Der verschwundene Patient oder Buchbinder Wanninger auf Arabisch

Mein Großer (10) hatte sich zum letzten Weihnachtsfest einen Detektiv-Kasten gewünscht, der intensiv bespielt wurde. Der kleine Bruder und ich mussten selbstverständlich auch unsere Fingerabdrücke abgeben.

Vorgänge im zwischenmenschlichen Bereich müssen manchmal ähnlich intensiv und bis ins Detail betrachtet werden, wie dies auch ein Detektiv tun würde, damit die Puzzlestücke richtig zusammengesetzt, ein ganzes Bild ergeben. Mütter und Väter, sowie pflegende Angehörige kennen das, denke ich.

In den letzten knapp eineinhalb Jahren habe ich in der Erwachsenenbildung mit Flüchtlingen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan gearbeitet (mehr darüber könnt ihr lesen in „Pralinen zum Abschied“). Als ein Mensch, der eine große Sensibilität für das „Zwischen“ mitbringt, waren die Migranten, die fast alle nur sehr wenig Deutsch sprachen, sicherlich sehr gut aufgehoben bei mir. 

Ich möchte in diesem Zusammenhang die Geschichte von Mohammed (Name geändert) erzählen, den ich dabei begleitet habe, wie seine Familie nach Deutschland kam und der viel Vertrauen zu mir hatte, weil er denke ich über die Sprachbarriere hinweg einfach gespürt hat, dass ich mich den Anliegen der Migranten, mögen sie noch so kompliziert sein (und das sind bei Flüchtlingen eigentlich ALLE, weil ALLES neu ist), wirklich annehme.

Eines Tages kam Mohammed einmal wieder nicht zu mir in die Einrichtung, in der ich ihn im Rahmen eines 1,50 Euro-Job (auch Arbeitsgelegenheit genannt) betreut habe. Ich wusste mittlerweile aus Erfahrung, dass er, wie alle anderen Flüchtlinge auch, wieder kommen wird zur Arbeit, nur nicht wann. Diesen für mich ungewohnten aber sehr interessanten Aspekt in der Arbeit mit den Flüchtlingen konnte ich erst nach dem Ende meines Arbeitsvertrags einordnen, als ich in dem Buch von Mariam Irene Tazi-Preve („Das Versagen der Kleinfamilie“), über das ich auch eine Buchrezension geschrieben habe, folgendes gelesen habe auf Seite 127: „z. B. die Kultur des Handwerks in arabischen Ländern, zeichnen sich dagegen dadurch aus, dass die Bedürfnisse des Menschen VOR jene des Arbeitsmarktes gereiht werden.“ In Deutschland ist dies ja anders herum, da müssen alle menschlichen Bedürfnisse (auch die unserer Kinder) dem Arbeitsmarkt untergeordnet werden, was ich im Hinblick auf die Erziehung meiner Kinder oft als schwierig erlebt habe.

Die Flüchtlinge, die ich betreut habe, lebten am Anfang ihrer Tätigkeit in unserer Einrichtung, tatsächlich so, dass sie ihre persönlichen Bedürfnisse vor die Anforderungen des 1,50-Euro-Job gestellt haben. So konnte es zum Beispiel passieren, dass ein Teilnehmer (so nennen wir in der Erwachsenenbildung die Menschen, die wir betreuen) Mittwochs nicht auf die Arbeit kam um mir dann Donnerstags zu sagen, dass er nicht kommen konnte, weil er müde war. Aber sie kamen immer wieder, ganz zuverlässig! Das war die andere faszinierende Seite daran. Den kulturellen Hintergrund habe ich dann erst später verstanden, als ich das o. g. Buch rezensiert hatte.

Sicherlich müssen sich Flüchtlinge anpassen, an das Land, in dem sie leben, dass tun sie auch, aus meiner Erfahrung heraus, sie brauchen eben nur Zeit dafür, weil sie unsere Kultur erst kennenlernen müssen. Wir dagegen müssen ihnen Geduld, sowie Offenheit entgegenbringen, denn nicht alles was negativ aussieht (z. B. einfach nicht auf die Arbeit kommen, weil man müde ist), ist vorsätzlich negativ gemeint. Aber ich gebe auch zu, dass mich das oben beschriebene Verhalten anfangs geärgert hat, weil ich als alleinerziehende, 2-fache Mutter, jeden Tag um 5.00 Uhr aufgestanden bin, um, mit einer guten halben Stunde Fahrtzeit, pünktlich gegen 8.00 Uhr auf der Arbeit zu sein. Menschlich und professionell war es jedoch meine Aufgabe, meine Offenheit den Flüchtlingen gegenüber zu bewahren.

Nun wieder zurück zu Mohammed, der plötzlich nicht erschien zur Arbeitsgelegenheit. Nachdem er auch am nächsten Tag nicht zur Arbeit kam, habe ich mit einem Freund von ihm geredet und ihn gebeten, Mohammed ausfindig zu machen, denn ich bin natürlich als Maßnahmenleitung dazu verpflichtet gewesen, herauszufinden, was los ist, wenn jemand unentschuldigt länger fehlt.

Mohammed rief mich dann einen weiteren Tag später an und erzählte mir am Telefon in gebrochenem Deutsch eine abenteuerliche Geschichte von seinem Bruder, der bewusstlos in einer Universitätsklinik lag, viele hundert Kilometer entfernt in einer anderen Stadt und einem anderen Bundesland. Als einziger Angehöriger ist er verständlicherweise dort hingefahren, was jedoch eigentlich nicht hätte sein dürfen, denn egal wer Hartz-4 bezieht, muss sich im Jobcenter in solchen Fällen als ortsabwesend melden und das vorher beantragen. Mohammed und ich kannten uns schon gut, ich sagte ihm, dass er unbedingt eine Bescheinigung mitbringen muss von dieser Uniklinik, damit er einen Nachweis für das Jobcenter hat um einer Leistungskürzung, die ihm diese unangekündigte Ortsabwesenheit hätte einbringen können, entgegenzuwirken.

Gesagt getan, mein Teilnehmer kam nach einer Woche wieder zur Arbeit, als er die Sache mit seinem Bruder einigermaßen geregelt hatte und brachte die geforderte Bescheinigung der Uniklinik mit, auf der, der lebensbedrohliche Zustand des Bruders von der Intensivstation bestätigt wurde, sowie die Anwesenheit von Mohammed. Zunächst schien die Sache für mich erledigt.

Einige Tage später kam Mohammed zu mir ins Büro und berichtete von seinem Bruder, der in eine andere Klinik (ich nenne sie zum besseren Verständnis im Text Klinik 2) verlegt worden war. Er bat mich hier anzurufen, wobei er den Namen des Krankenhauses nicht wusste aber den Namen der Stadt wenigsten kannte, in der sich dieses befand. Ich musste also in einer Stadt mit mehreren Krankenhäusern erst einmal das richtige ausfindig machen. Prima war, dass wir, als ich die richtige Klinik2 gefunden hatte, trotz Schweigepflicht mitgeteilt bekamen, dass der Patient außer Lebensgefahr ist, jedoch geistig sehr verwirrt verlegt worden war. Aufgrund des schlechten geistigen Zustands, sollte ein Neurologe in der Klinik 2 hinzugezogen werden. Dieser konnte jedoch vorerst keine Untersuchung durchführen, da er der arabischen Sprache nicht mächtig war. Es musste zuerst ein Dolmetscher gefunden werden, damit die Fragen des deutschsprachigen Neurologen ins Arabische übersetzt werden konnten. Es war also wieder Warten angesagt.

Da eines meiner Kinder krank war, haben wir erst eine Woche später nochmals auf der Station in der Klinik 2 angerufen und die Auskunft erhalten, dass der Patient bereits wieder entlassen wurde. Ratlosigkeit machte sich breit, Mohammed hatte die Information von seinem Bruder, dass er im Krankenhaus ist. Ich bin ganz ehrlich, mir ging die ganze Sache mittlerweile auf die Nerven, denn das, was sich hier einfach liest, waren viele Gespräche mit Sprachbarriere, die ganz viel Kraft kosten und bei denen mein Einfühlungsvermögen zu 1000% gefordert war. Ein wichtiger Hinweis vielleicht noch für das Weiterlesen, Mohammed sprach schon ganz gut Deutsch, also so gut um sich in einfachen Dingen selbst zu verständigen. Sein Bruder jedoch sprach gar kein Deutsch, was die ganze Sache erheblich verkomplizierte zusätzlich zu seinem verwirrten geistigen Zustand.

Nun, was tun, wenn der Patient, der im Krankenhaus zu sein scheint, angeblich nicht dort ist?

Ich bin ja ein hartnäckiger Mensch und da ich bereits in einer Rehaklinik gearbeitet hatte, sind mir die Strukturen in einem Akutkrankenhaus zumindest noch geläufig und daher habe ich beim Sozialdienst der Klinik 2 angerufen in der Hoffnung, dass dieser mir mehr Informationen geben könnte als die Station von Klinik 2. Leider hatte ich einen wirklich unfreundlichen Zeitgenossen am Telefon, von dem ich  erfahren habe, was ich schon wusste, dass der Patient entlassen worden war. Nach längerem hin und her am Telefon war der Sozialdienst dann doch bereit, mir  die Telefonnummer der Flüchtlings-unterkunft mitzuteilen, in der, der Bruder von Mohammed, gemeldet war. Das war natürlich einerseits verständlich, wegen der Schweigepflicht, andererseits hatte ich Mohammed vor mir sitzen, der mir sagte, sein Bruder ist im Krankenhaus. Es passte kein Puzzleteil zum anderen.

Also haben wir in der Flüchtlingsunterkunft angerufen, nur um zu erfahren, was wir schon wussten, dass der Bruder von Mohammed nicht dort war und auch hier niemand eine Auskunft zu seinem Verbleib geben konnte.

Was tun? Ich habe dann, die Pflegedienstleitung besagter Klinik 2 (in der der Patient angeblich nicht mehr war) angeschrieben per E-Mail, denn irgendwo musste der Bruder von Mohammed ja sein. Ich wurde dann am gleichen Tag noch zurückgerufen vom Pflegedienstleiter, der mir keine weiteren Auskünfte zum Verbleib geben konnte, mir jedoch mitteilte, dass der Bruder von Mohammed wegen seinem lebensgefährlichen Zustand in der Uniklinik (Klinik 1) mittlerweile eine gerichtlich bestellte, ehrenamtliche Betreuerin hatte, von der er mir auch die Telefonnummer geben konnte. Etwas Licht schien ins Dunkel zu kommen.

Leider habe ich dann die Betreuerin erst einmal nicht erreicht telefonisch, aus irgendwelchen Gründen, die ich nicht mehr weiß im Nachhinein. Die Situation bleib also die gleiche wie folgt: Patient sagt er ist in der Klinik, die Klinik sagt, der Patient ist entlassen und die Betreuerin war nicht erreichbar.

Diese ganze Angelegenheit war für Mohammed so dringlich aus 2 Gründen: Verständlicherweise wollte er wissen, wo sein Bruder ist. Des Weiteren rief ihn täglich die Ehefrau von seinem Bruder an. Sie lebte mit mehreren Kindern in der Türkei in einem Lager und wartete darauf, dass der Familiennachzug nach Deutschland genehmigt wurde. Diesbezüglich fehlte jedoch ein wichtiges Dokument, dass der Bruder von Mohammed noch hätte in die Türkei zu seiner Frau schicken müssen, was er aber aufgrund seines Gesundheitszustandes gar nicht konnte. Verfahrene Situation, irgendwie.

Als Mohammed wieder einmal bei mir im Büro saß, wegen der ganzen Angelegenheit, rief sein Bruder auf Mohammeds Handy an. Auf die Frage, wo er ist, antwortete er, dass er in der Klinik ist und ich bin fast verrückt geworden, weil ich dachte, dass gibt’s doch nicht! Wo ist hier der Fehler im System? Da hatte ich eine Idee. Ich sagte Mohammed er soll seinem Bruder sagen, dass er JETZT sofort auf den Krankenhausgang gehen soll, um einer Schwester das Telefon in die Hand zu drücken. Gesagt, getan, innerhalb von nicht einmal einer Minute hatten wir endlich eine Krankenschwester am Telefon. Sie teilte mir mit, dass der Bruder von Mohammed tatsächlich in einer Klinik lag, jedoch in einer anderen und somit in Klinik 3. Da er vor dem Aufenthalt in Klinik 3 jedoch für wenige Tage zu Hause bei der Betreuerin untergebracht gewesen war, weil er sich nicht alleine versorgen konnte, wusste die vorherige Klinik 2 dies nicht. Aufgrund seines schlechten seelischen und geistigen Zustand, war es dem Bruder von Mohammed anscheinend auch nicht möglich, seinem Bruder diese ganzen wichtigen Zusammenhänge mitzuteilen.

Care-Arbeit ist Arbeit und in diesem Fall war ich nicht die Mutter, die zu Hause Care-Arbeit leistet, sondern die Maßnahmenleitung, die professionelle Care-Arbeit geleistet hat in einer Einrichtung der Erwachsenenbildung. Ein bisschen hat mich die Geschichte mit Mohammed und seinem Bruder erinnert an den Sketch „Buchbinder Wanninger“ von dem Komiker Karl Valentin, den ich aus meiner Kindheit kenne. Nur das die Geschichte mit Mohammeds Bruder nicht spaßig war, sondern sehr ernst und nervenaufreibend, weil viele Menschen in existenziellen Situationen betroffen waren. Wobei das Telefonat vom Buchbinder Wanninger auch bestimmt kein Spaß war für ihn, sondern ehr für den Zuhörer.

Es war eine Mischung aus der Sprachbarriere und unglücklichen Umständen, die diese Situation so wirr gemacht hat. Jeder hatte auf seine Art und Weise recht. Es ist das „Zwischen“, zwischen uns, was zählt und das lässt sich nicht wie der Herstellungsprozess von einem Produkt beliebig vereinfachen und verbilligen, weder in der privaten Care-Arbeit (Kindererziehung, Pflege von Angehörigen), noch in der professionellen Care-Arbeit. Menschen sind keine Maschinen!

Nicht alles, was zählt, ist zählbar und nicht alles was zählbar ist, zählt.

Albert Einstein

Wie das „Zwischen“ gestaltet wird von professionellen Care-Arbeitern (z. B. Berater/innen, Krankenschwestern, Pflegern, Erzieher/innen, Psychologen/innen usw.) sowie von Eltern und pflegenden Angehörigen liegt an den einzelnen Personen selbst. Wesentlich negativ beeinflusst wird das „Zwischen“ durch Zeitdruck und Geldmangel im privaten wie öffentlichen Bereich der Care-Arbeit. Die Qualität unserer Beziehungen und die Fürsorge füreinander, muss Grundlage unserer Gesellschaft werden, damit wir irgendwann sagen können, wir leben in einer solidarischen Gesellschaft.

Aus diesem Grund machen wir am kommenden Sonntag, den 07.01.2018 auch weiter mit dem Netzprotest unter dem Hashtag #carearbeitmusssichtbarwerden. An den kommenden 4 Sonntagen würde ich mir wünschen, dass möglichst viele private (Eltern, pflegende Angehörige) und auch professionelle Care-Arbeiter unter diesem Hashtag posten (auf Facebook Twitter, Instagram), was sich verändern muss in unserer Gesellschaft im Bezug auf die Care-Arbeit. Kein Mensch kann ohne Fürsorge leben und am Anfang unseres Lebens, sowie am Ende unseres Lebens sind wir besonders auf Fürsorge angewiesen.

P.S. Blogger/innen, die bereits Artikel geschrieben haben in denen Care-Arbeit eine Rolle spielt dürfen gerne den Link hierzu in den Kommentaren hinterlassen. Des Weiteren teile ich alle Beiträge, die ich finde auf Facebook unter #carearbeitmusssichtbarwerden auf der Petitionsseite Care-Arbeit ist Arbeit – Fürsorgegehalt jetzt! und ich retweete alle Beiträge zu #carearbeitmusssichtbarwerden auf Twitter unter meinem Blognamen Mama streikt (@Mamastreikt).

 

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