / Care-Arbeit muss anerkannt werden als Arbeit und sie muss bezahlt werden, für eine echte Wahlfreiheit von Eltern. Daher habe ich im Mai 2017 die Petition zum Fürsorgegehalt mit allen Sozialleistungen ins Leben gerufen. Mittlerweile wurde diese über 16.000 Mal unterzeichnet. Liebe Frau Schulze, liebe Politiker, nehmen Sie uns ernst, der Menschenwürde zu liebe, die sogar im Grundgesetzt ihren Platz hat auf dem Papier, aber nicht mehr in unserer erwerbszentrierten Gesellschaft.

#carearbeitmusssichtbarwerden

 

 

 

 

 

 

 

 

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8 Gedanken zu “Ihre Rede, Frau Schulze. Meine Antwort.

  1. payoli schreibt:

    Ich fordere im Namen der Kinder, dass ALLE Politiker, bevor sie für Unsinne wie ‚Unterstützung für alleinerziehende Mütter und Väter‘ eintreten, dass sie auch nur einen Psychologie- Grundkurs besuchen!
    Es ist ein Skandal sondergleichen, dass immer noch nicht bekannt zu sein scheint, WAS man Kindern antut, die in Disharmonie aufwachsen müssen.
    Leute, der Problemberg den wir vor uns herschieben wird immer höher und höher! Und er beginnt mit solchen desaströsen Kindheiten. Da hoch droben Verbesserungen für AlleinerzieherInnen zu fordern ist doch eine traurige Lachnummer!
    paradise your life!

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  2. madameflamusse schreibt:

    Ich bin ganz bei Dir, leider verstehen viele Politiker das thema überhaupt nicht, und es wird immer wieder auf diesem außerhäusigen Arbeitsfetsich rumgeritten. so das nur jeder in Arbeit zu bringen sei, aber was das für die Menschen beduetet wird gar nicht angeschaut. Grade heute wo soviele arbeitsplätze wegfallen sollte man doch endlich auch mal genauer hinschauen, ganz abgesehen das ich es ein Unding finde das Eltern und Kinder heute so wenig Chancen auf ein Familienleben haben. Dann noch diese themen mit den „Erziehungsaufträgen“… es graust mir. Da hat sich so gar nichts getan seit ich Kind war. Erschreckend.

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  3. Känguruh schreibt:

    Hallo Mama Streikt,

    danke für deinen Beitrag, hier ein paar Gedanken dazu :
    du beschreibst die Befürchtung, dass ein besserer Ausbau der Kinderbetreuung, besonders deren zeitliche Erweiterung, einen erhöhten Anspruch/ Druck auf Mütter möglichst schnell und flexibel wieder zu arbeiten, spätestens bei H4-Bezug von seiten des Jobcenters, nach sich ziehen würde.
    Ja, das wäre vermutlich so, denn ein Blick in Länder (z.B. Frankreich) mit flächendeckenden, kostenlosen und zeitlich flexiblen Betreuungsmöglichkeiten, bestätigt das; in Ländern mit hoher Kinderbetreuung/ hoher Frauenerwerbstätigkeit ist bei getrennten Eltern oft auch das Wechselmodell vermehrt vertreten und der Unterhalt für die Kinder wird hälftig von den Eltern gezahlt; auch in der früherer DDR hatten die Frauen keine freie Wahl, es war das entgegengesetzte Modell zum rollenverteilten damaligen Westen;

    diesen Punkt des erhöhten Anspruchs /Drucks sehe ich aber genauso bei einem Fürsorgegehalt gegeben, zumindest sofern es die Kindererziehung ( also nicht die Pflege alter hilfsbedürfitiger Angehöriger) betrifft:
    würde ein sozialversicherungspflichtiges Gehalt für Care-Arbeit bezahlt, dann würde vermutlich über kurz oder lang die staatliche Einmischung in die Familien und auf deren Erziehungsvorstellungen steigen, familiäre Individualität sinken, Konformität zunehmen – ohne dass ich hier den Teufel an die Wand malen will, aber es würde wohl das Verhältnis zwischen Staat und Familie verändern; dieses Problem ist, denke ich, auch nicht zu lösen, es ergibt sich aus dem Spannungsverhältnis, dass Care- Arbeit sowohl eine gesellschaftswichtige und -erhaltende Funktion hat, aber Familie eben auch ein privater Raum ist, der nicht gelenkt werden sollte (mal abgesehen davon, dass in Familien natürlich auch die Gesetze gelten, bspw. keine Gewalt in der Erziehung);

    als weiteren Aspekt beschreibst du das Problem, dass das Gehalt mancher Berufe bzw. Vollzeittätigkeiten nicht den Lebensunterhalt deckt; diesen Punkt sehe ich nochmal unabhängig zur Thema Kinderbetreuung, das betrifft letztlich alle, die so arbeiten, egal in welcher momentanen Familienkonstellation sie sich befinden; meiner Meinung nach auch ein Skandal, gerade wenn augenblicklich die gute Konjunktur in Deutschland immer wieder hervorgehoben wird.

    LG und schönes Rest-Wochenende !

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