Als Mamalie streikte

Das erste, was ich gemacht habe, als ich nach Hause kam, nachdem ich meine Kinder in die Pflegefamilie gebracht hatte, war: Aufräumen! Ich räume gerne auf, ganz besonders, wenn es mir schlecht geht. Wenn innen drinnen in mir, schon alles im Chaos versinkt, dann soll wenigstens im außen Ordnung herschen. Beim Aufräumen fand ich auf dem Boden Ida und Ole. Ida und Ole sind die 2 kleinsten Stapelbecher, die eigentlich zu den anderen 4 Stapelbechern meines kleinen 8 Monate alten Sohnes gehörten. Meine Söhne waren weg, die übrigen Stapelbecher waren auch weg, aber Ida und Ole waren da und das hat mich sehr berührt. Es war wie eine Vereißung, dass meine Kinder wieder zu mir zurück kommen und ich es irgendwie schaffen kann.

Das Beste an den 3 Wochen, die meine Kinder nicht bei mir waren, war, dass ich endlich wieder einmal schlafen konnte und nicht wie eine Irre im Hamsterrad gerannt bin. Ich hatte viele Ängste, viele Diskussionen mit Vätern, die sich nicht oder nur sporadisch gekümmert hatten und ergebnislose Gespräche mit dem Jugendamt. Ich habe viel nach Hilfe gefragt und wenig Hilfe bekommen, habe Kontakt mit der Redaktion der Zeitschrift Brigitte aufgenommen, mich in einer psychosomatischen Klinik vorgestellt, weiterhin Hilfe in der Beratungsstelle angenommen, viel geweint, gehadert……………….und, vielleicht war daß,  das wichtigste,  ich bin weiter gegangen auf meinem ungewissen Weg.

Die Telefonate mit meinem großen Sohn, der von seinem Vater aus der Pflegefamilie umgehend abgeholt wurde, nachdem er sich ein ganzes Jahr lang nicht um seinen Sohn gekümmert hatte, waren herzzerreißend. Die Besuche bei meinem kleinen 8 Monate alten Sohn in der Pflegefamilie waren schmerzlich. Diesen kleinen Menschen so schutzlos weg gegeben zu haben, war unheimlich schwer auszuhalten. Das ist es bis heute.

Auch 2 Jahre nachdem ich meine Kinder weg gegeben habe, ist es schmerzhaft über alles nachzudenken. Zwischen den Sätzen hänge ich viel meinen Gedanken, Erinnerungen und Gefühlen nach. Meine Kinder waren 3 Wochen weg und kamen dann wieder in ihr zu Hause. Mir hat das so viel Angst gemacht, dass ich eine Panikattacke bekam. Also nichts mit „wir sind jetzt wieder alle zusammen und alles ist gut“. In solchen Situationen gibt es keine Hilfen. Es gibt keine Unterstützung für die täglichen Dinge des Lebens, die man als alleinerziehende Mutter oder Vater mit 2 Kindern bewältigen muss. Ich hatte sogar sehr das Gefühl, dass das Jugendamt mit meinem Fall eher überfordert war, denn meine Kinder waren weder Entwicklungsverzögert, noch verwahrlost, noch sonst irgendwie auffällig. Ich habe ja alles gemacht für meine Kinder, nur hatte ich keine Kraft mehr. Das Eltern keine Kraft mehr haben ist jedoch in unserer Gesellschaft nicht vorgesehen und daher schreibe ich nun diesen Blog.

Zu  unserer Geschichte erschien im Janaur 2016 ein  Artikel in der Frauenzeitschrift Brigitte. Die Kommentare zu diesem Beitrag konnte ich erst jetzt 1,5 Jahre später lesen, ich hatte zu viel Angst vor schlimmen Beiträgen. Danke an alle, die in mir die Stärke gesehen haben. Die wenigsten Kommentare sind negativ. Am meisten berührt hat mich der Kommentar einer Userin, sie schrieb, ich bin eine Heldin. Da hatte ich Tränen in den Augen.

Ich arbeite mittlerweile wieder in der Erwachsenenbildung, habe dann also 1 Jahr nachdem meine Kinder weg waren wieder Arbeit gefunden (kurz bevor ich in Hartz-4 gefallen wäre – hierzu durfte ich einen Gastbeitrag schreiben auf  Family unplugged im Mai 2016).

 

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9 Gedanken zu “Als Mamalie streikte

  1. einglueck schreibt:

    Schön, dass du jetzt auch einen Blog hast! Ich kann mich genau daran erinnern, dass ich den Artikel in der Brigitte gelesen habe und gedacht habe: „Wow, wie mutig“. Wie mutig sich einzugestehen, dass man am Ende ist und nicht mehr kann und sich dann helfen zu lassen. Wie mutig vor allem, darüber zu sprechen und damit zu zeigen, dass „alleinerziehend“ ganz andere Dinge impliziert, als die Klischees uns sagen wollen.

    Ich bin nicht alleinerziehend. Aber gerade deshalb freue ich mich darauf, mehr von dir zu lesen. Weil ich glaube, dass du helfen kannst, wirklich zu verstehen, was das heißt, alleinerziehend sein.

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    • Mama streikt schreibt:

      Herzlichn Dank, für Deinen Kommentar. Es ist erleichternd zu sehen, dass es Menschen wie Dich gibt, die Schwäche als Stärke sehen. Ich habe ehrlich gesagt 1 Jahr drüber nachgedacht, diesen Blog hier zu schreiben und wußte auch zuerst nicht, ob ich mich überhaupt auf den Bericht in der Brigitte beziehen will, denn ein bisschen hatte ich auch Bedenken, mich noch auf eine andere Art und Weise mit meiner schwachen Seite zu zeigen. Während meiner Ausbildung habe ich in vielen Abwandlungen folgenden Satz gehört: „Da wo die Angst ist, geht der Weg entlang.“ Dein Kommentar zeigt mir noch einmal mehr, dass es richtig war, diesen Weg zu gehen. Alleinerziehende sichtbar zu machen mit ihren ganz vielschichtigen Problemen und Klischee dadurch abzubauen ist natürlich auch eines meiner Anliegen und deshalb schreibe ich hier. Alles Gute für Dich und Deine Familie. Herzlichst, Claire

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  2. maramarin21 schreibt:

    Für mich bist Du auch eine Heldin! Du hast gesehen, dass es so nicht weiter geht und richtig gehandelt. Viele von uns Müttern trauen sich das nicht und deshalb wird das Problem, das so viele haben, aus meiner Sicht in dem wirklichen Ausmaß nicht sichtbar. Das ist auch ein Grund, weshalb Mütterblogs wie Deiner einen unschätzbaren Wert haben.

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    • Mama streikt schreibt:

      Naja, ob ich eine Heldin bin….. Ich war einfach fertig und verzweifelt und ich bin es heute mit 2 Kindern und im Moment mal wieder arbeitssuchend (aber niemals arbeitslos :-)), auch oft noch über meine Grenze drüber. Ob das gut ist für die Kinder? Ich weiß es nicht. Aufgeben gibt es nicht für mich und dennoch habe ich ein schlechtes Gewissen, manchmal. Ich versuche mit meinen Kindern die Dinge bewußt anzusprechen und hoffe sehr, dass hilft. Vielen Dank für Deinen positiven Kommentar, der mir Kraft gibt. Alles Gute :-).

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      • maramarin21 schreibt:

        Ich glaube auch, dass es sehr gut ist, mit seinen Kindern auch über schwierige Dinge zu sprechen (in dem Maße, in dem sie es verkraften können). Sie spüren es ja sowieso wenn etwas ist. Wenn wir dann die Dinge benennen, dann zeigen wir ihnen, dass sie ihrer Wahrnehmung trauen können. Alles Liebe für Euch!

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  3. Elisabeth Kollmann-Jeckel schreibt:

    Liebe Claire,

    ich ziehe meinen Hut vor Dir! Ich habe zwei kleine Kinder, aber Hilfe von den Großmüttern und lebe mit dem Vater der Kinder zusammen. Also nicht vergleichbar. Da mein Mann beruflich verreist war, war ich eine Woche mit den Kindern allein (auch ohne Großmütter). Eine Woche. Lächerlich. Und wir haben es gut hingekriegt. Aber ich kam echt an meine Grenzen. Wegen einer Woche. Zwei kleine Kinder sind ein Management-Großauftrag. Alle sollen essen, schlafen, sauber sein, in den Kiga gehen, wieder abgeholt werden vom Kiga, dann noch spielen/Bücher lesen/basteln/malen. Alle Ansprüche erfüllen. Liebe schenken. Wertschätzung. Das ganze Programm.
    Und Du machst das immer und täglich. Wahnsinn. Es ist Zeit Dir auf die Schulter zu klopfen! Danke für Deine offenen Worte, ich lese Deine Texte sehr gern! Ich wünsche Dir von Herzen alles Gute, viel Kraft und einen richtig guten Job!
    Elisabeth

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    • Mama streikt schreibt:

      Liebe Elisabeth,

      herzlichen Dank für Deinen Kommentar, der mich sehr gefreut hat. Ja, es ist täglich ein Management-Großauftrag (möglicherweise klau ich mir das in dem Zusammenhang, vielleicht liest Du es :-)) und das Ende April 2018 seit 9 Jahren. Ich liebe meine Kinder sehr, aber ich würde uns (und auch allen anderen Alleinerziehenden) viel bessere Umstände wünschen.

      Herzliche Grüße und Dir und Deiner Familie alles Gute, Claire

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