Plötzlich sprachlos (CESG Nr. 1)

Mein erstes Interview im Rahmen des Projekts „Care eine Stimme geben“ habe ich mit Astrid Schubert (40) geführt vom Blog Mrs. Eastie. Sie arbeitet selbständig als Werbetexterin und Mediengestalterin in Bild und Ton und lebt mit ihrem Lebensgefährten, sowie der 7-jährigen Tochter im Leipziger Land.

Das Paar hat sich die Familienarbeit so aufgeteilt, dass sich Astrid überwiegend um die gemeinsame Tochter kümmert neben ihrer Teilzeiterwerbstätigkeit und ihr Lebensgefährte in Vollzeit seiner Erwerbstätigkeit nachgeht. Mit dieser Arbeitsteilung sind die beiden im Osten eher eine Ausnahmeerscheinung. Denn hier ist die Prägung aus DDR-Zeiten noch wirksam dahingehend, dass Frauen meistens Vollzeit arbeiten gehen, auch wenn sie Kinder haben. Das Astrid nun also „nur“ Teilzeit erwerbstätig ist und viel Zeit mit ihrer Tochter verbringt, zieht daher auch den ein oder anderen kritischen Kommentar der Umwelt nach sich.

Als die heute 7-jährige Tochter von Astrid mit 3 Jahren in den Kindergarten kam, entwickelte sie selektiven Mutismus (fehlendes Sprechen in bestimmten Situationen (z. B. Kindergarten, Schule), wobei Sprachvermögen und Sprachorgane intakt sind), d. h. das Mädchen sprach im Kindergarten, bis auf ganz wenige Ausnahmen, mit niemandem. Anders herum ausgedrückt kann man sagen, dass sie nur noch zu Hause gesprochen hat. Gerade weil es im Osten eher üblich ist, als noch im Westen, dass Kinder unter 3 Jahren betreut werden, hatten die Eltern nun zusätzlich mit vielen Vorurteilen zu kämpfen. Sie wurden Widerwillen als „Helikopter-Eltern“ abgestempelt und waren damit für manchen Außenstehenden selbst schuld daran, dass das Mädchen bei fremden Menschen nicht mehr gesprochen hat. Astrid hat sich davon jedoch nicht beirren lassen, sie suchte nach Lösungen für diese belastende Situation und fand nach einigen Monaten eine Logopädin, die dem „Nicht-Sprechen bei Fremden“ auch einen Namen geben konnte (selektiver Mutismus) und damit Therapien (z. B. Logopädie), sowie weitere Maßnahmen in die Wege geleitet werden konnten.

Damit ihre Tochter wieder in allen Alltagssituationen frei spricht, ist auch über 3 Jahre nach dem ersten Auftreten des selektiven Mutismus im Kindergarten, viel Engagement von Astrid nötig. Es gibt daher eine enge Zusammenarbeit zwischen Elternhaus, Ergotherapeut, Hort und Schule, da die 7-jährige mittlerweile die zweite Klasse besucht. Des Weiteren wird sie zu Hause gefördert, in dem sich die Eltern kleine Herausforderungen ausdenken, damit das Mädchen seine Sprachlosigkeit in belastenden Situation eines Tages überwinden kann. Konkret sieht das so aus, dass die Mutter ihrer Tochter z. B. einen Zettel für den Bäcker schreibt, mit ihr hinläuft, jedoch vor dem Laden stehen bleibt. Das Kind geht anschließend alleine in den Laden, legt den Zettel hin, holt die Brötchen, bezahlt und läuft wieder zur Mutter zurück. In den gemeinsamen Alltag werden also regelmäßig verschiedene Aufgaben eingebaut (z. B. Eis bestellen, telefonieren usw.), die für das Überwinden der Ängste des Mädchens unheimlich wichtig sind. Diese Förderung, die Astrid ihrer Tochter zukommen lässt, kann keine Kita, keine Schule und auch kein Hort alleine leisten. Deshalb ist es natürlich gut dass sie nur halbtags erwerbstätig ist und die andere Hälfte des Tages Zeit hat sich um die speziellen Bedürfnisse ihrer Tochter zu kümmern.

Aufgrund ihrer Erfahrung mit dem selektiven Mutismus hat Astrid eine Selbsthilfegruppe gegründet, die „Mutismus Selbsthilfe Sachsen“, hier ist der Link zu der Facebookgruppe: https://www.facebook.com/groups/1784691838459745/

Im Jahr 2014 wurde die Familie vor eine besondere Herausforderung gestellt. Astrid hatte aufgrund ihres Morbus Chron (chronisch entzündliche Darmerkrankung) einen Darmverschluss und fiel 6 Wochen zu Hause aus (3 Wochen Krankenhausaufenthalt, 3 Wochen Reha). Da sie an ihrem Wohnort kein familiäres Netz hatten (Omas wohnen beide zu weit weg) musste der Partner von Astrid alles übernehmen, was sie vorher an Familienarbeit gestemmt hatte, zusätzlich zur Erwerbsarbeit in Vollzeit. Da die Tochter bis zu diesem Zeitpunkt nur halbtags in die Kita ging, musste das Kind nun ganztags die Einrichtung besuchen. Der Arbeitgeber war erfreulicherweise so verständnisvoll und hat den Vater erst einmal nur eine Schicht arbeiten lassen, damit die Arbeitszeiten mit den Kinderbetreuungszeiten kompatibel waren. Jedoch musste die Tochter auch weiterhin zu einer auf selektiven Mutismus spezialisierten Logopädin, die einfache Fahrtzeit eine Stunde vom Wohnort entfernt war. Dazu kam, dass das ganze natürlich auch finanzielle Einbußen nach sich zog (Sichtzulagen vielen weg, Eigenanteile für Klinikaufenthalte waren zu entrichten, erhöhte Kinderbetreuungskosten usw.). Die Familie hat diese schwierige Zeit gemeistert, wobei auch ersichtlich wird, dass Hilfe von außen notwendig war. In diesem Fall war dies der Arbeitgeber, der die Arbeitszeit des Vaters an die Kinderbetreuungszeiten angepasst hat.

Astrid`s Wunsch für die Zukunft bezogen auf die Care-Arbeit wäre, dass sich Frauen ohne Nachteile frei entscheiden können, wie viel Zeit sie der Erwerbsarbeit widmen und wieviel Zeit sie der Familienarbeit widmen.

Für das Interviewprojekt „Care eine Stimme geben“ suche ich weiterhin Eltern und pflegende Angehörige, die mir von ihrem Alltag berichten und den damit verbundenen Schwierigkeiten. Ich schreibe darüber einen Blogartikel, der auf Wunsch auch gerne anonymisiert veröffentlicht werden kann. Meldet Euch einfach per Mail unter info@mamastreikt.de. Ich freue mich auch über alle, die „Care eine Stimme geben“ finanziell unterstützen auf Steady.

 

 

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5 Gedanken zu “Plötzlich sprachlos (CESG Nr. 1)

  1. Katharina Lindner schreibt:

    Danke für die Schilderung des ‚Alltags‘ und der Leistung der Familie. Familien brauchen Zeit, insbesondere für Förderung, aber auch einfach, um zu merken, dass Termine schnell zu Stress führen. Einzig einen Wunsch habe ich, wie ich nicht nur Frauen wünschen sich Zeit für Familie, auch Papas wollen das (teilweise) auch wenn diese oft erstmal erschrecken, wie viel im täglichen Leben doch bei den Kids einfach beobachtet werden muss… Und das eben kein lustiges Kaffee trinken ist. Sondern mein Kaffee trinken bedeutet, die Interaktion zu beobachten und zu schauen, ob die sozialen Fähigkeiten der Geschwister auch im guten Sinne trainiert werden 🙂

    Gefällt 2 Personen

    • Mama streikt schreibt:

      Liebe Katharina,

      herzlichen Dank für Deinen Kommentar. Ich veröffentliche sehr gerne auch die Geschichte von einem Papa, mein Aufruf zum Interviewprojekt „Care eine Stimme geben“ richtet sich an beide Geschlechter. Im Fall von Astrid ist es so, dass sich die Familie eben so entschieden hat, dass die Frau mehr Familienarbeit übernimmt, ohne das damit ausgedrückt sein sollte, dass es dem Lebensgefährten nicht wichtig ist (das Gegenteil ist der Fall). Ich sehe es wie Du, Erziehung ist ganz viel Beziehungsarbeit, dass wird leider aber immer wieder vergessen bzw. ist das ja der größte Anteil an der Fürsorgearbeit, der komplett unsichtbar ist. Wenn man 5 Maschinen Wäsche gewaschen hat ist das für jeden eine einschätzbare Größe. Den 10 Wutanfall von einem Kind in der Trotzphase geduldig geregelt zu haben, dass sieht keiner, es muss jedoch unbedingt sichtbar werden.

      Herzliche Grüße und alles Gute, Claire

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  2. charlotteweiss schreibt:

    Ein wunderbarer Beitrag, der klar aufzeigt, dass es eben die Begleitung der Mutter (oder des Vaters) als engste Bezugsperson braucht, damit Kinder besondere Herausforderungen lernen zu meistern. – Ich kann zudem Astrid so sehr nachempfinden, da wir mit Maxim auch die Erfahrung eines selektiven Mutismus gemacht haben. Er sprach nicht, als er zu uns kam. Über Monate. Erst nach fast einem Jahr fand er seine Sprache wieder. – Es ist eben nicht nur die faktische Arbeit, die Eltern Zuhause erledigen, egal ob Wäschezusammenleben oder Trotzanfälle ertragen – sondern sie hat eben auch eine andere Qualität. Und zwar genau die, die Kinder brauchen, um zu wunderbaren Menschen heranzuwachsen. Und das ist es, was keiner wahrnimmt….Danke Dir um so mehr für diese so wichtige Aktion!

    Gefällt 2 Personen

    • Mama streikt schreibt:

      Liebe Charlotte,

      herzlichen Dank, für Deinen Kommentar. Ich lese Deinen Blog deshalb so gerne, weil Du diesen Blick fürs Zwischenmenschliche bzw. die Beziehungsebene hast. Dies ist ja für unsere Kinder sehr wichtig, dass sie ein emotional anwesendes Gegenüber haben, dass sie begleitet, aushält, stützt, fördert usw.. Fürsorgearbeit ist eben Arbeit auf vielen Ebenen und dies muss sichtbar werden. Lieben Dank, dass Du meine Arbeit unterstützt.
      Herzliche Grüße, Claire

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