Jede Mutter hat Anspruch auf……. Ja, was eigentlich?

Ich erinnere mich in diesen Tagen immer wieder an eine Situation im Dezember 2016, kurz vor Weihnachten. Mein Kleiner (damals 2 Jahre alt) saß abends weinend und hustend im Bett, ich stand im Schlafzimmer, telefonierte mit meiner Mutter und sagte, dass ich nicht mehr kann. An meinen Füßen hatten sich in den Tagen davor aus einem Hautausschlag Blasen gebildet die aussahen, wie mit Wasser gefüllte Brandblasen. Beide Füße waren betroffen, die Blasen waren schmerzhaft und wenn sie aufgingen, haben sie natürlich genässt. Mit diesen Wunden an den Füßen bin ich auf die Arbeit gegangen (in Stiefeln!), denn ich befand mich noch in der Probezeit bei meinem neuen Arbeitgeber und war bereits mehrmals zu Hause geblieben, als meine Kinder krank waren. Dazu kam, dass meine Waschmaschine an dem einem Adventswochenende kaputtgegangen war und am nächsten war das Auto reparaturbedürftig. Mein großer Sohn war krank, der Kleine hatte wochenlang Husten (vor allem nachts) und ich hatte keine Nerven mehr und einen nässenden, schmerzenden Hautausschlag an den Füßen, mit dem ich jeden Tag (insgesamt 2 Wochen), bis zum Weihnachtsurlaub auf die Arbeit gegangen bin.

 Während ich das hier aufschreibe, treibt es mir die Tränen in die Augen, denn die Tatsache, dass ich im Juni 2016 wieder eine Arbeit gefunden habe (10 Tage bevor ich im Hartz-4-Bezug gewesen wäre), hatte einen hohen Preis. Ich war krank und hatte keine Kraft mehr für meine Kinder. Natürlich hat das auf der Arbeit keiner gemerkt. Was hätte ich auch sagen sollen? Das ich überlastet bin und dass ich nicht mehr kann? Wem hätte das geholfen, ich denke, niemandem, am wenigsten mir und meinen Jungs. Mein „Opfer“, krank auf die Arbeit zu gehen, hat im Übrigen auch nichts genützt. Der befristete Arbeitsvertrag wurde nur verlängert bis zum Projektende Anfang Oktober 2017. Ob es das wert war? Mich zu verausgaben und für meine Kinder keine Kraft mehr zu haben?

Im Artikel 6, Absatz 4, des Grundgesetz steht: „Jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft“. Ich frage mich jedoch, wo der Schutz und wo die Fürsorge von der Gemeinschaft für mich ist? Fragen sich das andere Mütter auch?

Meine Antwort darauf ist die Petition zum Fürsorgegehalt mit allen Sozialleistungen für Eltern und pflegende Angehörige, sowie der friedliche Netzprotest #carearbeitmusssichtbarwerden, der am kommenden Sonntag zum 5. Mal stattfindet. Ein Zitat aus dem Buch „Die verkaufte Mutter“ (Seite 26) beschreibt sehr gut die Situation in der wir leben:

„In der unbemerkten Ausweitung der ökonomisierten Strukturen weltweit, fällt nämlich gar nicht auf, wie sehr wir unseren menschlichen Wert und unsere Entscheidungen bereits von der Erwerbsarbeit abhängig machen.“

Gerade in diesem Jahr 2017, in dem ich ausgelastet bin im Dezember, aber nicht überlastet, fühle ich mich manchmal betrogen um die Kindheit meiner Jungs, denn ich habe mit wenigen Unterbrechungen (wegen Befristungen) immer gearbeitet seit ich Mutter bin und das sind immerhin schon 10 Jahre, die ich mit der Dreifachbelastung (Familie, Beruf, Alleinerziehend) lebe. Wie lange kann ich, kann ein Mensch, eine Mutter, ein Vater, die Kinder, das aushalten?

Heute Morgen, als ich meinen Kleinen in den Kindergarten gebracht habe, hörte ich eine Mama gehetzt und noch liebevoll zu ihrem 2-jährigen Sohn sagen: „M. geh mal ein bisschen schneller.“ Kurze Zeit später fragte sie ihn dann: „M., ist das schneller gehen?“ Ich antwortete ihr schmunzelnd, dass dies eben „sein schneller gehen“ ist. Die Mutter lachte gequält und ich erinnere mich an so viele Situationen, in denen es mir genauso ging und geht. Kinder lassen sich ganz schlecht in unsere getakteten Tagesabläufe reinorganisieren. Es kommt immer etwas dazwischen: die Blume auf dem Weg, der Hund am Straßenrand, das geliebte Kuscheltier, das Müllauto auf der Straße, die Baustelle vor dem Kindergarten…….. Das ist alles interessant für die Kleinen und wir haben aber keine Zeit uns mit diesen Dingen und den Fragen dazu, zu beschäftigen. Wir sind deshalb keine schlechten Eltern, jedoch macht es etwas mit uns und unseren Kindern, wenn wir immer durchgetaktet durch unser erwerbszentriertes Leben rasen. Eine wichtige Qualität geht hier verloren, die nur in Langsamkeit „funktioniert“, nämlich das „Zwischen“, zwischen uns und der Welt und das „Zwischen“ zwischen uns und unseren Kindern.

Ich finde gerade in der Adventszeit kann das „Zwischen“ ausgefüllt sein mit berührenden Begegnungen. Wenn die Situation jedoch so ist, wie bei mir im Dezember 2016, dann ist das „Zwischen“ tot. Das „Zwischen“ ist jedoch die grundlegende Qualität für die Bindung unserer Kinder. Jeder spricht davon, wie wichtig Bildung ist und da stimme ich auch voll und ganz zu. Was jedoch noch wichtiger ist, ist die Bindung. Dr. med. Karl-Heinz Brisch (Bindungsexperte) sagt dazu: „Bindung kommt vor Bildung.“

Mein „Zwischen“ war in den letzten Tagen ausgefüllt von vielen kleinen erfüllenden Situationen mit meinen Kindern. Das erste Adventswochenende haben wir uns zu Hause gemütlich „eingeigelt“ mit selbstgebackenen Lebkuchen, Weihnachtsfilmen und der „ersten Kerze“, die gebrannt hat, was mein Kleiner (3) nun ganz bewusst mit verfolgt. Unsere Dreisamkeit wurde nur durch ganz wenige Streitereien der Kinder unterbrochen. Der Große (10) sagte zum Kleinen: „Wenn Du nicht brav bist, bestelle ich den Nikolaus ab.“ Was großes Geschrei nach sich zog und die Frage vom Kleinen, ob das der große Bruder tatsächlich machen kann? Konnte er natürlich nicht! Diese Situationen bedürfen aber immer wieder unserer Aufmerksamkeit und Begleitung. Sie machen die Beziehung aus zwischen uns und unseren Kindern.

Martin Herzberg hat ein Klavierstück geschrieben, mit dem Titel: „And I will watch you grow“. Das berührt mich sehr, denn ich möchte meine Kinder ganz bewusst aufwachsen sehen, damit ich die schönen Situationen in meinem Herzen aufheben kann, für die Ewigkeit. Lehnt Euch zurück, atmet ganz tief und bewusst und genießt dieses wunderschöne Klavierstück. JETZT!

Wie seht Ihr das, genießt die Mutter tatsächlich den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft?

16 Gedanken zu “Jede Mutter hat Anspruch auf……. Ja, was eigentlich?

  1. maramarin21 schreibt:

    Dem ist nichts hinzuzufügen. Ein sehr treffender Text. Vielen Dank! NEIN, Mütter genießen nicht den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft. Sie können an der Mammutaufgabe, die ihnen die Gesellschaft stellt, ohne sie ausreichend zu unterstützen, nur scheitern. Der Dank für jahrelanges Balancieren am physischen und psychischen Abgrund ist dann noch Altersarmut. Ich weise mittlerweile jüngere Frauen – wenn es sich ergibt – darauf hin, dass Kinder etwas Wunderbares sind, aber der Preis heutzutage in unserer beschleunigten Welt extrem hoch ist und sie, wenn ihr Kind da ist, noch den Schock ihres Lebens bekommen werden, weil sie sich das alles so nicht vorgestellt haben. Sie tragen das alleinige Risiko, wenn man sich z.B. das Scheidungsrecht ansieht.

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    • Mama streikt schreibt:

      Das geänderte Scheidungsrecht von 2008 besagt, dass man nur bis zum 3. Lebensjahr Ehegattenunterhalt bekommen. Danach ist einem Vollzeitarbeit zuzumuten. Ich habe es nicht geschafft schon Vollzeit zu arbeiten mit dem 3. Lebensjahr meiner Kinder. Als der Große 5 Jahre alt war, habe ich 35 Stunden gearbeitet, dass ging einigermaßen……Fakt ist jedenfalls dass ich die Renteneinbußen durch die Erziehung meiner Kinder, ganz alleine trage, da ich nicht verheiratet war gibt es keinen Rentenausgleich. Es gibt noch viel zu tun. Am Sonntag ist deshalb wieder Netzprotest unter #carearbeitmusssichtbarwerden.

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    • ein Mann schreibt:

      Ob die Frauen im Scheidungsfall das *alleinige* Risiko tragen, ist denn doch vielleicht eine Frage der Perspektive. Ich habe ein eher geringes Einkommen und allein der Kindesunterhalt hat mir das Gefühl gegeben, sozial kastriert zu sein. Noch ein Kind? Zu riskant!
      Gern hätte ich unsere Tochter genommen, aber keine Chance, obwohl es für sie bestimmt besser gewesen wäre.

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      • ein Mann schreibt:

        Uups, noch was vergessen: ja, auch ich finde es wichtig, das Mütter – egal ob alleinerziehend oder nicht, den Schutz der *Gemeinschaft* genießen und zwar so, dass sie nach der Erziehungsarbeit noch Kraft für sich selbst übrig haben – habe deshalb auch die Petition unterschrieben – aber eben der Gemeinschaft.
        Wenn eine Ehe / Lebensgemeinschaft in die Brüche geht, dann ist das schlimm genug, dann muss aber doch möglich sein, dass das Leben weiter geht und nicht die zerbrochene Familie als kaum zu bewältigende Last auf den Schultern der getrennten / geschiedenen Eltern liegt und alle Zukunft blockiert.

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      • Mama streikt schreibt:

        Unsere neoliberale Wirtschaft zielt darauf ab, dass Mutter und Vater arbeiten gehen, dann sind 2 Arbeitskräfte vorhanden, dass hat großen Vorteil für die Wirtschaft. Denn früher mit dem Alleinverdienermodell war es so, dass man von einem Verdienst leben konnte. Heute müssen 2 dafür arbeiten. Das ist von der Wirtschaft so gewollt und dienst weder den Kindern, noch den Eltern. Es ist sehr gut, dass Du Kindesunterhalt bezahlst. In der Regel sind es jedoch die Frauen, die den meisten Teil der Sorgearbeit leisten und es sind die, die überwiegend beruflich zurückstecken (z. B. Teilzeitjobs zur vermeintlich besseren Vereinbarung von Familie und Beruf).

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      • ein Mann schreibt:

        Ja und nein. Ja, es ist im Sinne der neoliberalen Wirtschaft. Aber ist es von dieser allein initiiert? Oder ist es nicht auch ein „Erfolg“ der Emanzipation der Frau? Der Befreiung der Frau?
        Ich bin selbst in einer Alleinversorgerfamilie aufgewachsen und ich bin dankbar, das meine Mutter zu Hause war, als ich aus der Schule heimkam. Und ich bedaure zutiefst, dass heute die Mütter arbeiten *müssen*. Aus der Befreiung ist ein neuer Zwang geworden. Nun wird das Familieneinkommen, das früher von einem verdient werden konnte, mühsam von zweien heimgebracht.
        Und nein, ich finde es nicht sonderlich prickelnd, von meinem schmalen Einkommen – mit meiner jetzigen Frau und unserem kleinen Sohn versuchen wir mit aller Kraft, dass meine Frau noch nicht wieder arbeiten gehen muss – Unterhalt zahlen zu müssen. M.E. ist der Kindesunterhalt – auch in einer intakten Familie – Aufgabe der Gesellschaft, die Erziehung aber Aufgabe der Eltern. Der Mainstream sieht es anders herum: Erziehung in der Kita, Unterhalt aus dem Einkommen beider Eltern.
        Als die Kinder für die Alterssicherung ihrer Eltern aufkamen, war der Kindesunterhalt natürlich Aufgabe der Eltern. Heute kommen die Kinder für die Sozialkassen auf, wenn sie erwerbstätig werden. Logischerweise liegen also viele Kinder nicht mehr im Interesse der Eltern, sondern im Interesse der Gesellschaft. Also müsste der Kindesunterhalt auch deren Aufgabe sein.
        Vor allem anderen – Bildung, Erziehung, … – kommt für das Kind Geborgenheit, in der es sich sicher fühlt und sich daher unbehindert entdecken und entfalten kann. Das kann keine Kita, kein Kindergarten so gut sicherstellen wie die Mutter (auch nicht der Vater), wie wir an unserem Sohn deutlich erleben. Damit sie ihrem Kind das uneingeschränkt geben kann, braucht die Mutter Schutz und *Fürsorge* der Gesellschaft, die Sicherheit, die sie dem Kind vermitteln möchte.
        Wenn mit zunehmendem Alter der Vater für die Kinder wichtiger wird, ist vielleicht ein (teilweiser) Rollenwechsel der Eltern sinnvoll, vielleicht, dass beide Teilzeit arbeiten.
        Träume vom besseren Leben in unserer asozialen Marktwirtschaft? Eine Utopie? Die wir vielleicht Realität werden lassen können?

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  2. maramarin21 schreibt:

    Ich habe Anfang 2017 verzweifelt gedacht, es geht nicht mehr vor und zurück und dann meine Arbeitszeit reduziert, weil das bei uns finanziell noch irgendwie ging. Ich denke auch mit großer Traurigkeit daran zurück. Die letzten Jahre musste ich immer wieder sehen, dass ich an meine Grenzen stoße und dabei bin ich, wie so viele Frauen, sehr willig und leistungsbereit. Aber ein Mensch kann nur eine begrenzte Menge Stress aushalten.

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  3. Dieverlorenenschuhe schreibt:

    Ein toller Text, der zum innehalten und nachdenken anregt. Danke dafür! Nein, ich finde nicht, dass die Mutter den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft genießt. Der Gesellschaft schon mal gar nicht. Sicher kommt es auf die einzelne Gemeinschaft an. Ich habe wenig bis keinen Schutz oder Fürsorge erhalten. Natürlich (?!) hat mir der Vater meiner Kinder geholfen, auch als sie sehr klein waren. Aber ich hatte immer das Gefühl, ich müsse das als grosse Leistung würdigen. Seine Eltern haben mir als Kind Nr. 2 kam, nicht unter die Arme gegriffen. Einmal kam von ihnen gekochtes Essen ins Haus, weil ihr Sohn das angeregt hatte. Und das war’s. Meine Eltern halfen auch nicht, aber die wohnen auch 300km entfernt. Mein soziales Netz war damals noch kaum existent. Vielleicht hab ich es mir eingebildet, aber ich hatte immer das Gefühl, möglichst schnell und gut funktionieren zu müssen in allem was ich tue, als Mutter erst Recht.

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  4. Katharina schreibt:

    Wie wahr das alles ist…! Das Land ist voller Juristinnen, die aber irgendwie alles hinzunehmen scheinen. Ging eigentlich mal das entsprechende BGH-Urteil vors Bundesverfassungsgericht? Ist es mit der Würde von Mutter und Kindern vereinbar, wenn sie heute richterlich fundamentiert ausgebeutet werden darf? Ist es nicht auch ein Verstoß gegen Artikel 2, der jedem und jeder das Recht gibt, sein/ihr Leben nach „eigenem Geschmack“ zu leben? Und wie sieht das mit Artikel 3 aus? Der Grundgedanke des Artikel 3 ist ja gerade der, dass Ungleiches identische Rechte haben muss. Das bedeutet aber nicht notwendigerweise identische Pflichten. Es sei denn, der (andernorts lebende) Vater hätte auch die Pflicht, seine Kinder entsprechend zu betreuen – wenn sie krank sind, wenn sie bockig sind, wenn die Mutter nicht mehr kann, was unwillkürlich zur Vernachlässigung der Kinder führt, und sei es auch nur durch eine weniger gepflegte Wohnung. Was den Schutz der Gemeinschaft anbelangt, so durfte ich mir in diesem Zusammenhang mal den Satz:“Ja, ICH trage Verantwortung!“ anhören durch eine verheiratete Nachbarin, die von den Kindern wohl von zu vielen Staubflocken auf dem Boden gehört hatte…

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