Die Lage ist prekär. Danke für nix!

Ich hatte in den letzten 3 Wochen eine der schlimmsten Erkältungen, die ich je hatte, mit Übelkeit, Halsschmerzen, Ohrenschmerzen und einem fürchterlichen Husten. Nach 2 Wochen dachte ich, dass ich überm Berg bin und dann kam das ganze in der dritten Woche nochmal zurück. Dieses Gefühl, nicht so zu „funktionieren“ wie es für meine Kinder, den Haushalt und meine beruflichen Pflichten notwendig wäre, erzeugt unheimlich viel Druck und auch Angst in mir. Ich hatte so wenig Kraft, dass Alltagsdinge wie Wäsche waschen, Geschirr spülen (meine Geschirrspülmaschine ist immer noch kaputt), Wischen, Saugen und das Bad putzen zu fast unüberwindbaren Hürden wurden.

Alleinerziehend + krank =“ Alleinerziehenden-Hölle“, habe ich in diesen Tagen auf Facebook geschrieben. Nun frage ich mich, ob es noch eine Steigerung für Hölle gibt? Richtigerweise hätte ich schreiben müssen: Alleinerziehend + krank + Suche nach einer neuen beruflichen Perspektive = „Alleinerziehenden-Ober-Hölle“. Keine Ahnung, ob es eine Oberhölle gibt. Jetzt gibt es eine.

Ich arbeite seit 2008 in sachlich und zeitlich befristeten oder „nur“ befristeten Anstellungsverhältnissen, bei verschiedenen Arbeitgebern in der Erwachsenenbildung und nun ist es wieder so weit. Ich bin zum X-ten Mal auf der Suche nach einer neuen Stelle oder anderen beruflichen Perspektive, da im Oktober 2017 mein Arbeitsvertrag auslief. Wobei ich in mir so einen großen Widerstand spüre wieder irgendwo befristet anzufangen, dass kann ich gar nicht in Worte fassen. Das Auslaufen meines letzten Arbeitsvertrags hat mich besonders geärgert. Aus Gründen.

Im Juni 2016 hatte ich eine Stellenzusage bekommen von einem Bildungsträger befristet für 2 Jahre (die maximal zulässige Länge für einen befristeten Vertrag). Der Job war nicht optimal, denn ich hätte einfach über 50 Kilometer auf die Arbeit fahren müssen, aber ich war erst einmal froh, denn somit entkam ich, bis auf wenige Wochen, Hartz-IV. Ich hatte meinen Antrag schon gestellt, die Stelle sollte ich Ende August 2016 antreten, damit wäre ich 7 Wochen im Hartz-IV-Bezug gewesen, was ich einigermaßen hätte verschmerzen können. Als ich gerade angefangen hatte mich zu freuen, rief eine halbe Stunde später meine zukünftige Chefin nochmals an und fragte, ob ich nicht gleich, also 3 Tage später, am Montag, das Arbeiten anfangen könnte. Ein bereits vor mir eingestellter Mitarbeiter hatte das Handtuch geworfen, noch vor Antritt des Arbeitsverhältnises. Tja, was sagt man da? Kann man seinem zukünftigen Arbeitgeber in so einer Situation hängen lassen? Ich habe mich nicht getraut „Nein“ zu sagen und das war vor allem begründet in meiner Angst, als extremalleinerziehende Mutter mit 2 Jungs im Alter von damals 1 und 8 Jahren, keinen Job mehr zu finden, nachdem ich über 120 Bewerbungen geschrieben hatte und nur zu 3 Vorstellungsgesprächen eingeladen war.

Der Job, den mir mein zukünftiger Arbeitgeber nun zudachte (Teilzeit 30 Stunden), war näher an meinem Wohnort ( knapp 23 Kilometer bis zur Arbeit) jedoch sollte ich nur einen Vertrag für 12 Monate bekommen. Was macht man als Mutter, wenn man einfach nur Panik hat, niemals mehr den Anschluss an den Arbeitsmarkt zu finden und damit arm zu sein? Ich habe das Arbeitsverhältnis 3 Tage später angetreten.

Für meinen damals 21 Monate alten Sohn hat das bedeutet, dass er von heute auf morgen ganztags in die Kinderkrippe gehen musste. Das war hart für ihn und für mich. Ich hätte diesen Übergang gerne sanfter gestaltet, denn mit knapp zwei Jahren ist ein Kind wirklich noch klein. Ja, ich weiß schon, Leistung geht über alles, wir sind erwerbszentriert und haben uns dem Arbeitsmarkt anzupassen, egal wie es um die Bedürfnisse von Kindern oder Eltern bestellt ist. Die Viren der Hand-Fuß-Mund-Krankheit, die meinen Kleinen 3 Wochen nach Antritt des Jobs ereilten, hatten aber leider noch nie etwas von „Erwerbszentriertheit“ gehört. Sorry. So kam es, dass ich Ende Juli 2016 und noch in der Probezeit, eine Woche zu Hause war bei meinem kranken Kind. Dies bekam ich selbstverständlich auch nur mit dem Krankengeldsatz der Krankenkasse bezahlt. Hundert Prozent Lohnfortzahlung war nicht. Klar, Kinder sind Privatsache. Danke für nix!

Im August 2016 hatte die Kinderkrippe dann 3 Wochen geschlossen, was zu Folge hatte, dass ich meinen Kleinen in die Ersatzkinderbetreuung gegeben habe im Mütterzentrum. Die Betreuungskräfte dort haben tolle Arbeit geleistet. Für meinen kleinen Sohn war aber auch wieder alles neu, er kannte dort niemanden und mein Herz war schwer. Da trotz Sommerferien der Krippenbeitrag in Höhe von 266,00 Euro weiterbezahlt werden musste und die Ersatzkinderbetreuung auch 150,00 Euro gekostet hat (für drei Wochen), habe ich 416,00 Euro Kinderbetreuung bezahlt in einem Monat nur um arbeiten gehen zu können. Danke für nix, Frau Merkel (CDU), Herr Schulz (SPD) und Herr Seehofer (CSU) kann ich da nur sagen. Es ist zwar Politik, die Sie machen, aber keine für Familien, geschweige denn für alleinerziehende Mütter und Väter. Familie ist da wo Kinder sind und wenn Alleinerziehede 416,00 Euro Kinderbetreuung bezahlen müssen bei einem Gehalt von  1.200,00 Euro netto ist das nicht familienfreundlich und trägt auch nicht dazu bei, dass ich mir ein finanzielles Polster für Notlagen anlegen kann. Anders ausgedrückt kann ich auch sagen, dass die Kinderbetreuungskosten im August 2016, den Kindesunterhalt um 130,00 Euro überschritten haben. Mit einem Gehalt, dass nicht üppig ist, jedoch über dem Existenzminimum liegt, hat man dann auch keine Chance, dass die Kinderbetreuungskosten vom Amt bezahlt werden. Danke für nix!

Meinen Großen Sohn habe ich in den Sommerferien 2016 für 6 Wochen zu seiner Oma und seinem Vater (beide leben über 300 Kilometer entfernt von zu Hause) „wegorganisiert“. Ich war froh, dass das möglich war auf der einen Seite. Aber auf der anderen Seite hat es dann fast zwei Monate gedauert, bis sich mein Großer (damals 8) wieder eingewöhnt hatte zu Hause und das war für ihn und für mich schwierig. Ja, ja, ich weiß schon, Kindererziehung ist Privatsache.

Im April 2017 bekam ich eine Arbeitsvertragverlängerung von Juni bis Oktober 2017, denn da lief mein Projekt aus. Im Nachhinein kann ich also sagen, dass sich für mich meine Bereitschaft, das Arbeitsverhältnis fast 2 Monte früher zu beginnen und dafür einige Nachteile in Kauf zu nehmen nicht ausgezahlt hat, denn ich war statt 24 Monate nur 15 Monate beschäftigt. Danke für nix. Übrigens werden mir diese 3 Monate Verlängerung nicht auf meinen Arbeitslosengeldanspruch angerechnet. Die Rechnung geht so laut Agentur für Arbeit: Wer 12 Monate arbeitet hat Anspruch auf 6 Monate Arbeitslosengeld und wer 15 Monate arbeitet hat auch nur Anspruch auf 6 Monate Arbeitslosengeld. Hätte ich eine Arbeitsvertragverlängerung von 6 Monaten bekommen, wäre mir das angerechnet worden und ich hätte 9 Monate Arbeitslosengeld bekommen. Wäre, hätte, wenn……….. Danke für nix.

Da die Beraterin in der Agentur für Arbeit im Oktober 2017 zum dem Schluss gekommen ist, dass ich mittlerweile zu speziell ausgerichtet bin für den allgemeinen Arbeitsmarkt aufgrund meiner 10-jährigen Berufstätigkeit in der Erwachsenenbildung, habe ich positiv ausgedrückt die Möglichkeit bekommen mich selbständig zu machen mit der Tätigkeit, die ich viele Jahre angestellt ausgeübt habe: Jobcoaching. Der Existenzgründerzuschss wird mir für 6 Monate bezahlt von der Agentur für Arbeit. Normalerweise sagt man, um von einem Unternehmen leben zu können braucht es 3-5 Jahre. Wie ich es extremalleinerziehend in quasi Lichtgesschwindigkeit schaffen soll, innerhalb von 6 Monaten so viel Geld zu verdienen, dass ich meine Kinder und mich davon ernähren kann, weiß ich nicht. Was jedoch passiert wenn es mir nicht gelingt, weiß ich jetzt schon, wir sind dann arm, weil wir in den Hartz-IV-Bezug fallen. Es heißt zwar immer Hartz-IV ist das Existenzminimum, jedoch finde ich ist das eine sehr geschönte Darstellung. Richtigerweise müsste es heißen, wer Hartz-4 bezieht ist arm. Danke für nix, liebe Politik, die ihr den Arbeitgebern die Möglichkeit gegeben habt, dass prekäre Beschäftigungsverhältnisse überhaupt möglich sind.

Was mir bleibt ist also wieder einmal das Beste zu machen aus der Situation und das heißt vor allem mich nicht von meiner Angst vor Armut überwältigen zu lassen. Nachdem ich ja nun die schlimmste Erkältung „ever“ hatte, wird mein Kleiner nun auch noch operiert im Februar und danach muss er eine Woche zu Hause bleiben. Meine Selbständigkeit im Bereich Jobcoaching werde ich damit nicht so weiterbringen, wie ich das geplant hatte für Januar und Februar.

Liebe Frau Merkel (CDU), lieber Herr Schulz (SPD), lieber Herr Seehofer (CSU) wie lange müssen wir noch Berichte über Kinderarmut lesen? Die Einkommen haben sich im Niedriglohnbereich nicht erhöht bzw. sind gesunken in den letzten 20 Jahren. Immer mehr Beschäftigungsverhältnisse sind prekär (Zeitarbeit, Befristungen, 450-Euro-Jobs). Wie sollen Eltern und hier vor allem Alleinerziehende unter diesen Umständen ihre Kinder ernähren, sie fördern und ihnen ein stabiles, liebevolles familiäres Umfeld bieten? Es wäre ja schön, wenn Sie mir diese Frage beantworten könnten. Ich befürchte jedoch, dass auch hier keine Antwort kommen wird und deshalb sage ich schon mal im Voraus: „Danke für nix.“

P.S.: Wenn Ihr meine Arbeit zur Anerkennung und zum sichtbar machen der privaten Care-Arbeit finanziell unterstützt freue ich mich sehr. Hier geht es zu PayPal: https://paypal.me/ClaireFunke. Vielen Dank dafür. 

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13 Gedanken zu “Die Lage ist prekär. Danke für nix!

  1. maramarin21 schreibt:

    Liebe Claire, das tut mir beim Lesen richtig weh. Ich wünsche Dir ganz viel Kraft für die nächste Zeit. Dass Du Dich seit Jahren nicht darauf verlassen kannst, Deinen Job noch eine Weile zu haben, ist eine extreme Belastung für eine Mutter, die ihren Kindern ein stabiles Umfeld bieten soll. Ich bin mir sicher, dass Du das Beste für Deine Kinder tust und es ihnen mit Dir sehr gut geht. Aber es ist eine Schande, dass man Mütter so allein lässt. Von Herzen alles Liebe

    Gefällt 2 Personen

  2. maramarin21 schreibt:

    Dein Beitrag zeigt, was alles im Argen liegt. Und er zeigt mir, dass ich meinem Arbeitgeber dafür noch dankbar sein muss, dass ich in meiner Teilzeit unbefristet maximal ausgenutzt werde. Es geht noch schlimmer. Solange wir so mit Müttern umgehen, müssen wir uns nicht wundern, wenn kluge Frauen irgendwann gar keine Kinder mehr bekommen.

    Gefällt 2 Personen

    • Mama streikt schreibt:

      Ja, Leid ist ja nicht mit Leid vergleichbar. Es ist natürlich von Deinem Arbeitgeber auch nicht toll, dass er alles maximal versucht rauszuholen. Wir sind ja keine Maschinen. Aber wir leben in einer erwerbs- und leistungszentrierten Gesellschaft, in der Beziehungen und Familien keine Rolle spielen sollen. Alles muss sich dem Erwerbsmarkt anpassen und der, der das nicht schafft landet in Armut. Das ist einfach nicht in Ordnung. Fürsorge braucht Zeit.

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  3. Wendulinde schreibt:

    Hallo, ich bin Alleinerziehende Mutter von drei Kindern. Im Hartz IV Bezug trennte ich mich und wurde aus dem Job Center raus geprügelt, als ich einen Vorgesetzten sprechen wurde. Ich ging zur Polizei und stellte Anzeige. Sie machten dort Fotos, die natürlich verschwanden, weil der Security Mensch mich wegen schwerer Körperverletzung ebenfalls anzeigte und der Polizist, den ich damals gesprochen habe, ihn kannte. Angeblich habe ich ihm mit einem leeren hackenporsche geschlagen. Das ist natürlich eine Lüge, aber ich war allein. Ich hatte mich gerade von einem Prügelnden getrennt und treffe beim Job Center auf den nächsten Mann, der Frauen schlägt. Die Geschichte ist soooooo unglaublich und hier Ende ich. Das Trauma habe ich nie überwunden. Alles mit drei Kindern ohne Hilfe von irgendwem, ich habe zehn Jahre alles versucht, mir reichts. Ich habe fertig. Politisch muss jede vor Ort in den Parteien was machen, alles andere ist Gejammer ohne Effekt. Aber hier wiederhole ich mich.

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    • Mama streikt schreibt:

      Liebe Wendulinde,

      danke für Deinen Kommentar. Es tut mir sehr leid, was Dir passiert ist. Auf meinem privaten Blog darf ich Jammern wie ich möchte und daher bitte ich Dich meine Blogartikel nicht jedes Mal als Gejammer zu bewerten. Es stehe jedem frei auf meinem Blog zu lesen oder eben auch nicht.

      Viele Grüße, Claire

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      • Wendulinde schreibt:

        Liebe Claire, ich meine das nicht persönlich, sondern allgemein. Es wird nicht besser ohne Parteiarbeit, sehr gut erkennt man das doch an den Erfolgen der Queere Bewegung. Es hat nur zehn Jahre gedauert, bis sie heiraten dürften. Ca. sechs bis sie die Eingetragene Lebenspartnerschaft mit Ehegattensplitting erhielten. Es ist möglich, die Chance ist gerade jetzt da, denn Andrea Nahles ist Alleinerziehende. Ich denke, dass ich schon weiß wie es geht, bin lange genug dabei. Aber allein schaffe ich das nicht. Ich brauche euch dabei, tretet massenhaft in die Parteien ein und engagiert euch. Das ist zielführender, als jeder Blog. Schreibt massiv an Politiker und Politikerinnen. Jede Woche mind. ein Mal und schreibt Petitionen.

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  4. Barbara schreibt:

    Ich kann das kaum lesen, weil es mir so weh tut, mich schmerzhaft an meine Zeit als Totalalleinerziehende mit (inzwischen erwachsenen) Zwillingstöchtern erinnert und weil ich verdammtnochmal so mit Dir mitleide. Aber vor allem macht es mich unfassbar wütend, dass sich an der Situation für Alleinerziehende nichts ändert, es interessiert einfach niemanden !!! Friss oder stirb, wie es den Kindern und Frauen geht, ist sch….egal.
    Der einzige Trost, den ich geben kann, ist: Es hört irgendwann auf, einfach weil die Kinder größer werden. Und ich bedanke mich herzlich dafür, dass Du irgendwoher noch die Kraft (und den Mut !) findest, diese unerträgliche Situation öffentlich zu machen und dazu beiträgst, dass sich vielleicht doch irgendwann einmal etwas ändert. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Und ich wünsche Euch Dreien alles Gute ❤

    Gefällt 2 Personen

    • Mama streikt schreibt:

      Liebe Barbara,

      ganz herzlichen Dank für Deinen Kommentar, er hat mich sehr berührt. Es wird sich was ändern, aber nur, wenn wir alle zusammen laut sind und ich hoffe sehr, dass ich dies noch erleben darf.

      Ich wünsche Dir auch von Herzen alles Gute, Claire

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