Mütter „müssen“ immer, aber manchmal „müssen“ Väter auch

Meine Kinder und ich waren im August 3 Wochen auf Mutter-Kind-Kur an der Ostsee. Ich habe jeden Tag den Blick in die Weite auf das Wasser genossen. Der Wind, die salzige Luft, die Sonne und natürlich der Strand, es war großartig. Der Ostseesand hat es sogar bis zu uns nach Hause ins unser Bett geschafft. Wie, ist mir nicht ganz klar, der Sand scheint hohe „anhaftende Eigenschaften“ zu haben. Meine Kinder und ich haben ganz viele Nuschel (Wortunfall von Ben) und Steine gesammelt. Ich gebe es hier nun auch offiziell zu, nicht nur meine Kinder sind Jäger und Sammler, sondern auch ich.

Ich musste fast einen ganzen Monat lang nicht putzen, kochen oder einkaufen und konnte mich jeden Tag an einen gedeckten Tisch setzen. Wenn das Essen, ganz selten, mal nicht so ganz geschmeckt hat, war das nicht meine Verantwortung. Herrlich, fast schon der Himmel auf Erden.

Was wäre unsere Kur gewesen ohne liebenswerte Menschen? Sicher nur halb so schön. Wir waren in sehr guter Gesellschaft und haben tolle Mamas mit ihren Kindern kennen gelernt. Es waren so viele super Frauen, dass es schon fast ein bisschen unheimlich war und genau deshalb NIE gruselig. In unserer 50-köpfigen Müttergruppe herrschte eine gute Energie und das war, denke ich schon etwas sehr Besonderes. Ich war vor 7 Jahren in der gleichen Klinik, da habe ich auch nette Mütter kennengelernt, mit einer habe ich immer noch ganz sporadisch Kontakt, aber so wie dieses Mal war es nicht. Es war einfach auf so vielen Ebenen ganz sehr stimmig.

Die Klinik hat 4 Stockwerke und auf jeder Ebene gibt es einen Familienfreizeitraum mit Fernseher und kleiner Teeküche. Dieser wurde abends meistens von den größeren Kindern okkupiert. Als ich einmal herein kam, um mir noch einen Tee zu kochen, wurde ich freundlich gefragt: „Wollen SIE auch ein Stück (sehe ich schon so alt aus, dass man mich automatisch siezt? Im Schlafanzug vielleicht schon?)?“ Es lag Pizza auf dem Tisch und mir wurde ein Stück angeboten, was mich sehr gefreut hat. Ich lehnte dennoch dankend ab, woraufhin der nette Junge folgendes, leicht genervt, sagte: „Ja, Ja, Mütter müssen immer abnehmen.“

Okay, dachte ich mir, Mütter müssen tatsächlich in unserer Gesellschaft immer irgendwas, aber ICH muss jetzt gerade nicht abnehmen. Pizza habe ich dennoch keine gegessen.

Mütter müssen immer…………., dieser Satz ist mir im Gedächtnis hängen geblieben bzw. wusste ich sofort, dass ich dazu etwas schreiben werde im Blog.

Ich empfinde den gesellschaftlichen Druck auf uns Mütter als unglaublich hoch. Wir sollen immer super aussehen (deshalb MÜSSEN MÜTTER IMMER ABNEHMEN!), möglichst Vollzeit arbeiten gehen, für unsere Rente sorgen, den Haushalt schmeißen und ach ja, die Kinder, die sind ja auch noch da (hätte ich fast vergessen), die sollen wir ja auch noch erziehen.

Alle Mütter, haben annähernd das gleiche Pensum an Herausforderungen zu stemmen. Täglich! Egal ob alleinerziehend oder verheiratet oder in einer Partnerschaft lebend. Da gibt es kranke Kinder, oft auch chronisch kranke Kinder, kranke Mütter, kranke Väter, abwesende Väter, tote Väter, abwesende Familien, schulische Herausforderungen, berufliche Anforderungen etc. Die persönlichen Bedürfnisse von Müttern haben dann oft keinen Platz mehr, sie „fallen hinten runter“.

Das, dass unsere Bedürfnisse über Jahre oder gar Jahrzehnte „hinten runter fallen“, darf uns als Mütter und auch Väter nicht passieren. Eine Klinikmitarbeiterin sagte beim Abschiedsbrunch einen Satz, der mir die Tränen in die Augen getrieben hat: „Nur wenn es ihnen gut geht, geht es auch ihren Kindern gut.“

Diesen Satz, den habe ich, und viele andere alleinerziehende Mütter/Väter von einer Frau ganz oft gehört in den letzten Jahren. Dr. Alexandra Widmer hat mir ihrem Projekt „stark und alleinerziehend“ ganz viel bewegt für alleinerziehende Mütter und Väter. Sie hat die Vielschichtigkeit der Alleinerziehenden in den Vordergrund gerückt und über die Vorbilder in ihren Podcasts die Verantwortung aufgezeigt, die jede alleinerziehende Mutter und jeder alleinerziehende Vater für sich selbst und seine Bedürfnisse hat.

Der Leitsatz von Alexandra Widmer war: „Nur wenn es dir gut geht, geht es auch deinen Kindern gut.“

Ich habe lange, bevor ich Kinder hatte, eine Ausbildung in NLP und Gestalttherapie gemacht. In dieser Zeit habe ich sehr viel über Selbstverantwortung gehört,  natürlich auch für mich gelernt und umgesetzt. Als ich Mutter wurde, war es dann jedoch äußerst schwierig, für mich dies umzusetzen. Was bedeutet den, die Verantwortung zu übernehmen für sich und seine Bedürfnisse, wenn ich Mutter bin? Da gehen doch die Kinder immer vor, vor allem oder gerade dann, wenn man alleine die Verantwortung trägt!? Da habe ich mir jahrelang sehr schwer getan, gut für mich selbst zu sorgen. Unsere Gesellschaft hat immer noch das Bild einer sich aufopfernden, bedürfnislosen Mutter, die heute auch noch aussehen soll wie ein Model (MÜTTER MÜSSEN IMMER ABNEHMEN) und sich selbst vor der Altersarmut beschützt in dem sie Vollzeit arbeitet. Die berufstätige, eierlegende Wollmilchmodelmama sozusagen.

Nur wenn es mir gut geht, geht es auch meinen Kindern gut.

Ich habe das Projekt „Stark und alleinerziehend“ von Dr. Alexandra Widmer 2 Jahre stetig mit verfolgt und habe dadurch gelernt, dass ich mich selbst mit meinen Bedürfnissen in den Vordergrund stellen muss, auch und gerade deshalb, weil ich Kinder habe. Damit ich als Mensch nicht untergehe bei all den Anforderungen als berufstätige, alleinerziehende Mutter.

Nur wenn es mir gut geht, geht es auch meinen Kindern gut.

Gut für sich zu sorgen, daß heißt ja für jeden etwas anderes und das muss jeder für sich selbst herausfinden, dass ist die etwas gemeine Schwierigkeit dabei. Es hört sich leicht an, ist aber nicht immer leicht umzusetzen, finde ich. Für mich persönlich heißt „gut für mich zu sorgen“, im Kleinen viel für mich zu tun, da meine Kinder meistens bei mir sind (der Kleine immer und der Große ist manchmal, ca. 6 Mal im Jahr weg). Ich habe keine Familie, die mir die Kinder regelmäßig abnimmt und kann mir auch keinen Babysitter leisten um mir regelmäßig Freiräume zu verschaffen. Gut für mich zu sorgen bedeutet für mich, dass ich mir öfters am Tag die Zeit nehme bewusst tief ein- und wieder aus zu atmen. Wer ganz tief einatmet, kann sich praktisch gar nicht aufregen und kommt schneller wieder emotional runter von der Palme. Ich vermeide wo es geht Zeitdruck, denn zu wenig Zeit zu haben macht mich ganz schnell genervt und das überträgt sich in Lichtgeschwindigkeit auf meine Kinder. Es gibt bei uns abends feste Schlafenszeiten, damit ich auch hier noch Zeit habe, um zu mir zu kommen am Ende des Tages. Ich mache in dieser Zeit niemals meinen Haushalt, äußerst selten erledige ich manchmal irgendwelchen Papierkram und auch wirklich nur dann, wenn es absolut notwendig ist. Auch mein Blickwinkel hat sich geändert, so dass ich ganz bewusst viel Kraft aus den kleinen Dingen des Lebens ziehe: Eine freundliche Kassiererin, ein hilfreicher Mitmensch, berührende Gedanken meiner Kinder, inspirierende Begegnungen durch meinen Blog, oder witzige Alltagssituationen. Auf die Frage, was mein Kleiner am schönsten fand auf der Kur, antwortete er: „Das der Nikolaus da war.“ Aha, Nikolaus im August! Ach gut.

Nur wenn es mir gut geht, geht es auch meinen Kindern gut.

An meinem 2. Tag auf der Mutter-Kind-Kur, habe ich auf Facebook gelesen, dass Dr. Alexandra Widmer ihr Projekt „Stark und alleinerziehend“ beendet. Das hat mich sehr berührt und ich musste erst einmal darüber nachdenken, aus welchem Grund. Durch den resourcevollen Ansatz von Alexandra und ihre Art die Dinge zu sehen konnte ich das, was ich gelernt hatte über Selbstverantwortung während meiner Ausbildung, endlich umsetzen für mein Leben als alleinerziehende, berufstätige Mutter. Das ist ein ganz entscheidender Wendepunkt in meinem Leben und daher hat mich ihr Abschied auch so berührt. Dafür, dass ich zur richtigen Zeit, am richtigen Ort war und Alexandra und ihre Arbeit kennenlernen durfte bin ich unheimlich dankbar. Ich wünsche ihr daher von Herzen alles erdenklich Gute für sie ganz persönlich und ihre Familie, denn nur wenn es ihr gut geht, geht es auch ihren Kindern gut. Dennoch vermisse ich die positiven Beispiele ihrer Arbeit jetzt schon. Leben ist Veränderung, wer weiß das besser als Mütter und Väter?

Das gesellschaftliche Bild, der aufopfernden, bedürfnislosen, berufstätigen Modelmama kann sich nur verändern, wenn Mütter ihre Bedürfnisse in den Vordergrund stellen. Ja, das geht auch, als alleinerziehende Mutter oder Vater, wenn gleich natürlich wesentlich schwieriger als bei klassischen Familien. Und dennoch: „Es geht, es gibt Wege und es lohnt sich, diese zu suchen!“

Nur wenn es dir gut geht, geht es deinen Kindern gut.

Die Housemartins singen in Caravan of Love: „Are you ready for the time of your life?“ Übersetzt heißt das: „Bist du bereit für die Zeit deines Lebens?“ Die Zeit meines Lebens kann ich nur haben, wenn ich mich AUCH mit meinen Wünschen und Bedürfnissen lebe und nicht ausschließlich meine Pflichten erledige meiner Familie und meinem Arbeitgeber gegenüber.

Auf der Mutter-Kind-Kur dürfte ich auch erleben, das manchmal auch Väter „müssen“. Am Tag, bevor wir Heim gefahren sind, hat uns eine Mama erzählt, dass sie ihrem Ehemann 3-Din-A-4 Seiten an Aufgaben gegeben hat für die Zeit, in der sie auf Mutter-Kind-Kur ist. Das hat mich sehr amüsiert und von daher „müssen“ meistens alle Mütter (die Sorgearbeit leistet in Deutschland egal ob in einer Beziehung oder Alleinerziehend überwiegend die Mutter), aber in diesem Fall musste der Vater auch „müssen“ und zwar 3 Din-A-Seiten Aufgaben abarbeiten, während die Mutter mit den Kindern zur Erholung auf Kur war. Das hat was, finde ich. Leider hatte ich niemanden, dem ich so eine Liste schreiben hätte können. Aber was noch nicht ist, kann ja auch irgendwann nochmal werden?

Am wichtigsten ist, damit wir die  Zeit unseres Lebens auch erleben, das wir unsere Bedürfnisse in den Vordergrund stellen, damit das Bild der „aufopfernden, bedürfnislosen, berufstätigen, eierlegenden Wollmilchmodelmama“ hoffentlich in Lichtgeschwindigkeit ausgelöscht wird. Grundlegende Gesellschaftliche Veränderungen beginnen bei jedem einzelnen von uns:

„Sei Du selbst die Veränderung, die Du Dir wünschst für diese Welt.“

(Mahatma Gandhi)

Wie sorgst Du gut für Dich im Alltag? Schreibe mir gerne einen Kommentar dazu.

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