Ob Frauen als Perpetuum Mobile gedacht waren?

Zum Einstieg in meinen neuen Blogartikel habe ich Euch die Begriffserklärung herausgesucht zum Perpetuum Mobile: Sich ohne zugeführte Energie bewegende Konstruktion.

Ich finde ja, diese Definition passt irgendwie auch zu Frauen, vor allem zu Müttern. Wir sind zwar keine Konstruktion, im Sinne einer Maschine, aber mein Leben als alleinerziehende Mutter ist oft zerrissen, zwischen den Anforderungen von Beruf, Familie und den eigenen Bedürfnissen. Es gibt Durststrecken, da fühle ich mich so, als sollte ich unentwegt reibungslos funktionieren, wie eine Maschine. Das sind dann schlimme Zeiten, in denen die „Konstruktion Mutter“, ebenso wie ein Perpetuum Mobile, bitte möglichst ohne zugeführte Energie funktionieren soll (z. B. Energie in Form von Hilfe, Arbeit, Zeit, Geld, Anerkennung, Sicherheit).

Grundsätzlich bin ich mit Verallgemeinerungen sehr vorsichtig, denn meistens stimmen sie nicht. Meine Kinder hören daher oft folgenden Satz von mir: „Immer und nie gibt es nicht.“ Wenn sich mein Großer (10) beschwert und sagt: „Nie spielt einer mit mir in der Schule.“ Ist es meine Aufgabe seinen Blick zu weiten und ihm bewusst zu machen, dass das nicht stimmt. Es mag vielleicht sein, dass seine Freunde dieses Mal nicht mit ihm spielen wollten (was ihn verständlicherweise traurig macht) oder etwas anderes spielen wollten, an dem einen betreffenden Tag, aber eben nicht jeden Tag.

Was uns Frauen anbelangt, muss ich von meinem Glaubenssatz möglicherweise abweichen. Ich habe sehr stark den Eindruck, Frauen machen IMMER alles falsch, egal wie sie es machen. Ich mache das ganze mal fest an dem Thema Kinder.

Frauen ohne Kinder:

Es gibt ja Frauen, die sich dafür entschieden haben, keine Kinder zu bekommen. Ich finde das völlig in Ordnung, denn ein Kind zu erziehen ist viel Verantwortung und die Entscheidung gegen Nachwuchs, ist damit auch eine sehr verantwortungsvolle. Die Gesellschaft sieht das jedoch ganz anders. Eine Frau muss doch Kinder kriegen, dass gehört quasi zu ihrer Konstruktion, äh, Natur. Wenn sich die Frau dann traut, „gegen“ ihre Konstruktion (angebliche Natur) zu sein, ist sie „schuld“, wenn die Wirtschaft zu wenig Fachkräfte hat und die Rentenversicherung zu wenig Beitragszahler und die Allgemeinheit in ihrem (Frauen)Weltbild erschüttert wird.

Frauen mit Kindern:

Frauen dagegen, die sich für Kinder entscheiden, liefern, wie gesellschaftlich erwartet, der Wirtschaft die dringend benötigten Fachkräfte (aber auch da machen sie es falsch, weil wir liefern mittlerweile IMMER zu wenig davon), stellen das Weltbild der Allgemeinheit nicht in Frage und „produzieren“ Beitragszahler für die Rentenversicherung. An dieser Stelle wäre alles gut, wenn Kindererziehung nicht blöderweise Zeit in Anspruch nehmen würde und phasenweise sehr arbeitsintensiv wäre. Nichtsdestotrotz fordert die Politik, dass Mütter Vollzeit arbeiten gehen sollen, um sich nicht abhängig zu machen vom Ehepartner / Lebenspartner. Das ein Arbeitsverhältnis jedoch auch ein „Abhängigkeitsverhältnis“ darstellt, wird dabei gerne übersehen. Wenn Mütter es nicht schaffen, Vollzeitberufstätigkeit und Kindererziehung unter einen Hut zu bekommen, sind wie IMMER selbst schuld, hätten ja keine Kinder kriegen müssen. Eben!

Ich fand die Reaktion von meinem Großen sehr interessant, als ich ihm neulich erzählte, dass die Politik fordert, dass Kitas und Horte zum Beispiel bis 20.00 Uhr oder 22.00 Uhr geöffnet haben sollen, damit sichergestellt ist, dass Mütter möglichst Vollzeit arbeiten gehen können. Er hat, seinem Alter (10) entsprechend, die Augen sehr weit aufgerissen und sich gleich lautstark beschwert, in dem Sinne, dass er das total bescheuert findet und dagegen ist. Genau! Die Kinder fragt auch keiner ob sie das wollen, über 10 Stunden in einer Kita zu verbringen. Ehrlicherweise war ich bis zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht darauf gekommen ihn zu fragen, denn ich war immer der Meinung, es ist halt so, wir müssen uns anpassen und das Beste daraus machen, sonst sind wir arm. Was ja auch wieder stimmt. Dennoch, fragt mal Eure Kinder, was sie von einer Kinderbetreuung in der Kita bis 20.00 Uhr oder 22.00 Uhr halten. Euch selbst dürft Ihr auch fragen.

Ich habe bis zu 35 Stunden gearbeitet alleinerziehend mit einem Kind. Das ging einigermaßen, hatte nur Bluthochdruck zur Folge, aber bin ja nur ich. Mit zwei Kindern und extremalleinerziehend sieht das schon anders aus. Aber ich weiß ja auch hier die Lösung: Ich bin selbst schuld. Das zweite Kind hätte ja nun wirklich nicht mehr sein müssen, meinte eine Leserin zu mir. Wie ich es also mache, mache ich es verkehrt. IMMER!

Eine Mutter, die sich viel um ihre Kinder kümmert, gar nicht oder nur Teilzeit arbeiten geht, wird kritisiert, weil sie soll ja Vollzeit arbeiten gehen, um, so für sich (und die aktuelle Rentnergeneration – Generationenvertrag) zu sorgen. Das momentan vorherrschende Mutter-Ideal, ist also eher die vollzeiterwerbstätige Mutter mit möglichst 2 oder mehr Kindern. Wenn die Mutter es aber nicht schafft Vollzeitberufstätigkeit und Fürsorgearbeit unter einen Hut zu bekommen, ist das IMMER ihr persönliches Problem, denn sie hätte ja keine Kinder kriegen müssen. Als ob man, bevor man Kinder hat realistisch abschätzen könnte, was für Herausforderungen da auf einen zukommen.

An dieser Stelle könnte der Text jetzt zu Ende sein, die Mutter, die Teilzeit oder auch gar nicht arbeitet könnte der Buhmann unter den Müttern sein. Aber, wir wären ja nicht Mütter, wenn die Argumentationskette hier beendet wäre. Sobald die Kinder nämlich aus irgendeinen Grund, Probleme kriegen, ist die vollzeitarbeitende Mutter schuld, ist doch klar, sie hatte IMMER zu wenig Zeit. Ha! Wie Mütter auch immer das regeln, sie machen es ganz sicher IMMER verkehrt. Darum, liebe Mütter, wir müssen uns solidarisieren. Jede macht es auf ihre Art und Weise richtig und gut.

Das nächste, was Frauen IMMER falsch machen, ist, dass sie oft Berufe ergreifen, die schlecht bezahlt sind. Anders ausgedrückt kann man sagen, je näher die Arbeit an der Hausarbeit ist, desto weniger Geld gibt es dafür. Das nächste daraus resultierende Problem, folgt,  nämlich die niedrige Rente. Altersarmut ist vorprogrammiert. Liebe Frauen und Mütter, lasst Euch sagen, Ihr habt wie IMMER alles falsch gemacht. Hättet halt einen anderen Beruf ergreifen sollen, in dem Ihr mehr verdient. Selber schuld also und Augen auf bei der Berufswahl. Eben.

„IMMER“, stimmt also zumindest bei Frauen und Müttern, denn wir sind IMMER selbst schuld. Mit diesem Text habe ich also meine eigene These widerlegt. Bitte nicht meinen Söhnen weitersagen. Wenn ich es mir recht überlege, wäre es eigentlich gut für Mütter, wenn sie ein Perpetuum Mobile wären. Also, natürlich nicht für uns, sondern für die Außenwelt. Wir wären dann eine Konstruktion, die ohne Energiezufuhr auskommt und dabei die Arbeit (Erwerbsarbeit und Fürsorgearbeit) wie am Schnürchen erledigt. Genial, oder? Einziges Manko: Eine Maschine kann nicht liebevoll oder einfühlsam sein. Das ist ja aber auch gar nicht so wichtig für Kinder, den Partner oder auch zu pflegende Kinder und Angehörige. Gefühle wie Empathie, Geduld oder Liebe sieht ja sowieso keiner, dann können sie auch nicht so wichtig sein. Nie. IMMER.

Männer sind heute außen vor in meinem Text. Es gibt zwar die, die auch viel Sorgearbeit leisten, jedoch sieht die rechnerische Tatsache so aus, dass Fürsorgearbeit weiblich ist und Männer 4 Jahre brauchen um die Fürsorgearbeit zu erledigen, die Frauen in einem Jahr erledigen. Sorry, not Sorry. #carearbeitmusssichtbarwerden

P.S. Kritische Kommentare schalte ich immer frei. Wenn Ihr mir Eure Meinung unmenschlich und mit Schimpfwörtern untermauert mitteilt, werde ich sie nicht veröffentlichen. Ich bin ein Freund von herzhaften Flüchen, wenn mir etwas nicht gelingt. Schimpfwörter, die sich gegen Menschen richten, gibt es bei mir nicht, weder zu Hause, noch wenn ich draußen oder im Netz unterwegs bin. Ich finde, dass sollten wir alle beherzigen, vor allem, wenn wir Unternehmer sind und 73 Mitarbeiter angestellt haben (Vorbildfunktion und so). Aber ich weiß schon, in der Anonymität des Internet kann man dann ja mal so richtig die Schimpfwörter raushauen. Jedoch nicht hier, auf meinem persönlichen Blog.

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22 Gedanken zu “Ob Frauen als Perpetuum Mobile gedacht waren?

  1. maramarin21 schreibt:

    Claire, Du hast mit Deinem Text mal wieder den Nagel auf den Kopf getroffen. Danke für diese phantastische Zusammenfassung so vieler Missstände. Ich kann mittlerweile jede Frau in gewisser Weise beglückwünschen, die sich gegen Kinder entschieden hat. Sie hat sich zumindest nicht zum „Deppen der Nation“ machen lassen 😉 (Was natürlich nichts an meiner Liebe zu meinem wunderbaren Kind ändert! … Die Kinder können nichts dafür, wie es den Müttern geht. Die Probleme werden woanders verursacht. Siehe Deinen Text.) Liebe Grüße

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  2. Stefanie schreibt:

    Voll getroffen! Leider…
    Die einzige Möglichkeit, einigermaßen „angenehm“ in dieser Gesellschaft als Frau/ Mutter zu leben ist, einen Mann an der Seite zu haben… (wie praktisch für die Männer, sind ja oft schon schnell zufrieden zu stellen 😉)… ich frage mich oft warum wir uns seit Jahrhunderten nicht wirklich weiter entwickelt haben…

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    • Mama streikt schreibt:

      Liebe Stefanie,

      Danke für Deinen Kommentar.
      Es braucht 1,5 Einkommen um nicht in Armut zu fallen, wenn man Kinder hat, habe ich unlängst gelesen. Leider ist das so und das muss aufhören und zwar bald.

      Viele Grüße, Claire

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  3. Ines Hendsch schreibt:

    Liebe Claire,
    absolut d’accord!
    Ich freue mich über dein Aufgreifen dieser Thematik und fühle mich als Alleinverziehende 😮 einer mittlerweile Elfjährigen sehr gut wahrgenommen und möchte gern nach meinem Vermögen als Unterstützerin zur Verfügung stehen.
    Herzliche Grüße
    Ines

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  4. charlotteweiss schreibt:

    Einfach großartig!!! Und leider ist so vieles von dem, was Du schreibst, die bittere Wahrheit, die aber keiner hören, geschweige denn lesen will! Hab Dank, dass Du auch die Mütter ausführlich bedacht hast, die das Glück haben, nicht allein erziehend zu sein. Und großartig finde ich, dass Du auch Deinen Sohn hast zu Wort kommen lassen. Denn in allen Diskussionen werden die Kinder irgendwie vergessen.
    Bei Deinem letzten Absatz habe ich sehr gelacht, dass Männer vier Jahre brauchen für die Arbeit einer Mutter von einem Jahr…. Wunderbar! Wenn auch traurig….
    Hab trotz allem ein wunderbares Wochenende!
    Liebe Grüße
    Charlotte

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    • Mama streikt schreibt:

      Liebe Charlotte,
      herzlichen Dank für Deinen Kommentar. Es ist mir in meiner Arbeit, als Aktivistin für die private Care-Arbeit unheimlich wichtig, dass sich Mütter in allen Lebenslagen gesehen fühlen, denn ich weiß, dass alle zu kämpfen haben, dass lese ich auf vielen Blogs, wie z. B. auch in Deinem wunderbaren Blog oder auch auf Maras Gedanken, bei Mrs. Eastie, Sophies Anderswelt, No Superdad und vielen anderen Elternblogs. Ich bin ehrlicherweise unheimlich Stolz darauf, dass mir das ein Stück weit gelungen ist und hoffe, dass es auch weiter gelingt. So wird unser Netz immer größer und ich bin sicher, dass wir nur etwas erreichen können, wenn wir gegen die schlechten Umstände, zusammen stehen.

      Euch auch ein schönes Wochenende.
      Herzlichst, Claire

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  5. jongleurin schreibt:

    Hallo Claire! Ich bin gerade über Maras Blog und den Aufruf zur Unterstützung deiner Petition hierher gekommen. Ich finde es sehr sinnvoll, dass du dich politisch engagierst, denn nur so kommen Forderungen auch in der Politik an. Auch wenn ich nicht deiner Meinung bin: ich finde, Väter sollten viel mehr in die Pflicht genommen werden, damit Mütter entlastet werden. Aber das ist ein anderes Thema.
    Ich habe zur Petition eine inhaltliche Frage: wenn du 12 Jahre „Care-Gehalt“ forderst, was soll nach diesen 12 Jahren passieren, vor allem, wenn frau dann keine Arbeit mehr findet? Wäre es nicht sinnvoll, das Care-Gehalt an eine Teilzeit-Arbeit zu binden, ungefähr wie das Modell der Familienarbeitszeit, das die SPD gefordert hatte?

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    • Mama streikt schreibt:

      Liebe Jongleurin,

      danke für Deinen Kommentar. Wenn Du meinen Petitionstext richtig gelesen hast, geht es darum, dass das Fürsorgegehalt flexibel kombinierbar sein soll mit Vollzeit- oder Teilzeitarbeit oder auch gar keiner Arbeit. Eltern sollen die Wahl haben und von niemand vorgeschrieben gekommen, wie sie ihre Kinder erziehen. Des Weiteren richtet sich das Fürsorgegehalt an Eltern und pflegende Angehörige, hiermit sind beide Geschlechter einbezogen. Wenn sich eine Frau / ein Mann 12 Jahre der Familienarbeit gewidmet hat, hat sie/er 12 Jahre gearbeitet. Den Kindererziehung und Haushalt sind Arbeit und erledigen sich nicht, in dem man salopp gesagt, auf dem Sofa sitzt. Wir brauchen einen neuen Arbeitsbegriff, denn nicht nur Erwerbsarbeit ist Arbeit, sondern auch Familienarbeit ist Arbeit.

      Viele Grüße, Claire

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      • jongleurin schreibt:

        Das verstehe ich. Aber wenn die 12 Jahre vorbei sind, hat man ja ggf 12 Jahre fern vom Arbeitsmarkt verbracht und findet dann nur noch schwer, wenn überhaupt, eine existenzsichernde Arbeit. Es fehlt mir etwas die Fantasie, wie man sich dann über Wasser halten kann bzw weiter finanziert werden soll.

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      • Mama streikt schreibt:

        Wir stecken gesellschaftlich in einer Krise. Die Arbeit die meistens Frauen zu Hause tun ist Arbeit und als solche ist sie auch anzuerkennen. Denn wenn wir das nicht machen, werden wir bald einen noch größeren Fachkräftemangel haben. Für den Fachkräftenachwuchs sorgen nämlich die Eltern. Des Weiteren wirkt sich das, dass die private Care-Arbeit nicht anerkannt ist als Arbeit, auch auf die professionelle Care-Arbeit (Pflege, Erziehungbereich usw.) aus. Die Löhne sind hier nicht umsonst viel niedriger als z. B. im Bereich der Produktion. Menschliche Prozesse in privater oder auch professioneller Care-Arbeit lassen sich nicht beliebig rationalisieren. Wir brauchen einen neuen Arbeitsbergriff und ein Bewußtsein dafür, dass all diese typisch weiblichen Tätigkeiten wie Erziehung, Pflege, eben Arbeit sind und die Grundlage diese zu tun nicht reine Nächstenliebe sein kann. Also nicht, wenn man dann arm ist.

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  6. AuszeitamMeer schreibt:

    Hallo Claire,
    die Steigerung des Ganzen ist (und das hätte auch wirklich niemand vorher ahnen können), wenn du alleinerziehend bist, ein Kind mit einer seelischen Behinderung hast und nicht arbeiten kannst, weil die Inklusion dieses Kindes in das Schulsystem nicht funktioniert.
    Wenn man dann noch einen nicht ganz wohlgesonnenen Exmann hat und eine Mutter, die selber als ehemalige Alleinerziehende gegen ihre Altersarmut ankämpft, dann weiß man, was es bedeutet, von der Gesellschaft im Stich gelassen zu werden.

    Ich habe ein gutes Abi und eine abgeschlossene Berufsausbildung, aber das nützt mir in meiner Situation überhaupt nichts. Ich werde behandelt, als ob ich der Bodensatz der Gesellschaft wäre und bin der maximalen Kontrolle durch Jugendamt und Jobcenter ausgeliefert. Privatsphäre und freie Gestaltung der persönlichen Lebensführung sind damit faktisch nicht mehr möglich. Da ALLE meine Entscheidungen irgendwie das Kindeswohl berühren könnten, wenn man nur lange genug daran ruminterpretiert, ist damit alles möglich und die Grundrechte werden damit ad absurdum geführt. Und weise noch mal darauf hin: Ich habe kein Verbrechen begangen. (!!) Ich habe in den letzten Jahren wirklich unzählige Hausbesuche gehabt, von irgendwelchen Leuten, die sich von meiner häuslichen Situation ein Bild machen wollten. Die meisten sind sich ja einig, dass der beengte Wohnraum für die Kinder nicht förderlich ist, zumal das kleinere Kind ja auch hyperaktiv ist, aber das interessiert das Jobcenter überhaupt nicht, weil die Wohnung laut Tabelle angemessen ist. Ich habe überhaupt keine Wahl, aber ich habe die Auflage, an einer kindgerechten Verbesserung der Wohnsituation mitzuwirken, wobei ich aber tatsächlich Hilfe bekommen habe in Form einer SPFH, die mir sagt, dass ich meine Wohnung umgestalten soll und wie man einen Haushalt führt. Ich habe bis zur Scheidung ein EFH mit Garten in Schuss gehalten, aber jetzt bin ich alleinerziehend und automatisch brauche ich einen Putzplan. Das ist so absurd. Also habe ich gesagt, ich weiß, wie man putzt, aber ich bin zu müde dazu. Und automatisch kommt der Reflex „Machen Sie doch mal eine Mutter-Kind-Kur.“, wozu ich dann jedes Mal sage: „Aber das ändert doch an meiner Wohnsituation nichts.“ Oder mir wird geraten, die Kinder abzugeben, irgendwo in einer Erziehungspflegestelle oder in einer Wohngruppe. Damit ich „meine Sachen regeln kann“.

    Neulich hatte ich einen Schimmelschaden in der Wohnung und der Vermieter hat mir einen Maler nach Hause geschickt, der den Schimmel beseitigt und die Wand neu streicht. Drei Tage hintereinander war er dafür hier. Ich musste nur aus- und wieder einräumen.

    Und danach dachte ich:“DAS wäre Hilfe! Aber die kriege ich weder vom Jobcenter, noch vom Jugendamt, noch vom Vater der Kinder.“ Es gibt sie schlicht nicht.

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    • Mama streikt schreibt:

      Liebe AuszeitamMeer,

      herzlichen Dank für Deine Offenheit, die mich sehr berührt. Ich kenne die Regeln, die einem im Hartz-4-Bezug auferlegt werden, da ich 10 Jahre mit Langzeitarbeitslosen gearbeitet habe. Es tut mir sehr leid, dass Du und Deine Kinder unter diesen unwürdigen Umständen leiden müsst und Du auch noch gegensätzliche Auflagen bekommen hast für eine bessere Wohnsituation zu sorgen, obwohl alles so beengt ist. Wir dürfen Probleme nicht individualisieren, dass ist ganz wichtig. Mit 2 Kindern alleinerziehend zu sein ist wirklich viel, auch wenn kein Kind beeinträchtigt ist, wenn dann noch schwierige Begleitumstände dazu kommen (Jugendamt, Jobcenter, Expartner), kann das schon zeitweise mehr sein, als man eigentlich alleine tragen kann. Ein Netzwerk wäre daher gut. Ich habe mich selbst sehr schwer getan, mir eines aufzubauen, bzw. unternehme diesbezüglich immer noch Gehversuche. Solltest Du in einer größeren Stadt leben, könnte der VAMV e.V. eine Möglichkeit sein, wo Du andere Alleinerziehende findest. Ich bin mittlerweile in 2 Gruppen, wir sind hier eine Kleinstadt und bis vor 2 Jahren gab es gar keine Gruppe für Alleinerziehende. Es ist alles im Umbau und ich merke einfach, Alleinerziehende untereinander ja, verstehen, was man so durchmacht. Ich habe selbst auch kein gutes familiäres Netz (Oma alt, Mutter viel anderweitig beschäftigt), deshalb ist es umso wichtiger ein anders Netz aufzubauen. Aber ich weiß, dass es schwer ist, jedoch kann ich sagen, es war gut, dass ich mich, wenn auch nur in Minischritten, auf den Weg gemacht habe, dieses Netz zu knüpfen. Denn es ist, wie Du sagst, es hilft Dir keiner und es gibt vom Gesetz her auch keine niedrigschwelligen Hilfen. Was sich meiner Meinung nach schleunigst ändern müsste.
      Ich hätte eine Frage an Dich. Wenn es für Dich in Ordnung ist, wäre es schön, wenn Du Kontakt zu mir aufnehmen würdest (info (at)mamastreikt.de). Wenn Du das nicht möchtest verstehe ich es auch.

      Ich wünsche Euch von Herzen alles Gute und hoffe, dass irgendwoher ein Licht kommt und es Euch besser geht.

      Herzlichst, Claire
      P.S. Zum Thema Inklusion könntest Du in Google mal Raul Krauthausen eingeben. Ich weiß, dass waren alles auch Infos, die nicht sagen sollen, dass Du zu wenig tust. Es ist einfach das einzige was ich tun kann, Dir Menschen zu nennen, die ich kenne bzw. Infos, was mir geholfen hat. Ich kann sagen, damit es mir in meiner schwierigen Situation besser ging, da hat das Internet, Facebook, Twitter und der Blog einen großen Anteil. Ich fühle mich nicht mehr so isoliert wie früher.

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  7. Susanne schreibt:

    Ich muss sagen dass ich verheiratet bin, nur ein Kind habe und nur Teilzeit arbeite – also eigentlich. Faktisch ist es so dass ich ein Kind (7) und ein Kind (51) habe und mir nicht sicher bin wer von beiden mehr Zuspruch und Erziehung benötigt. Meine Arbeitszeit mit 20 h / Woche besteht aus 30-35 h, denn Zeit ist relativ …. ausserdem habe ich ein Haus, einen Garten und zwei Hunde. Mein Kind (7) insbesondere und benötigt diverse Förderungen (da möchte ich nicht weiter drauf eingehen). Alles davon macht mir Freude. Trotzdem fühle ich mich wie eine eierlegende Wollmilchsau und finde dass ein Tag mit 40 h eine angemessene Massnahme wäre. Mein Körper hat mich jetzt in meine Grenzen verwiesen und kurzerhand die Notbremse gezogen. Eigentlich vorhersehbar und doch für alle rundum völlig überraschend und unbegründet. Ignoranz gegenüber Müttern wir leider gross geschrieben. Aber ist es nicht eher so, dass man als Mutter immer mindestens zwei Jobs hat und mindestens einer davon ist Vollzeit (24/7), unbezahlt, ohne Urlaub, Krankheit wird nicht geduldet und wird auch in der Gesellschaft mit einem müden Lächeln abgetan. Schade und falsch noch dazu.

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    • Mama streikt schreibt:

      Liebe Susanne,

      vielen Dank für Deinen Kommentar. Wir brauchen einen anderen Arbeitsbegriff. Nicht nur Erwerbsarbeit ist Arbeit, sondern eben auch Fürsorgearbeit. Was passiert, wenn keiner mehr die Fürsorgearbeit machen will (überspitzt gesagt), sehen wir jetzt schon. Wir haben einen Fachkräftemangel. Denn junge Menschen, die befristet in großen Städten arbeiten, überlegen sich sicher drei Mal ob sie sich ein Kind leisten können. Kein Mensch kann ohne Fürsorge leben und am Anfang und am Ende unseres Lebens brauchen wir besonders viel davon. Ich hoffe sehr, dass wir irgendwann sagen können Fürsorge ist ein zentraler Wert in der Gesellschaft geworden. Es tut mir sehr leid, dass es Dir gesundheitlich nicht gut geht. Die Doppelbelastung Familie und Beruf ist sehr groß, ich weiß das aus eigener Erfahrung.
      Ich wünsche Dir gute Besserung.

      Viele Grüße, Claire

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  8. have a nice day schreibt:

    Ein Grund des ganzen Problems ist, dass wir trotz des 21. Jahrhunderts mit unserer Weltanschauung in puncto Familie und Pflege immer noch in der Steinzeit feststecken. Die klassische Rollenverteilung eben, wo Frau sich um alles kümmert und Mann nur durch die Gegend streift und mal mit, mal ohne Fleisch nach Hause kommt. Die Moderne des Ganzen ist, dass man nun die weibliche Rolle insoweit an die männliche Rolle angepasst hat, dass Frau doch jetzt selbst für Fleisch sorgen soll/kann. Leider wurde die eigentliche Arbeit der Frau dabei total vergessen… Ob das daran liegen könnte, dass Männer diese Arbeit oft schlicht gar nicht sehen können? (Mutter hat das früher doch auch alles wie durch Zauberhand geschafft, kann dann ja nicht so schwer sein. ) Es sind nunmal überwiegend die Männer, die die Weltgeschicke lenken und festlegen, wie sich eine Gesellschaft entwickelt. Frauen mussten grundsätzlich aufmüpfig werden, wenn sie was für sich verändern wollten (Wahlrecht, Arbeitsrecht, Recht auf eigenen Besitz, etc). Letztendlich haben sie sich in langwierigen Prozessen die gleichen Rechte erstritten ( denn bis Männer umdenken vergeht in der Regel nunmal viel Zeit) und sich damit leider einen Bärendienst erwiesen. Denn dadurch, dass sie ja jetzt die gleichen Rechte haben, wurden es im Laufe der Zeit, ohne Rücksicht auf die schon bestehenden Fürsorgepflichten, zu neuen Pflichten. Das Problem wird sich nur lösen lassen, wenn die Frauen wieder solidarisch werden und gegen diese Behandlung der Gesellschaft gemeinsam protestieren. Noch besser wäre es, wenn man endlich einsehen und anerkennen würde, dass es ohne Zutun und Anerkennung aller! notwendiger Arbeit kein Vorankommen in der Gesellschaft geben wird.

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    • Mama streikt schreibt:

      Liebe/r Have a nice day,

      herzlichen Dank für Deinen Kommentar, den ich vor allem deshalb so wertvoll finde, weil er die Situation beschreibt, aber nicht in Jammern oder Destruktivität abrutscht.

      Herzliche Grüße

      Claire Funke

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